Eine Szene, die es nie hätte geben sollen: Patricia Blanco und Prinz Marcus beim Rauswahlspiel. Ginge es nach den Kritikern, wäre Prinz Marcus zu diesem Zeitpunkt schon gar nicht mehr im Haus gewesen. Sat.1

Für die Konsequenzen musste Katy Bähm selbst sorgen. Denn die Produktion von „Promis unter Palmen“ schien nicht auf die wüsten homophoben Beleidigungen von Prinz Marcus einzugehen. So war es der „Queen of Drags“-Star selbst, der den ehemaligen Bordellbetreiber nach Hause schickte. Doch viele Zuschauer fragten sich, warum sie das überhaupt zu Gesicht bekamen und ob Sat.1 so gar nichts aus dem letzten Jahr gelernt hat.

Im Frühjahr 2020 zeigte Sat.1 erstmals, dass Trash-TV machen gar nicht so leicht ist, wie es aussieht. Die durch heftige Mobbing-Attacken gegen Claudia Obert völlig aus dem Ruder gelaufene erste Staffel von „Promis unter Palmen“ sorgte zumindest kurzzeitig für eine Diskussion darüber, wie weit Trash-TV gehen darf. Doch diese Diskussion führte offenbar nie zu einem wirklichen Verstehen in der Branche. Das zeigt sich zum einen darin, dass Matthias Mangiapane und Carina Spack längst wieder kleinere Formate drehen – und auch in der ersten Folge der zweiten „Promis unter Palmen“-Staffel.

„Promis unter Palmen“: Sat.1 warb mit „Noch härter. Noch lauter.“

Eigentlich hätte man es schon ahnen können, als im Vorfeld bekannt wurde, dass mit Henrik Stoltenberg und Chris Töpperwien zwei Kandidaten wegen Drohgebärden aus der Show fliegen. Doch man konnte es da noch so interpretieren, dass Sat.1 eben dazugelernt hatte und Kandidaten bei toxischem Verhalten vor die Tür setzt. Doch das scheint nach Betrachtung der ersten Folge nicht der Fall zu sein, die vom Sender mit den Attributen „Noch härter. Noch lauter“ angepriesen wurde. Prinz Marcus ließ vor laufenden Kameras eine homophobe Tirade ab – und die Produktion schnitt es in die Sendung. Der Shitstorm war perfekt.

Und der war nach Ansicht des bekannten Trash-TV-Twitterers Anredo „bewusst einkalkuliert, um Quote zu machen“. Und ganz von der Hand zu weisen ist dieser Vorwurf nicht. Denn Sat.1 hat sich mit Prinz Marcus von Anhalt für einen Kandidaten entschieden, der 2017 damit hofieren ging, die homophobe und in weiten Teilen als rechtsextreme geltende AfD zu wählen. Vor diesem Hintergrund sind seine diskriminierenden Aussagen nicht unbedingt überraschend.

Man hätte Marcus gar nicht erst einladen sollen, schreibt beispielsweise Trash-TV-Expertin Anja Rützel. Doch das Kind ist längst in den Brunnen gefallen. Der Umgang der Produktion mit den Äußerungen sorgt aber erneut für Ärger. Warum musste diese Geschichte so breit erzählt werden? Wieso wurden so viele von Marcus’ Äußerungen reproduziert? Warum durfte er überhaupt im Haus bleiben, wenn Sat.1 doch aus dem vergangenen Jahr gelernt habe?

„Promis unter Palmen“: Auf Fragen des KURIER ging Sat.1 nicht ein

Auf einen Fragenkatalog des KURIER ging man beim Sender nicht ein, schickte lediglich ein Statement. „Mit seinen homophoben Aussagen hat sich Prinz Marcus von Anhalt selbst bei Zuschauern und den anderen Promis im Haus ins Abseits gestellt“, heißt es darin. Und: Marcus bekomme „aber am Ende die Quittung für sein Verhalten: Die anderen Promis schicken ihn nach Hause. Und das ist gut so.“

Es liest sich ein wenig wie eine Ausrede. Sat.1 hätte diese Geschichte durchaus im Schnitt weglassen können. Schließlich erwähnte Katy Bähm in ihrer Rauswahlrede die homophoben Attacken mit keinem Wort. Man hätte Marcus’ diskriminierende Beleidigungen kürzer halten, besser durch einen Off-Sprecher einordnen können. „Ein Minimum wäre gewesen, als Sprecher die Sachlage zu kommentieren oder einen Disclaimer einzubauen“, schrieb die Trash-TV-Bloggerin vany.schreibt noch am Montagabend. Genug Zeit dafür hätte die Produktion gehabt. Schließlich wurden die letzten Folgen Ende Februar aufgezeichnet.

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Die Gegenrede wurde Willi Herren überlassen – und Katy Bähm selbst. Die musste sich – wegen des nicht erfolgten Rauswurfs – am nächsten Tag noch einmal mit Marcus und seinem homophoben Gedankengut auseinandersetzen, als der der Dragqueen eine vergiftete Entschuldigung vor die Füße rotzte.

In seiner Mitteilung versucht Sat.1, das Zeigen der Szenen als eine Art Bildungsauftrag darzustellen, und zitiert dafür auch Katy Bähm, die in der Show sagte: „Wir brauchen einfach diese Aufklärung auf dieser Welt. Deswegen ist es auch real, was hier passiert ist. Weil das ist das, was die Community Tag für Tag erlebt. Deswegen ist es auch gut, dass die Leute auch mal sehen, vielleicht ist es gar nicht so cool, dass ich überhaupt so denke. Wenn es dafür sorgt, dass draußen ein klein bisschen eine bessere Welt herrscht, bin ich happy.“

Sat.1 hatte bei der Dramaturgie pures Glück

Doch auch wenn der Sender das offenbar anders sieht, nehmen die Gegenrede von Willi Herren und die klugen Worte von Katy Bähm Sat.1 nicht aus der Verantwortung. Es war pures Glück, dass Katy Bähm erst das Kapitänsspiel gewann, Marcus nicht in ihrer Mannschaft landete und Katys Team dann auch das Rauswahl-Game für sich entscheiden konnte. Es ist nicht das Verdienst des Senders, dass Marcus anders als Bastian Yotta, der toxischste Kandidat im vergangenen Jahr, den anderen nicht körperlich überlegen war.

Zudem war die Rauswahl am Ende denkbar knapp, da sich mindestens Calvin Kleinen, Giulia Siegel und Chris Töpperwien trotz der homophoben Äußerungen eben nicht gegen Marcus entschieden. Es war also mitnichten so, wie Sat.1 es darstellt, dass Marcus sich mit seinen homophoben Äußerungen „bei Zuschauern und den anderen Promis im Haus ins Abseits gestellt“ hat. Die Promis haben das gezeigt, bei den Zuschauern legt zumindest ein Blick in zahlreiche Facebook-Kommentarspalten nahe, dass ein nicht unbeträchtlicher Teil Marcus eher zujubelt.

Sat.1 hat Probleme mit dem richtigen Maß beim Trash-TV

Es sind viele kleine Bausteine, die das Versagen von Sat.1 zeigen. Natürlich ist es das gute Recht von Katy Bähm, diese Bühne zu nutzen, um gegen Homophobie einzustehen und sich zu präsentieren, doch es entlässt Sat.1 nicht aus der Verantwortung. Wenn das Casting-Team Marcus nicht exakt für solche Szenen verpflichtet hat, wäre es die Verantwortung der Produktion gewesen, ihn rauszuwerfen. Diesen Schuh muss sich der Sender anziehen.

Es scheint, als hätte Sat.1 noch immer Probleme, das richtige Maß für Reality-TV-Formate zu finden. Schlafen die Zuschauer bei „Promi Big Brother“ regelmäßig vor Langeweile ein, ist „Promis unter Palmen“ allein schon von den Charakteren auf Zoff ausgelegt. Der Cast ist nicht rund. Die Abteilung Attacke ist dramatisch überbesetzt, Stimmen der Vernunft finden sich kaum. Allein, dass Willi Herren in der ersten Folge diesen Part teilweise übernommen hat, entbehrt nicht einer gewissen Tragikomik.

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Sat.1 könnte dieses erneute Versagen teuer zu stehen kommen. Zwar erreichte „Promis unter Palmen“ am Montagabend noch 15,5 Prozent der werberelevanten Zielgruppe, doch ob das so bleibt, ist fraglich. Denn es formiert sich Widerstand. Die Autorin Anja Rützel und der Twitterer Anredo, beides gewichtige Stimmen, was die mediale Begleitung von Trash-TV-Formaten angeht, haben bereits angekündigt, das Format nicht weiter zu schauen. Gut möglich, dass es zahlreiche Zuschauer gibt, die es ihnen gleichtun.