Barbara Sukowa bei der Premiere des Kinofilms „Enkel für Anfänger“ in Essen im Januar 2020. Foto: imago/Future Imgage

Helena Zengel und Maria Schrader – Deutschland freut sich über seine beiden Nominierungen für den Golden Globe. Und vergisst dabei seine dritte. Barbara Sukowa ist ein Riesenname, der aber nicht in der Liste der Auslands-Oscars auftaucht. Die gebürtige Bremerin, die in New York wohnt und ihr Herz noch immer in Berlin hat, spielt die Hauptrolle in dem Film „Wir beide“. Das Gefühlsdrama um zwei Intimfreundinnen gilt als Favorit für den Golden Globe als „Bester Auslandsfilm“. Es ist eine französische Produktion, in der die 71-Jährige eine Berlinerin spielt, die mit ihrer französischen Jugendfreundin eine heimliche Affäre hat.

Berliner KURIER: Frau Sukowa, was hat Sie an der Rolle gereizt?

Barbara Sukowa: Es gibt Tausende Filme, in denen es Liebesbeziehungen zwischen Frauen gibt. Doch die sind immer jung, wunderschön und sexy, um den Reiz für männliche Zuschauer zu erhöhen. Ich fand die Geschichte von zwei alten Frauen, die ihre Liebe für eine lange Zeit aufrechterhalten konnten, sehr spannend.

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Martine Chevallier (l.) und Barbara Sukowa in einer Szene aus „Wir beide“. 

Sie sind ebenso in Hollywood wie auch in Europa gefragt. Hand aufs Herz, wo stehen Sie lieber vor der Kamera?

Ich arbeite grundsätzlich am liebsten in meiner Muttersprache. Ich glaube, auf Deutsch kann ich meine Stärken am besten ausspielen. Aber da ich in Amerika meinen Wohnsitz habe, arbeite ich auch gerne in der Nähe meines Heims. Grundsätzlich ist es immer ein neues Abenteuer, mit Crews und Menschen auf der ganzen Welt zu drehen. So wie diesen Film in Frankreich.

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Wo leben Sie in Amerika?

In New York, in Brooklyn. Ich bin auch gerade zu Hause, hier schauen Sie (dreht sich mit ihrem Laptop 360 Grad). Ich bin seit fast 30 Jahren schon fest hier. Eigentlich wollte ich anfangs nur ein Jahr bleiben und Theater spielen. Doch dann habe ich meinen zukünftigen Mann getroffen und bin geblieben. Meine drei Kinder sind auch in New York zur Schule gegangen. Ich bin natürlich beruflich immer regelmäßig in Deutschland gewesen. Ich jette hin und her.

Wenn deutsche Filme in Hollywood Erfolg haben, dann sind es meistens Dramen. Deutsche Komödien dagegen schlagen nie ein. Warum nicht?

Den deutschen Humor verstehen halt nur Deutsche. Ich habe neulich meinen Mann und meine drei Söhne dazu gebracht, einen Loriot-Film zu schauen. Auf Deutsch mit Untertiteln. Ich habe mich schlapp gelacht – während meine Familie mich merkwürdig angeschaut hat. Die Übersetzung war einfach nicht witzig. Es ist am Ende auch eine Sache der Kultur!

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Neben Armin Mueller-Stahl spielte Barbara Sukowa eine der Hauptrollen in Rainer Werner Fassbinders Film „Lola“, 1981.

Fühle Sie sich noch immer als Deutsche oder inzwischen schon mehr amerikanisch?

Ich war bereits 42, als ich hierhergekommen bin. Da bist du schon fertig geformt, du hast deine Heimatkultur verinnerlicht. Alles Amerikanische, egal ob Schulsystem oder Politik, ist irgendwie nur angelernt. Und ich habe auch nach drei Jahrzehnten noch immer einen Akzent und werde häufig gefragt, wo ich her bin.

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Sie haben schon mit vielen großen Regisseuren zusammengearbeitet. Wer ist Ihnen besonders im Gedächtnis geblieben?

Zuerst kommt mir da Rainer Werner Fassbinder in den Sinn. Er war der erste Regisseur, der mir eine größere Rolle gegeben hat, in „Berlin, Alexanderplatz“. Das Ungewöhnliche bei ihm war, dass du nur eine Chance hattest, eine Szene richtig zu spielen. Denn es gab immer nur eine einzige Klappe und dann ging es weiter. Das heißt, dass du dir keinen Fehler erlauben durftest. Fassbinder hat das Beste aus seinen Schauspielern herausgeholt.

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Sexuelle Beziehungen zwischen älteren Menschen sind in Hollywood bis heute ein Tabuthema.

Ich glaube, das trifft auf Sexualität im Allgemein zu. In Deutschland, Frankreich oder auch in den skandinavischen Ländern sind wir einfach sehr viel offener damit. Die Kinder werden schon früh in der Schule aufgeklärt und wir sind als Gesellschaft liberaler. Hier in Amerika werden Dinge entweder völlig übersexualisiert oder sie werden einfach gar nicht angesprochen.

Alter ist insbesondere für Frauen ein heikles Thema in der Filmindustrie. Haben Sie mit dem Älterwerden Probleme?

Gar nicht. Ich bin alt und glücklich. Ehrlicherweise überrascht es mich, dass ich mich so lange gehalten habe. Ich hatte ein sehr erfülltes Leben und ich freue mich auf das, was noch kommt. Ich fühle mich jünger, als ich bin und sehe auch viel jünger aus.

Das kann ich bestätigen!

Alles reiner Zufall, eine Auszeichnung verdiene ich dafür nicht. Ich mochte schon in jungen Jahren den Gedanken, älter und reifer zu sein. Wir leben im Zeitalter des Jugendwahns. Jeder versucht, sich jung zu kleiden und jung zu klingen. Wissen Sie, diese ganze junge Kultur, die keine wirklichen Grenzen mehr kennt, hat reiferen Einfluss mehr als nötig.