Rainald Grebe hat in der Pandemie keine Federn gelassen, er entwickelt schon wieder neue Programme. Foto: Imago

Nein, Rainald Grebe hat sich nicht verkrochen. Natürlich hätte er die Aerosolwolken der Großstadt leicht hinter sich lassen und aufs Land flüchten können. Nördlich von Berlin, da ist der Liedermacher und Volkspoet ja mindestens ebenso gern zu Hause wie an der Spree. Aber dieses Mal ist er hiergeblieben, wie er gleich verrät – trotz Corona. Und er war fleißig. Er entwarf in seinem Kopf Programme, die wahrscheinlich nie das Licht der Bühne erblicken werden, er erfrischte sich an alten Liedern, um sie noch einmal neu zu erfahren, er bereitet sein großes Waldbühnenkonzert am 31. Juli vor, und er schrieb an einem Buch. Was heißt „schrieb“? Noch ist er ja nicht fertig damit. Es sind seine Memoiren. Am Mittwoch wird Grebe 50 Jahre alt, Zeit für ein Bilänzchen.

Berliner KURIER: Wo sind Sie heute Morgen aufgewacht, Herr Grebe. In Berlin oder auf dem Land?

Rainald Grebe: In Berlin. Wir sind wegen der Kinder hier. Es geht ja um Schule und Kita. Das ist zurzeit leider etwas schwierig. Wir Künstler sind ja nicht systemrelevant. Jetzt ist wegen Corona der Kitaalltag wieder gestört. Aber auch das Leben auf dem Land hat seine Tücken. Ich habe da keinen Internetempfang, da funktioniert das Homeschooling also nicht, was die Kinder wegen der vielen Zoom-Meetings aber brauchen. Und deshalb sind wir auf dem Land seltener.

Sie sind ein richtiger Familien-Papa! Ist das was Neues in Ihrem Leben?

Nö, das ist eher der Alltag, den wir hier haben. Aber man muss ja auch nicht groß drüber reden.

Draußen glauben viele, Sie wären ledig und kinderlos …

Das ist ja auch gut und schön, dass die Biografie so verschleiert ist. Ich bin schwul, ich bin bi … herrje, was man nicht alles finden könnte.

Man muss ja nicht über alles reden als Künstler.

Aber ich erzähle ja fast alles! Im Gegensatz zu manchen, die alles geheim halten. Ich bin ja eher der offenherzige Typ.

Erzählen Sie uns was über Ihren Geburtstag, Sie werden 50. Den hatten Sie sich sicher anders vorgestellt.

Richtig, mit einem großen Fest und vielen Leuten. Das geht jetzt nicht so. Die Reise nach Mecklenburg ist auch verschoben. Man darf jetzt nicht mehr ans Meer fahren, wenn man da nicht wohnt. Es gibt gewisse Hindernisse, aber mit Selbsttests wird es vielleicht doch möglich sein, dass man sich trifft – an einer langen Tafel in einer Ritterhalle oder sonst wo, ich weiß es noch nicht. In einem Rittersaal werden jedenfalls die Abstände eingehalten, und es gibt womöglich 80-jährige Kellnerinnen, die geimpft sind und einem Suppe servieren.

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Sind Sie denn ein Geburtstagsfeierer?

Nee! Es war immer sehr karg und ich habe nie groß gefeiert. Und jetzt hatte ich das mal vor, und jetzt geht es nicht. Mit Zelten und Campen und dass die alle kommen und mit mir feiern – das ist wegen Corona nicht möglich. Es wird verschoben, wie alles andere auch.

Warum haben Sie das Gefühl, dass Sie ausgerechnet den 50. feiern müssen?

Weil ich den 40. gefeiert habe, das war auch gut so, das sind so runde Daten, und sich an so einem Tag zu verkriechen, ist ja auch blöd. Jetzt habe ich mich schon die letzten Jahre zurückgehalten, da kann man das mal machen.

Sie können das Fest mit Fans ja am 31. Juli in der Waldbühne nachholen – wenn es denn stattfindet.

Wenn es denn stattfindet, das ist wohl wahr.

Ich bin so erstaunt, dass Ihre Homepage zum 18. Mai nach Darmstadt einlädt. Wie sicher ist es, dass das Konzert stattfindet?

Oh Gott, das wird wahrscheinlich ausfallen. Man wundert sich zurzeit ja über gar nichts mehr. Und wahrscheinlich geht es all meinen Kollegen genauso. Jedenfalls gehe ich davon aus, dass das Konzert nicht stattfindet. Aber darum kümmern sich die Agenturen, die machen da so eine Art Verschiebebahnhof draus.

Rainald Grebe in seinem Studio. Er hofft, schon bald wieder auf der Bühne zu stehen. Foto: Allesandro De Matteis/zVg

Hilft das Impfen?

Na ja, viele Sommerfestivals sind abgesagt. Wir hoffen natürlich alle, dass die eine oder andere Vorstellung noch stattfinden kann, aber was weiß ich? Momentan ist Land unter und überall herrscht die große Depression. Jetzt kommen wir wieder auf das bekannte Thema …

Was bedeutet das wirtschaftlich für Sie?

Ich habe noch Rücklagen, aber die schmelzen dahin. Dabei ist das Finanzielle nicht mal das eigentliche Problem, sondern der Energieverlust. Früher, als wir noch berufstätig waren, hieß es: Man nimmt sich was vor und führt es dann aus. Eine Idee entsteht und man muss es irgendwie umsetzen, das war bisher immer das Problem. Seit einem Jahr geht das Spiel anders: Man denkt sich was aus und dann wird das ausradiert. Das macht natürlich irgendwann keine Laune mehr. Wenn ich heute Kollegen treffe, dann reden wir über unseren Beruf wie etwas, das schon lange vorbei ist. Und das ist wirklich komisch.

Was soll man machen? Streaming?

Für einen echten Live-Rock’n’Roller ist das nichts. Aber ich schreibe gerade ein Buch.

Worüber?

Ich schreibe meine Autobiografie. Aufgrund meiner Krankheit (Grebe hatte einen Schlaganfall, die. Red.), weil ich sozusagen hirnkrank bin, habe ich meine Krankengeschichte aufgeschrieben. Es ist ein Erinnerungsbuch, das gewisse Erinnerungslücken hat, bei dem man also nicht mehr weiß, stimmt das Erzählte oder stimmt es nicht, und das passt ja. Aber es ist Literatur, es geht also nicht um Bettgeschichten und um Drogen …

Das kommt in der Literatur regelmäßig vor.

Vielleicht werde ich noch auspacken, schonungslos, wer weiß. Jedenfalls wächst es sich aus.

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Sie hatten 2017 einen Schlaganfall, ist das die Geschichte, die Sie verarbeiten?

Ja, das ist ein Ausgangspunkt, dass man die Realität nimmt mit dem ganzen Reha-Programm und den Ärzten drumherum, die Welt der Wartezimmer, und das als Trittbrett nimmt, um Fantasie zu zünden. Ich habe das erst abgelehnt – Autobiografie, da bin ich nicht der Richtige für, und plötzlich dachte ich aber: doch! Ich finde einen Weg, da ranzukommen.

Was lernen andere Betroffene?

Ich habe natürlich 1000 Bücher hier liegen, auch die Biografie von Bill Kaulitz und von Ben Becker und weiteren Schauspielern. Das ist das Übliche. Aber da schaue ich mir den Tonfall an. Dann habe ich aber auch Schlaganfall- und Krankenbücher, in die ich reinschaue. Das ist ja ein eigenes Genre, diese Krankengeschichten.

Wann kommt Ihr Buch auf den Markt?

Im Herbst, ich habe sogar schon einen Termin. Im Juli ist Abgabe und dann soll im September alles rauskommen.

Ein dicker Schinken?

Ich fürchte ja, weil auch ein Zeichner mit daran arbeitet, dazu gibt es viele Fotos – es wird ein Prachtband. Und er schwillt gerade an. Ich werde auf jeden Fall im nächsten Jahr damit touren – falls es gelingt. Die Agenturen versuchen es ja immer wieder, die denken, es gebe noch eine Zukunft. Aber im kommenden Jahr haben wir dann die nächste Welle und dann wird die Tour wieder verschoben. Mal sehen.

Nehmen wir an, Sie dürfen wieder auf Bühne. Was wird der erste Song sein?

Ich hatte mal so ein Programm, das ist kurz vor dem Lockdown letztes Jahr herausgekommen, da war es noch ganz frisch. Jetzt ist es aber schon wieder ganz alt. Falls es also mal einen Auftrittstermin geben wird, treffe ich mich mit meinem Techniker, und dann werden wir uns erinnern. Entweder wir werfen alles weg, weil das Programm ja schließlich das Leben vor Corona spiegelt, oder wir ziehen es durch und mixen es mit neuen Texten. Aber das ist noch nicht absehbar.

Ein Lockdown-Programm haben Sie nicht geschrieben?

Noch nicht, aber wenn es notwendig wird, überlege ich mir das noch mal.

Welche Kopfbedeckung wäre für den ersten Auftritt nach Corona angemessen?

Vielleicht ein Sack voll Kartoffeln.

Also kein Federschmuck mehr. Den hat man Ihnen sowie verboten. Es heißt, Sie würden sich damit etwas aneignen, was nicht Ihnen gehört.

Das Ganze ist sehr hochgekocht, und wie bei allen Dingen, die eigentlich gut gemeint sind, schießt das übers Ziel hinaus. Da ist dann aber auch schnell die Leichtigkeit weg. Für Humorveranstaltungen ist es schwierig, das heißt: Ich kann jetzt den Federschmuck nicht mehr aufsetzen, ohne ihn zu thematisieren. Das mache ich dann auch, aber die Lust ist natürlich weg. Früher war es ein Scherz, über den wir gelacht haben, und jetzt ist es beschwert durch das Thema. Jetzt ist es Rassismus, kulturelle Aneignung, und das macht die Sache nicht einfacher.

Aber Sie bekommen keine bösen Briefe und Drohungen deswegen?

Doch! Die habe ich allerdings auch schon vor zehn Jahren bekommen, da gab es schon die ersten Meldungen, dass es ja rassistisch sei, diesen Federschmuck aufzusetzen, und das hat mich damals natürlich sehr gewundert, heute aber ist das Alltag für mich. Wenn man heute im Kabarett so einen Federschmuck aufsetzt, dann weiß der Zuschauer gleich: Oha, jetzt wird es politisch.

Nicht wenige halten Sie für einen Ossi, dabei sind Sie ein waschechter Rheinländer. Woher kommt das eigentlich?

Weil ich 1991 hergezogen bin, ich fiel quasi in den Osten rein und bin dann auch – konservativ, wie ich bin – dageblieben.

Interessant, auf welchen Typ man festgelegt wird.

Interessant, wie wenig Wossis es gibt! Aber bei mir kommt es vielleicht daher, dass ich den Osten so mag. Und zwar so, dass ich da gar nicht mehr weg will, das ist meine zweite Heimat geworden. Ich habe da studiert und gearbeitet, habe dort hauptsächlich Theater gespielt, einige Songs kamen daher. Ich habe im Osten, glaube ich, auch mehr Fans als im Westen. Das ist einfach Heimat für mich geworden.

Hat das vielleicht auch mit der Art von Volksmusik zu tun, die Sie mögen? Eigentlich gehören Sie ja zu der Generation, die mit amerikanischer Popmusik groß geworden ist.

Damals, vor Corona, als wir noch reisen konnten, haben wir überall die Welt gesucht, und da war es interessant zu singen: Wir kommen aus Brandenburg. Das hat natürlich keinen nationalen Bezug mehr, sondern einen regionalen, man rechnet die Identität also immer weiter runter. Der Bezug wird dann so klein, dass man plötzlich auch Lieder über Straßen singt, was ich getan habe. Das ist ein Spiel mit Anti-Globalisierung.

Sie haben auch viele junge Fans. Sie machen damit also alles richtig.

Das weiß ich nicht. Aber es ist schön. Ich weiß von meinen Auftritten 2005, als es losging, da war ich auch schon Mitte 30, und auf einmal sah man auf diesen YouTube-Channels 18-Jährige. Die haben ihrerseits sicher gar nicht verstanden, was ich damals so gemacht habe.

Sollte man sich als Künstler jungen Leuten andienen, um sie zu ködern?

Ich weiß gar nicht, wie das geht. Was sagt man da? Wie kann ich ein Lied schreiben für eine Zielgruppe? Das ist echt schwierig. Vielleicht gibt es ja Manager, die so was machen. Aber ich bin da eher bei mir und ganz oldschool.

Bedeutet 50 künstlerisch eine Zäsur für Sie?

Sagen wir mal so: Wenn ich heute einen Song schreibe, dann ist die Fülle der Songs da, die ich schon veröffentlicht habe, das sind 100, vielleicht auch 200 Stück. Und es ist wahnsinnig schwer, sich von da aus noch einmal neu zu erfinden.