Begeisterten 20 Jahre lang die Zuschauer in der ARD Serie „Um Himmels Willen“: Die Schauspieler Rosel Zech, Andrea Sihler, Fritz Wepper, Janina Hartwig und Horst Sachtleben. imago images/Stephan Görlich

Traute Zwietracht: In einem Dorf der Po-Ebene leben zwei Rivalen, die die Leute auf die jeweils eigene Art zum Heil führen wollen: der temperamentvolle Pfarrer Don Camillo und der kommunistische Bürgermeister Peppone. Sie können nicht so richtig miteinander, aber erst recht nicht ohne einander. Die durch Filme populären Literaturfiguren sind ein italienisches Kulturphänomen. Hierzulande sind die „widerspenstige Nonne und der schlitzohrige Bürgermeister“ aus der Fernsehserie „Um Himmels Willen“ daran angelehnt und ein vielsagendes Phänomen. Am 15. Juni endet die ARD-Serie – nach 260 Folgen in 20 Jahren.

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Der Dienstagssendeplatz nach der „Tagesschau“ im Ersten ist, zugespitzt gesagt, der Platz für Heile-Welt-Serien. Frühere Erfolge waren etwa „Tierärztin Dr. Mertens“ oder „Julia – Eine ungewöhnliche Frau“ mit Christiane Hörbiger.

Die Figuren Don Camillo und Peppone – erfunden von Giovannino Guareschi (1908–1968) und legendär verfilmt mit Fernandel und Gino Cervi – karikierten das Klima nach dem Zweiten Weltkrieg. Die angeblich gute alte Zeit wurde als Konkurrenz und Dualismus von tradierten Werten und gesellschaftlichem Aufbruch gezeigt. Der Kalte Krieg kannte auch in Italien fast nur zwei Lager: Rechts und Links, Schwarz und Rot, Tradition und Fortschritt (im weiteren Sinne).

„Um Himmels Willen“ mit Politiker und Nonne – ersonnen vom 2019 gestorbenen Autoren Michael Baier – nahm diese Sicht weltanschaulicher Gegensätze auf. Die Serie spielte mit der Dualismus von Gott und Geld, Gnade und Gnadenlosigkeit. Bürgermeister Wolfgang Wöller (Fritz Wepper) hatte stets das Wohl der fiktiven Stadt Kaltenthal in Niederbayern im Auge. Er versuchte laufend, das Kloster nach seinen Plänen umzufunktionieren, wogegen sich die Nonnen nach Kräften wehrten. So oft Wöller und die Leiterin des Klosters (Janina Hartwig) auch aneinandergerieten, letztlich schätzten sie sich doch.

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„Um Himmels Willen“: Ein Stück Heimat für Millionen Zuschauer

Die Erkenntnis fürs Publikum war simpel, aber beruhigend: Ideologische Gräben lassen sich überbrücken, unterschiedliche Interessen und Werte sowie der Wettbewerb um die bessere Idee muss nicht in Hass und Verachtung enden. „Um Himmels Willen“ war ein Stück Heimat für Millionen Zuschauer, es war moderner Heimatfilm.

Vor fast 50 Jahren analysierte der Experte Willi Höfig die Stilmittel des Heimatfilms („Der deutsche Heimatfilm 1947–1960“): Dazu gehörte in erster Linie das Aufzeigen kultureller Gegensätze, zwischen Jung und Alt, Stadt und Land, Bayern und Preußen, Tradition und Fortschritt. Die Handlung arbeitet sich an Autoritäten und Klischees ab. Wichtig ist auch die Ansiedlung in einer Landschaft, die vom Zweiten Weltkrieg und der Verstädterung weitgehend verschont blieb.

Klassisch waren das die Alpen, der Schwarzwald, die Lüneburger Heide, Bodensee, Rhein und Mosel. Höfig zählte auch Niederbayern dazu, was die Brücke zu „Um Himmels Willen“ schlägt.

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Zu den Nachfolgern der Heimatfilme können TV-Serien wie „Die Schwarzwaldklinik“, „Schlosshotel Orth“, „Forsthaus Falkenau“ oder „Der Bulle von Tölz“ angesehen werden, wobei sie Elemente amerikanischer Seifenopern oder gar Krimi-Elemente hinzufügten.

Wenn „Um Himmels Willen“ nun ausgerechnet in einem Bundestagswahljahr aus dem Programm verschwindet, in dem Umfragen zufolge auch die alte politische Lager-Landschaft von Rot oder Schwarz im Kanzleramt untergehen könnte, dann bleibt angesichts der vielen Krimiserien im deutschen Fernsehen als Heile-Welt-TV der Primetime fast nur noch der ZDF-„Bergdoktor“ übrig. Der spielt jedoch in Österreich.