Robert Atzorn posiert im Hafen in Hamburg. Im September erscheint die Autobiografie „Duschen und Zähneputzen – Was im Leben wirklich zählt“ des 75-jährigen Schauspielers. Foto: Ulrich Perrey/dpa

Der Schauspieler Robert Atzorn genießt nach wie vor den Ruf, einer der prominentesten TV-Stars des Landes zu sein. Lange glänzte der preisgekrönte 75-Jährige, der sich 2017 aus eigenem Entschluss ins Private zurückgezogen hat, in Serien-Hauptrollen. Ob in „Oh Gott, Herr Pfarrer“ (1988, ARD), als „Unser Lehrer Doktor Specht“ (1992–1999, ZDF), als Hauptkommissar Casstorff im Münchner ARD-„Tatort“ (2001–2008) oder zuletzt als Ermittler Clüver auf der Insel Sylt in „Nord Nord Mord“ (2011–2018, ZDF). 

Im Kinodrama „Aus dem Leben der Marionetten“ (1980) hat er sogar unter der Regie der Weltgröße Ingmar Bergman (1918–2007) gespielt. Und in jüngeren Jahren hat Atzorn auch auf dem Theater gewirkt. Bei alledem war der in der Nähe von Stettin geborene Mann mit den klaren Gesichtszügen und den blauen Augen noch zum Frauenschwarm geraten.

Dass sein Leben viele Jahrzehnte lang von Komplexen, Schüchternheit und Versagensängsten, von beruflichen Nackenschlägen und Niederlagen geprägt war, mag man also nicht unbedingt vermuten. Doch genau so war es, wie Atzorn in seiner Autobiografie „Duschen und Zähneputzen – Was im Leben wirklich zählt“ (Eden Books, Hamburg) sehr offen beschreibt.

Robert Atzorn und seine Frau Angelika Hartung. Foto: Ulrich Perrey/dpa

Wie er auch sein langes Ringen um innere Freiheit und die Entwicklung zu seiner Persönlichkeit schildert – und den wichtigen Beitrag seiner zweiten Ehefrau und Kollegin Angelika Hartung dabei. Sie ist die Mutter seiner beiden Söhne.

„Das Schreiben ist mir gleich ziemlich leichtgefallen“, sagt der am Chiemsee lebende Künstler. „Mir wurde sehr schnell klar, ich muss was geraderücken über Schauspieler. Zeigen, wie schwer der Beruf auch sein kann. Ich war ja bereits Mitte 40, als es mit der Karriere losging. Doch was war in den 20 Jahren vorher?“

Blickt man anhand des Buchs, zu dem Angelika Atzorn eigene Kapitel beigesteuert hat, auf die Ursachen für die Probleme des in Oldenburg (Niedersachsen) und Hamburg aufgewachsenen jungen Manns, stößt man auf ein Stück deutscher Zeitgeschichte.

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Denn Atzorn litt unter seinem aus Krieg und russischer Kriegsgefangenschaft verstummt und überstreng zurückgekehrten Vater, einem späteren Journalisten. Auch die Mutter, eigentlich Sängerin, verfiel in Schweigen und Depression. „Es ist natürlich klar, dass wir alle von traumatisierten Eltern großgezogen sind“, sagt der 75-Jährige über seine Generation. „Und natürlich sind da irrsinnige Defizite. Mein Vater konnte überhaupt keine Gefühle mehr äußern.“

Erst bei einer von ihm und seiner Frau vorgenommenen sogenannten Familienaufstellung sei klargeworden, wie tief die Verletzungen beim Vater waren. „Und dass der wie wohl alle Offiziere und Soldaten seine Gefühle abstellen musste, um seelisch zu überleben. Sonst kann man das ja weder als Täter noch als Opfer aushalten. Da er nie davon erzählt hat, hat er das auch nie erlöst.“ Nach dieser Erkenntnis habe er seinem Vater verzeihen können. Auch Therapien, Yoga und Seminare, zu denen ihn zunächst seine Frau animiert habe und bei denen sie einander gegenseitig unterstützten, hätten bei ihm zu Klärung und Gesundung geführt. Noch heute macht Atzorn Yoga und meditiert jeden Tag.

Die Schauspieler Wolf Dietrich Sprenger (von links), Jochen Kolenda, Gisela Trowe, Robert Atzorn, Claudia Wenzel und Werner Tietze 1992 bei Dreharbeiten für die Serie „Unser Lehrer Doktor Specht“ Foto: Hubert Link/dpa-Zentralbild/dpa

Vor seinem beruflichen Durchbruch Ende der 80er-Jahre hat er nach eigenen Worten auch seitens seiner Kollegen zahllose Genickschläge und Abstürze erfahren, nach denen er immer wieder aufgestanden ist. „Ich hab’ viel eingesteckt in meinem Leben. Zeiten, in denen ich auch schlecht war und den Beruf gar nicht kapiert hatte. Ich lernte, wie man mit diesen Schlägen umgeht. Im Nachhinein betrachtet hat es alles auch seine Folgerichtigkeit – wie Schritt für Schritt von Engeln geführt“, sagt der Star. So urteilte etwa die Theatergröße Peter Zadek (1926–2009) einst über Atzorn: „Er ist das spießigste Arschloch, das ich je auf einer Bühne gesehen habe.“

In seiner Kindheit in der materiell kargen Nachkriegszeit habe ihn erst einmal sein Großvater in Oldenburg gerettet. „Es war toll, dass ich auch mal einen Mann liebevoll erleben konnte. Er war voller Wärme. Dadurch wurde ich aufgefangen“, erinnert sich der 75-Jährige. Später als Jugendlicher lebte er seine Gefühle als Trommler im Mietshauskeller aus, wollte sogar Rock-Drummer werden.

Heute nun genieße er ein intensives Familienleben mit zwei Enkeln und einer Enkelin. „Wir haben ein wunderbares Verhältnis untereinander, meine Söhne leben in der Nähe“, sagt Atzorn. Auch Gespräche mit Freunden seien wichtig. Und unmissverständlich fügt er hinzu: „Die Schauspielerei ist beendet – da fehlt mir nichts.“