Eine Szene aus dem „Sommerhaus der Stars“: Auch in diesem Format geht es den Teilnehmern oftmals um ihre Echtheit. TVNow

Es zieht sich durch alle Trash-TV-Formate, von den Anspruchsvolleren wie „Love Island“ bis hinunter zu „Ex on the Beach“ oder „Paradise Hotel“: Zahlreiche Kandidatinnen legen viel Wert darauf wie real, wie echt sie sind. Doch bei näherer Betrachtung ist das oft gar nicht so erstrebenswert.

Trash-TV-Trugschluss: Echtheit ist keine Eigenschaft

Denn echt zu sein, ist erstmal keine Eigenschaft. Echt zu sein, ist lediglich die Abwesenheit davon, sich zu verstellen – oder eben die Abwesenheit, sich verstellen zu können. Denn ehrlicherweise sei gesagt: Manchmal ist es gut, nicht real zu sein. Wenn man beispielsweise tief im Herzen ein Axtmörder ist, sollte man tunlichst nicht echt sein, sondern sich lieber hinter einer Fassade verstecken, die niemanden mit einer Axt umbringen möchte.

Nun gibt es im Trash-TV keine Äxte, doch die Mechanismen sind die gleichen. Denn wenig überraschend sind es vor allem die lauten, extrovertierten Kandidatinnen und Kandidaten mit der kurzen Zündschnur, die für sich beanspruchen, echt zu sein. Längst ist es ein Zeichen von Echtheit geworden, Beleidigungen ungefiltert auszuspucken, frei nach dem Motto: Ich habe dich zwar extrem verletzt, aber ich bin dabei echt gewesen, weil ich ein echter Kotzbrocken bin. Elisha aus der ersten Staffel „Are you the One“ ist so ein Kandidat, oder die Mobbing-Gang aus dem „Sommerhaus 2020“ um Bachelor Andrej Mangold und das Youtuber-Pärchen Lisha und Lou - und immer wieder auch Influencerin Elena Miras.

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Es geht dabei nicht darum, das Wesen komplett zu verändern. Trash-TV-Fans lieben Elena Miras für ihr Temperament. Das Sommerhaus 2019 wäre sinnlos ohne sie gewesen: Wer hätte sonst gefragt: „Wo ist die Fairness geblieben? Wo?“ Es geht darum, dass die Realness, die Echtheit, über alles gehoben wird: über Freundlichkeit, Empathie, Loyalität, aber auch negativ konnotierte Eigenschaften wie Spitzzüngigkeit, Intriganz und Hochmut. Aus all dem lassen sich Geschichten erzählen, es lässt sich ein Bild einer Person formen. Echtheit hingegen ist nichts weiter als ein Siegel ohne Bedeutung.

Trash-TV: Echt zu sein, ist keine Leistung

Es ist keine Leistung echt zu sein, ganz im Gegenteil: Es ist eine Nicht-Leistung, weil man, um echt zu sein, nichts tun muss. Man muss einfach nur laufen lassen. Das wird vor allem dann deutlich, wenn man von den aufbrausenden Kandidaten zu den ruhigen, zu den langweiligen Kandidaten wie Dennis aus der fünften „Love Island“-Staffel geht. Der war auch echt. Echt langweilig – abgesehen von einigen toxischen Momenten in den letzten Folgen. Doch er war zufrieden damit, weil er eben so war wie er war.

Gutes Reality-TV braucht mehr als Menschen, die echte Kotzbrocken oder echte Langweiler sind. Gutes Reality-TV muss Geschichten erzählen und Kandidaten haben, die bereit sind, Geschichten zu erzählen. Sie müssen nicht in eine komplett andere Rolle schlüpfen, aber allein echt zu sein, macht weder sie zu besseren Menschen, noch die Show, in der sie mitwirken, zu einer besseren Sendung.

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Einer, der dieses Spiel beherrschte wie kaum ein zweiter, war Willi Herren, der am Mittwoch nach seinem plötzlichen Tod mit nur 45 Jahren in Köln beerdigt wurde. Er sorgte für Unterhaltung, spielte auch taktisch und blieb dennoch immer irgendwie Willi. Diesen Spagat bekommen nicht viele hin. Er wird dem Trash-TV fehlen. Echt.