Tim und Melina küssen sich bei der Paarungs-Zeremonie. Andere „Love Island“-Kandidaten applaudieren. Foto: RTL2

Halbzeit bei der vierten Staffel von Love Island. Rund zwei Wochen haben die Kandidaten in der Villa jetzt schon nach ihrer großen Liebe Ausschau halten können. Und während es einigen besser gelungen ist als den anderen, fällt vor allem auf: Dieser Cast ist der wohl untrashigste seit dem ersten Dschungelcamp, dem Urknall des Trash-TV in Deutschland. Und das ist echt erfrischend.

Natürlich bleibt auch diese Staffel „Love Island“ noch immer Reality-TV. Die Tage der Kandidaten bestehen zu großen Teilen aus am Pool einer wunderschönen Villa gammeln, umziehen und schminken, Interviews geben, auf Knopfdruck Partys feiern und dem Gegenüber klarmachen, dass man ihn oder sie auf jeden Fall „noch besser kennenlernen“ möchte. Doch die Kandidaten scheinen das Erlebte besser zu reflektieren, sich mehr auf das Spiel an sich einzulassen, als in vielen anderen Formaten oder auch vorangegangenen „Love Island“-Staffeln – und sie können das teilweise auch noch ordentlich artikulieren.

Ein „Love Island“-Cast mit mehr Tiefgang

Vielen Fans galt das englischsprachige Trash-TV als besser. Die Kandidaten dort hätten im wahren Leben richtige Jobs und könnten ganze Sätze formulieren, lautete die Kritik. So könnte der Zuschauer mehr mit ihnen mitfühlen. Das trifft auch auf viele der aktuellen Kandidaten der vierten Staffel von Love Island zu – auch wenn die meisten von ihnen als Model vorgestellt wurden. Es sind Charaktere mit einem gewissen Tiefgang dabei, denen man anmerkt, dass sie erst denken und dann handeln.

Ihnen nimmt man das Kribbeln ab: die „Love Island“-Kandidaten Anna und Marc. Foto: RTL2

Zwischen den albernen Spielen blitzen immer wieder teils tiefgründige Gespräche auf, wenn beispielsweise Anna und ihr Auserwählter Marc auf dem Daybed liegen und über die Zeit nach der Show sprechen, wenn Tim und Melina sich langsam annähern – und selbst die Trennungs-Gespräche zwischen Josua und Chiara wirken sehr erwachsen, bedenkt man das kindliche Verhalten diverser Kandidaten in den Staffeln zuvor.

Ein Hauch von Feminismus bei „Love Island“

Die meisten Kandidaten scheinen aufeinander Acht zu geben und tatsächlich auf der Suche nach einem Partner zu sein. Gänzlich ungewohnt ist der feministische Hauch, der durch das Haus weht, da alle weiblichen Kandidatinnen den Pakt geschlossen haben, sich nicht gegenseitig dafür verantwortlich zu machen, wenn ein männlicher Kandidat ein Auge auf zwei Frauen geworfen hat. Verbrüderung gab es oft, eine Verschwesterung ist neu und ein wichtiges Zeichen – gerade an die jüngeren Zuschauerinnen.

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Weil es so neu und ungewohnt für das deutsche Trash-TV ist, liefern diese harmonischen Szenen einen unerwarteten Unterhaltungswert. Doch auch diese Staffel kommt nicht ohne Drama aus, was vor allem an Minister-Enkel Henrik – der wie eine Karikatur eines reichen Jungen wirkt, sich immer nehmen konnte, was er wollte – und seiner Partnerin Aurelia liegt, die ihm alle Verfehlungen durchgehen lässt.

Henrik und Aurelia sind das „Love Island“-Couple mit dem größten Drama-Faktor. Foto: RTL2

Auch durch diese beiden wirken die meisten anderen Kandidaten erwachsener. Sowohl ihn ihren Beziehungen, aber auch, wenn sie den beiden Drama-Kandidaten Tipps geben – die diese selbstverständlich gekonnt ignorieren. Dass sich die Kandidaten in die Richtung entwickeln, wie es sie bei englischsprachigen Formaten immer wieder gibt, zeugt von einer größeren Akzeptanz. Reality-Formate sind nicht mehr der letzte Strohhalm, es beruflich zu etwas zu bringen, sondern inzwischen auch in Deutschland ein Teil des Lebens, in dem Männer oder Frauen die Suche nach der Liebe mit Geldverdienen verbinden können. Eine auf den Kopf gestellte Partnerbörse.

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Doch die Reflektiertheit und die scheinbar ehrlichen Absichten vieler Kandidaten bergen für den ausstrahlenden Sender RTL2 für die zweite Hälfte der Reality-Show ein gewisses Risiko. Denn es haben sich schon drei Pärchen gefunden, die entweder wegen echten Gefühlen (Marc und Anna, Tim und Melina) oder absoluter Selbstverleugnung (Aurelia und Henrik) bis zum Schluss zusammen bleiben könnten. Das könnte die Handlung etwas eintönig machen, ganz egal, wie oft die Kandidaten „Bon Schlonzo“, den Schlachtruf der aktuellen Staffel, in die Kamera grölen.