Sängerin, Songwriterin, Model, Synchronsprecherin und bald auch Schauspielerin? Lena Meyer-Landrut stellt sich auf dem Roten Teppich der diesjährigen Berlinale den Fotografen und Fans. Foto: F. Kern/Future Image/imago images

Vor zehn Jahren schoss sie sich mit ihrem Song „Satellite“ direkt ins Rampenlicht, und noch heute steht sie da: Lena Meyer-Landrut, Gewinnerin des Eurovision Song Contests 2010.

Inzwischen ist Lena 28 Jahre alt, hat 3,4 Millionen Follower auf Instagram, macht Werbung für Kosmetik, saß in zahllosen Talentshows als Jurorin, sang in der „Sesamstraße“, synchronisierte Animationsfilme und unterstützte Angela Merkel im Bundestagswahlkampf.

Für den Animationsfilm „Trolls“ wurde sie vor vier Jahren zu Prinzessin Poppy. Auch in der jetzt erschienenen Fortsetzung „Trolls World Tour“ – abrufbar bei Amazon Prime Video, Sky Store, Apple TV und Google Play – lieh sie Poppy ihre deutsche Stimme.

Quirlig, gut gelaunt und für jeden Spaß zu haben – so präsentiert sie sich in unserem Gespräch. Und so makellos schön, dass man kaum die Augen von ihr nehmen kann.

Auch in der Fortsetzung von „Trolls“, der „Trolls World Tour“, leiht Lena Meyer-Landrut Prinzessin Poppy ihre Stimme.

Quelle: YouTube/Kinocheck

Lena, „Trolls World Tour“ ist so ein quietschbuntes, ausgelassenes Spektakel für Augen und Ohren, dass man sich fragt, ob die Filmemacher auf einem Drogentrip waren. Mussten Sie im Synchronstudio ohne Drogen auskommen?

Natürlich nicht! Uns wurde gleich am Anfang ein Zugang gelegt, damit wir die ganze Zeit vollgedröhnt sein konnten! (Lacht schallend.)

Sie geben Konzerte vor Tausenden Fans und füllen große Hallen. Fühlen Sie sich vor dem Synchron-Mikrofon nicht etwas einsam?

Überhaupt nicht. Ich liebe die Arbeit im Synchronstudio. Neben der Musik ist das für mich das Allertollste. Außerdem mag ich es, dass ich einen strukturierten Tag und eine klar geplante Woche habe. Wenn ich von 10 bis 19 Uhr arbeite, kann ich plötzlich planen und habe eine echte Tagesroutine. Das vermisse ich manchmal, wenn ich zum Beispiel auf Tour bin. Außerdem bin ich nicht ganz alleine. Im Studio sitzen auch ein Tontechniker, ein Regisseur und jemand, der auf die Lippensynchronizität achtet. Nur bei Dialogen vermisse ich manchmal meine Kollegen, weil ja auch alle gemeinsamen Szenen von jedem allein eingesprochen werden müssen.

Waren die Filmsongs für Sie ein Grund, mit von der Partie zu sein?

Das Singen ist nur ein schöner Bonus obendrauf. Ich singe in dem Film ja auch ganz anders, als ich normalerweise singe. Man soll die Poppy raushören. Für den Film bin ich ein Troll, nicht Lena, der Popstar. Poppy ist quietschiger als ich. Ich drücke mehr in der Stimme und bin insgesamt lauter. Das macht Spaß, ist aber auch eine Herausforderung. Ich singe ja auch für gewöhnlich nicht auf Deutsch. Vielleicht hat es sich deshalb auch etwas fremd angefühlt.

Was sind Ihre persönlichen Gute-Laune-Songs?

Ich bin Radiohörer. Ich stelle morgens das Radio an, wenn ich unter die Dusche gehe und lasse mich gerne von aktuellen Hits berieseln. Oder ich mache die „Happy Hits“-Playlist bei Spotify an. Ich bin schon ein richtiges Pop-Mädchen. Wobei ich gerade ein bisschen bei Country hängen geblieben bin. Aktuell höre ich auch wieder viel 90er-Jahre Pop, wie „Sixpence None the Richer“ und Natalie Imbruglia. Oh, und Natasha Bedingfield liebe ich gerade wieder.

Ich denke auch nicht so viel über Konsequenzen nach. Wenn ich in einen Pool springe, teste ich vorher nicht, wie kalt der ist.

Lena Meyer-Landrut

In Teil 1 war Ihre Poppy Prinzessin, inzwischen ist sie Königin. Das passt doch zu Lena, der Pop-Queen.

(Lacht.) Das haben Sie jetzt gesagt, das hat nichts mit mir zu tun. Aber ich finde Poppy sehr süß. Sie versucht ja, es allen immer recht zu machen. Sie ist ein bisschen überambitioniert und verliert manchmal die Weitsicht. Eine Strategin ist sie nicht, sie ist auch nicht besonders gut im rationalen Denken. Aber emotional ist sie immer ganz da und hat ein riesiges Herz.

Wie Sie?

(Lacht.) Ich denke auch nicht so viel über Konsequenzen nach. Wenn ich in einen Pool springe, teste ich vorher nicht, wie kalt der ist. Oh, und ich nerve meine Freunde ganz oft!

Weil Sie nach einem langen Tag im Synchronstudio auch laut und quietschig sind?

Nee, im Gegenteil. Nach einem Tag Synchronarbeit bin ich total platt und eher still. Da muss man ja den ganzen Tag Vollgas geben, danach ist mein Hirn leer. Nach solchen Tagen treffe ich auch keine Freunde mehr, weil ich gar nicht richtig für sie da sein kann. Ich muss dann erst mal runterkommen.

Wie machen Sie das?

Ich trinke einen Tee oder backe was.

Sie backen?

Ja, backen beruhigt mich. Ich liebe Süßes. Aber ich backe nicht jeden Tag. Manchmal gehe ich einfach nur spazieren oder gucke eine Serie.

Foto: Sven Simon/imago images
Zur Person

Seit ihrem Sieg beim Eurovision Song Contest in Oslo 2010 ist Lena Johanna Therese Meyer-Landrut, geboren am 23. Mai 1991 in Hannover, als Sängerin und Songwriterin erfolgreich. Bis heute hat sie fünf Studioalben veröffentlicht. Im Fernsehen ist sie seit Jahren präsent als Jurorin in „The Voice Kids“, einer Musik-Castingshow für Kinder. Außerdem hatte sie vier Gastauftritte als Laiendarstellerin. Auch als Synchronsprecherin ist sie gefragt. Fünf Filme stehen bislang zu Buche, als jüngster „Trolls World Tour“. Und jetzt würde sie sich gerne als Schauspielerin versuchen.

Wie viele Versuche brauchten Sie maximal für einen Satz?

Es gibt immer so ein, zwei ganz gemeine Sätze, die einfach nicht richtig rauskommen wollen. Die nerven einfach. Da krieg ich dann einen Haken im Gehirn und bleibe ständig hängen. Hier hatte ich zwei Sätze, die ich 40- oder 50-mal wiederholen musste. Ich hab mich ständig verhaspelt und bin fast wahnsinnig geworden. Der Regisseur auch! (Lacht.) Aber wir verstehen uns echt gut. Er kann auch darüber lachen und meint dann immer: Merkste selbst, oder?

Wie selbstkritisch sind Sie im Studio?

Wenn ich irgendwas blöd finde, sage ich natürlich, dass ich das noch mal machen will. Ich vertraue aber auch dem Regisseur. Wenn der Profi sagt, dass etwas gut ist, dann glaube ich ihm. Ich bin dann ja auch Dienstleister: Wenn die happy sind, brauch ich für mein Ego nicht den Satz noch mal in einer anderen Tonlage zu sprechen.

Dieser Film verbindet Musik mit beeindruckenden computeranimierten Bildern. Was sehen Sie vor Ihrem inneren Auge, wenn Sie Musik machen?

Ich bin ein Gefühlsmensch. Ich sehe meine Musik nicht, aber spüre sie ganz stark. Auch wenn ich Songs schreibe, muss es sich richtig anfühlen, wahr und ehrlich. Wenn ich die Songs dann Jahre später singe, erinnere ich mich immer noch an das Gefühl von damals. Oder ich bin auch froh, dass ich die Gefühle von damals überstanden habe.

Wie lief bei der Premiere Ihr Treffen mit Justin Timberlake und Anna Kendrick ab?

Es war total unaufgeregt. Wir haben uns gesehen, haben Hallo gesagt und ein paar Witzchen gemacht. Ich habe mich mit Anna sehr gut verstanden. Ich weiß nicht, ob wir sofort Freundinnen werden würden, wenn wir uns im echten Leben treffen würden. Aber unter Kollegen läuft das sehr freundlich und auf Augenhöhe ab. Die sind echt nett.

Wenn ich aber meine normale Aura habe, verhalten die Leute sich auch ganz normal. Um wie ein Star zu wirken, muss man sich auch so benehmen oder es sogar darauf anlegen.

Lena Meyer-Landrut

Waren Sie von einem Megastar wie Timberlake nicht eingeschüchtert?

Nö, eigentlich nicht. Ich war nie ein richtiger Fan von ihm, er hat aber auch keine einschüchternde Ausstrahlung. Man kann ja auch steuern, wie man auf die Leute wirken will. Wenn ich mich total aufbrezle und mit einer riesigen „Attitude“ auf die Straße gehe, dann sprechen mich viel mehr Leute an und fragen nach einem Foto. Wenn ich aber meine normale Aura habe, verhalten die Leute sich auch ganz normal. Um wie ein Star zu wirken, muss man sich auch so benehmen oder es sogar darauf anlegen. Wenn J. Lo mit einer Entourage von 40 Leuten auftaucht, ist klar, dass die Leute gucken. Jeder will sie dann kurz sehen, weil sie so unerreichbar ist. Aber Justin ist gar nicht so. Der ist ein normaler, netter Typ. Und wenn wir uns sehen, sagen wir: Hi, alles gut?

Bei wem wären Sie denn richtig „starstruck“?

Ich habe mal Leonardo DiCaprio auf einer Party in Los Angeles gesehen. Da habe ich kurz einen Herzinfarkt bekommen. Da waren irre viele Leute, alle hatten sich rausgeputzt und Drinks in der Hand. Der Raum war total überfüllt. Ich stand in der Ecke und wusste nichts mit mir anzufangen. Und plötzlich steht so ein Typ in T-Shirt und mit Kappe vor mir – und ich krieg ’nen Schreck. Leo! What the f***! Ich hab ihn sofort erkannt.

Wie haben Sie reagiert? Sich als Fan geoutet?

Der Schreck ging auch schnell wieder vorbei. Ich hab ihn halt gesehen und dachte dann: Gut, das ist er dann wohl. Mehr war dann auch nicht. Einmal bin ich noch ausgeflippt, als bei einem Basketballspiel Beyoncé den Raum betrat. In dem Moment gingen mir zwei Dinge durch den Kopf: Beyoncé, ich liebe dich! Und: Hat jemand einen Schnaps für mich? Sie schwebte einen Meter vor mir vorbei, aber ich habe nicht mit ihr gesprochen. Aber die denkt sicher, dass sie eine Königin ist, und deshalb wirkt sie auch so.

Sie sehen Ihr eigenes Gesicht oft auf Plakaten. Was geht dann in Ihnen vor?

Wenn  ich Tour-Plakate  von mir sehe, freue ich mich voll, weil ich richtig Lust auf die Tour habe. Die war geplant für Ende April und Anfang Mai. Wir sind gerade dran, wegen der aktuellen Corona-Lage eine Lösung für die Tour zu finden.

Zugabe, Zugabe! Nachdem sie beim Eurovision Song Contest 2010 in Oslo zur Siegerin gekürt worden ist, singt Lena nochmals ihren Song „Satellite“. Foto: Jörg Carstensen/dpa picture alliance

Vor inzwischen zehn Jahren wurde Ihnen mit „Satellite“ beim Eurovision Song Contest eine große Chance gegeben. Und die haben Sie genutzt. Sie haben sich eine große Karriere erarbeitet.

So fühlt es sich für mich gar nicht an. Ich war immer schon damit zufrieden, dass mir meine Arbeit Spaß macht. Ich habe nie nach dem großen Erfolg gestrebt oder hart dafür gekämpft. So bin ich nicht drauf.

Sondern?

Mein Ziel war nie Erfolg, sondern das zu tun, was sich richtig anfühlt. Wenn ich auf meine Karriere zurückschaue, bin ich immer nur nach meiner Intuition gehen. Ich würde auch ein Nagelstudio aufmachen, wenn ich das Gefühl hätte, dass es mich happy macht. Wer weiß? (Lacht.) In jedem Fall hatten meine beruflichen Entscheidungen nie etwas mit Geld zu tun.

Wenn in „Trolls“ Pop, Rock und Funk aufeinandertreffen, hat das ja auch ein bisschen was von Eurovision Song Contest.

Irgendwie schon. Ich finde, der Film hat, wie auch der ESC, eine schöne Botschaft. Es geht um Toleranz, Diversity und individuelle Besonderheiten. Nicht nur für Teenies, sondern auch für Erwachsene ist das eine tolle Botschaft!

Wie stellen Sie es nun mit Ihrer Schauspielkarriere an?

Ich würde auf jeden Fall klein anfangen und nicht gleich eine Hauptrolle in einer romantischen Komödie übernehmen. Das würde man ja vielleicht erwarten. Und wenn ich das vermassele, dann war‘s das wieder. Das wäre mir zu riskant. Ich mache das aus Leidenschaft und Hingabe. Und das bedeutet, dass ich nur Sachen mache, die ich mir zutraue und auf die ich mich gut vorbereiten kann. Wenn ich meine Zeit, Energie, Gedanken und auch Gefühle da reinpacken will, muss das schon ein Projekt sein, für das mein Herz schlägt.

Wenn mich bestimmte Kommentare treffen, sitze ich auch geknickt zu Hause und denke „F*** you!“ Aber aus dem Loch kommt man auch wieder raus.

Lena Meyer-Landrut

Wie gehen Sie mit Kritik um? Auf Social Media sind Sie auch Angriffen ausgesetzt.

Ich versuche mich nicht über Dinge aufzuregen, die ich selbst nicht in der Hand habe. Wenn ich nichts daran ändern kann, dann ist es mir das auch nicht wert. Wenn ich mich selber google, steht so viel Mist im Internet. Das ist unpackbar! Wenn ich mir das dauernd anschauen würde und es persönlich nehmen würde, würde ich durchdrehen. Dann wäre ich ganz unten. Ich glaube, dass es schlau ist, mich zu informieren, zu schauen, was der Grund für eine bestimmte Meinung ist und ob das etwas mit mir zu tun hat. Ich versuche, so authentisch wie möglich zu bleiben.

Machen Ihnen Misserfolge gar nichts aus?

Man fällt doch auch mal hin, das ist doch klar! Manche Sachen laufen nicht so, wie man es sich vorgestellt hat. Wenn mich bestimmte Kommentare treffen, sitze ich auch geknickt zu Hause und denke „F*** you!“ Aber aus dem Loch kommt man auch wieder raus. Das ist ja auch eine Entscheidung, ob man in seiner Misere versinken will und sich geschlagen gibt, weil die Welt es ja so böse mit einem meint oder ob man sich wieder zusammenreißt und weitermacht. Man muss sich immer fragen, was einen glücklich macht, und sich danach ausrichten.

Gehen Sie mittlerweile vorsichtiger auf andere Menschen zu?

Eine Zeitlang habe ich das gemacht, ja. Und habe gemerkt, dass es mir nicht gut tut. Beim Kontakt mit anderen Menschen hatte ich Scheuklappen auf, ich habe mir eine Mauer gebaut, hinter der ich mich versteckt habe. Glücklicherweise habe ich selbst gemerkt, dass das meiner Seele nicht gut tut. Dann musste ich wieder entscheiden: Was macht mich glücklich? Wenn man nicht authentisch ist, aus Angst vor Verletzungen, dann stellt das das ganze Leben auf den Kopf. Das will ich aber nicht.

Wie lang hat es gedauert, bis Sie das für sich geregelt hatten?

Sicher die ersten fünf oder sechs Jahre meiner Karriere. Aber es gibt immer wieder neue Situationen, mit denen man umgehen muss. Das Problem hört nie auf. Es gibt keine Formel. Und ich habe das damals auch nicht vollständig lösen können. Mal fällt es mir leichter, mal schwerer. Ich merke aber schon, dass es mit dem Alter einfacher wird.

Sie hatten doch sicher vor, am 29. Mai zehn Jahre ESC zu feiern. Macht die Pandemie Ihnen nun einen Strich durch die Rechnung?

Zehn Jahre ESC feiern wir trotzdem, mit Freunden übers Netz. Da gibt es ja zum Glück genug Möglichkeiten, sich virtuell zu connecten, den Tag zusammen zu feiern und gemeinsam auf mein Zehnjähriges anzustoßen. Zehn Jahre „Satellite“ muss doch gefeiert werden!

Das Gespräch führte Mariam Schaghaghi.