Berlin: Zehn Radikalkünstlerinnen zertrümmern die Schönheit des klassischen Balletts. Die Vorstellungen von „Tanz“ in den Sophiensälen sind restlos ausverkauft. Erst zum Theatertreffen im Mai gibt es wieder Karten.
Foto: Eva Würdinger/zVg

Wenn Nacktheit auf der Bühne ein Kostüm ist, wird der Zuschauer im Theater zum eigentlichen Nackten. Entsprechend ungemütlich geht es derzeit auf den Stühlen in den Sophiensälen zu. Dort wird der Abschluss von Florentina Holzingers Trilogie zum „Körper als Spektakel“ gezeigt. Die 130-Minuten-Performance „Tanz – Eine sylphidische Träumerei in Stunts“ dekonstruiert das klassische Ballett und erschüttert bis ins Mark – denn sie ist roh, pur und existenziell. 

Schon die zweite Szene des 1. Akts verstört. Eine Gruppe von Tänzerinnen lässt sich von einer nackten Ballettmeisterin (Beatrice Cordua, 79, sie tanzte bereits als Primaballerina für John Neumeier hüllenlos!) in die klassischen Fußpositionen Feuillets zwingen. Obwohl die wenig grazilen Tänzerinnen um Netti Nüganen und Lydia Darling nicht gerade das Ebenbild einer Ballerina abgeben, erscheinen ihre Positionen perfekt: die Füße sind sauber gestreckt, die Linien wirken leicht und kraftvoll zugleich.

Die Performance „Tanz“ arbeitet sich am verbreiteten Schönheitskult ab, an der Unterwerfung unter das Ideal eines biegsamen Körpers und an der Disziplinierung des Ichs durch die Zurichtung jungen Fleischs. Foto: Eva Würdinger/zVg

Dann kommt wie nebenbei die Anweisung: Zieht euch aus, und nach und nach stehen die Mädchen nur noch in Socken an der Stange. Spätestens hier wird die Szene surreal, brutal – und feministisch.

Die österreichische Choreografin Florentina Holzinger („Kein Applaus für Scheiße“) hat mit „Tanz“ einen schwer erträglichen Ballettabend inszeniert. Einen, der ohne Geschichte auskommt, aber von einer Symbolik der Wut nach vorn getragen wird. „Tanz“ arbeitet sich am verbreiteten Schönheitskult ab, an der Unterwerfung unter das Ideal eines biegsamen Körpers, an der Disziplinierung des Ichs durch die Zurichtung jungen Fleischs. Holzingers grelle, ungeschönte Bildsprache und die wiederkehrende A-cappella-Choreografie stehen dabei in gewolltem Gegensatz zur Anmut klassischer Ballettfigurationen.

Ihre Methode ist denkbar einfach. Sie setzt auf Echtheit: Es wird echt in Eimer gepisst, man guckt in echte Vaginen rein, echte Motocross-Maschinen baumeln am Schnürboden, es geht um echte Schmerzen, und es ist streckenweise echt anstrengend, bei all dem zuzusehen. Insbesondere der Höhepunkt des Abends, wenn der Rücken von Radikalkünstlerin Lucifire von Metallhaken durchbohrt und sie wie Schlachtvieh daran aufgehängt wird, ist auf peinliche Weise zudringlich – weil er auf Schockeffekte setzt. Der Splatterfaktor ist hoch. Viel Applaus gibt es trotzdem für zehn Künstlerinnen, die das Spektakel ihrer Körper am Schluss erwartungsgemäß in einem Ozean aus Blut absaufen lassen.

Die Performance ist zum Berliner Theatertreffen eingeladen.