16 Jahre lang war Norbert Blüm Arbeitsminister im Kabinett von Helmut Kohl. Foto: Rolf Vennenbernd/dpa

Die schockierende Nachricht verkündete er selbst. Das wollte sich der ehemalige Arbeitsminister Norbert Blüm (CDU) offenbar nicht nehmen lassen. In einem emotionalen Gastbeitrag in der heute erscheinenden „Zeit“ schrieb er „Ich bin an Armen und Beinen gelähmt. Basta!“

16 Jahre lang, in der gesamten Kanzlerschaft von Helmut Kohl von 1982 bis 1998 war Norbert Blüm Arbeitsminister der Bundesrepublik Deutschland. Später – ohne politisches Amt – immer noch gern gesehener Gast in Talkshows. Der gebürtige Hesse war immer für einen lockeren Spruch oder einen Witz zu haben. Im Karneval trat er als Büttenredner. Doch im Angesicht seiner Lähmung scheint der inzwischen 84-Jährige ernst zu werden. Auch wenn es ihm nicht behagt. „Noch nehme ich das Urteil nicht ganz so ernst, wie ich eigentlich müsste, weil mein Lebensgefühl es nicht akzeptiert, auf Dauer gelähmt zu sein“, schreibt er in dem Beitrag, den er laut der „Zeit“ seiner Frau Marita diktierte. Die beiden sind seit 55 Jahren verheiratet.

Norbert Blüm und seine Marita sind seit 1964 verheiratet. Foto: Jörg Carstensen dpa/lnw

Der Grund für seine Lähmung sei eine Blutvergiftung gewesen, in dessen Folge er ins Koma gefallen war. Nach einem monatelangen Aufenthalt im Krankenhaus habe er die Klinik in der vergangenen Woche wieder verlassen können. „Ich fühle mich wie eine Marionette, der sie die Fäden gezogen haben, so dass ihre Teile zusammenhanglos in der Luft baumeln“, schrieb Blüm. Er habe ein intensives öffentliches Leben geführt – „zeitweise als Rummelboxer der Politik“. Im Horizont des Rollstuhls falle der Rückblick anders aus als in der herkömmlichen Panoramasicht. „Ich beurteile manche Ereignisse meines Lebens anders als bisher, und der Rollstuhl bildet die Wasserscheide.“

Blüm lobt menschliche Wärme des Pflegepersonals

Selbst die Wiedervereinigung Deutschlands betrachtet er nun anders. Nicht als Ende einer Entwicklung, sondern als Zwischenschritt. Blüm lobt nach Monaten im Krankenhaus die menschliche Wärme des Pflegepersonals. Er beschreibt die Machtlosigkeit, wenn sich die Gliedmaßen nicht bewegen lassen. Die Suche nach dem Warum für seine Lähmung führte den Katholiken Blüm auch zur biblischen Figur Hiob, die zahlreiche Schicksalsschläge hinnehmen musste.

Mit sich und seinem Leben abgeschlossen hat Blüm, der stets – und nicht nur wegen seiner Aussage, dass die Rente sicher sei – als Optimist galt, aber längst nicht. Er sei mehr als sein Leib, schreibt er und blickt nach vorne, auf die neue Situation. Sein Rollstuhl, schreibt er, „ist ein strenger Lehrmeister.“