Schauspielerin Katherine Heigl. Foto Imago/Future Images

„Mein Gefühl sagte mir, dass ich lieber tot wäre.“ Nach der Geburt ihres Sohnes Joshua im Dezember 2016 verschlechterte sich Katherine Heigls geistiger Zustand rapide. Die Schauspielerin hatte seit ihren Teenager-Jahren immer wieder Phasen, in denen sie an Angstzuständen und Panikattacken litt. Diese verschlimmerten sich drastisch, als der „Grey’s Anatomy“-Blondine von Kollegen und Medien unterstellt wurde, bei der Arbeit unprofessionell und schwierig zu sein. Egal, ob sie die Vorwürfe dementierte oder sich entschuldigte – das Zicken-Image wurde sie nicht wieder los. Weshalb sie auf dem seelischen Tiefstand vor fünf Jahren therapeutische Hilfe suchte. Mit dem Ergebnis, dass sie heute ihre seelische Balance gefunden hat und offen über ihre Probleme sprechen kann. Auch bei unserem Interview zu Heigls neuer Netflixserie „Firefly Lane“ war das Private kein Tabu.

Es klingt, als hätten Ihre seelischen Probleme bereits als junges Mädchen begonnen.

Ja. Mir fehlte das Selbstbewusstsein, ich litt am mangelnden Selbstwertgefühl und vor allem unter der ständigen Angst, nicht dazugehören zu dürfen. Einige Teile dieses seelischen Ballasts habe ich in mein Erwachsenenleben mitgeschleppt. Aber ich bin zum Glück nicht nicht mehr das kleine hilflose Mädchen von damals.

Wenn Sie Ihrem Teenager-Ich einen Tipp fürs Leben geben könnten …

... dann den, dass ich nicht alles im Leben so ernst nehmen sollte (lacht). Und dass ich einen Weg finden muss, mich selbst zu lieben.

Hollywood ist ein besonderes hartes Pflaster für Menschen, die unter Selbstzweifeln leiden!

Das sehe ich genauso. Es herrscht dieser ständige Wettbewerb. Dir wird das Gefühl übermittelt, dass der Erfolg von anderen dein Scheitern bedeutet. Wenn wer anderes die Rolle bekommt, bist du ein Verlierer. Meine Mutter hat immer versucht, mir diese negative Einstellung auszureden.

Mit Erfolg?

Nicht wirklich. Sie hat versucht, mir einzuimpfen, dass der Kuchen groß genug ist, dass alle ein Stück abbekommen werden. Doch wenn du immer wieder mit denselben Schauspielerinnen um Rollen vorsprichst, dann entsteht automatisch ein Konkurrenzdenken. Es ist menschlich, dass man gewinnen und Erfolg haben will.

Oft soll der Konkurrenzkampf sogar am Set weitergehen.

Ja, der hört nie wirklich auf. Und die eigene Unsicherheit und Angst vor Misserfolg spielen dabei eine große Rolle. Das Traurige ist, dass sich das Vorurteil über weibliche Freundschaften in der Branche oft bewahrheitet. Leider stimmt es, dass man der anderen oft nicht traut, weil vermeintliche Freundinnen dir im Laufe der Zeit immer wieder ein Messer in den Rücken stoßen. Mir wurde so oft das Herz gebrochen. Wen wundert es, dass man plötzlich andere Frauen automatisch als potenzielle Feindinnen betrachtet.

Ihre neue Serie „Firefly Lane“ handelt von zwei ungleichen Frauen, die seit ihrer frühen Schulzeit die dicksten Freundinnen fürs Leben geblieben sind. Gibt es solche Freundinnen auch in Ihrem Leben?

Ja. Meine ältesten Freundinnen kennen mich schon seit der Grundschule. Ich liebe sie über alles und sie sind mir so unglaublich wichtig. Sie kennen alle meine Schwächen und Ängste, die mich zu der Person machen, die ich bin. Weil ich nichts vor ihnen zurückgehalten habe. Sie haben mich nie enttäuscht, nie hinter meinem Rücken streng Privates ausgeplaudert. Ich vertraue ihnen voll. Wenn wir zusammenkommen, dann wird es immer richtig lustig.

Katherine Heigl (rotes Shirt) im Jahr 2005 mit ihren „Grey’s Anatomy“-Kollegen. Foto: Imago

Feuchtfröhliche Gespräche über Männer?

Also ich habe dabei immer einen Margarita in der Hand. Aber die anderen trinken nicht. Dennoch sind sie alle Stimmungskanonen. Wir erzählen uns meist die peinlichsten Storys über das Liebesleben mit unseren Ehemännern, die Probleme mit unseren Kids und lachen uns die ganze Nacht schief.

Was muss man mitbringen, um mit Katherine Heigl gut auszukommen?

Einen guten Charakter und Sinn für Humor. Ich liebe es zu lachen. Es ist der schnellste Weg zu meinem Herzen. Und wenn du das schaffst, bin ich für immer deine Freundin.

In Ihrer Serie geht es auch um sexuellen Missbrauch durch einen Harvey-Weinstein-Typen. Haben Sie jemals mit einem mächtigen Mann in Hollywood schlechte Erfahrungen gemacht?

Ich hatte zum Glück meine Mutter, die mich davor beschützt hat. Als meine Managerin war sie immer mit am Set. Das heißt nicht, dass es nicht Momente gab, wo Männer sich danebenbenommen haben. Doch meine Mutter hat dem dann sofort einen Riegel vorgeschoben.

Sie scheinen ein sehr gutes Verhältnis mit Ihrer Mutter zu haben.

Ja. Und es ist im Laufe der Zeit gewachsen. Seitdem ich 42 bin, behandelt mich Mama endlich auch wie eine erwachsene Frau (lacht). Wir haben inzwischen eine echte Freundschaft.

Sie sind selbst dreifache Mutter. Ihre Töchter sind zwölf und acht und ihr Sohn vier. Wie schwierig waren die letzten zwölf Monate mit dem Lockdown?

Also es war oft chaotisch. Besonders mein Sohn Joshua ist schwer zu bändigen und ist wie ein Irrwisch den ganzen Tag durchs Haus getobt. Aber diese Auszeit hat mir und meinen Kindern unheimlich viel gebracht. Ich war zum ersten Mal ein Jahr am Stück durchgehend mit ihnen zusammen. Wir haben einen Rhythmus entwickelt, so wie wir ihn noch nie hatten. Es hat mir sehr geholfen, die Gründe für bestimmte Verhaltensweisen meiner Mädchen zu begreifen und unsere Beziehung noch zu vertiefen.

Haben Sie sich manchmal eine Auszeit nehmen können?

Oh ja. Nach vier Monaten habe ich beschlossen, mir ein Kunst-Atelier errichten zu lassen. Darin konnte ich dann endlich ganz allein sein und abschalten.