Julianne Moore beim Filmfestival in Toronto. Imago/Zuma Press

Sie ist in Hollywood etabliert und hat bereits einen Oscar gewonnen. Doch die Rolle in ihrem neuen Film „Dear Evan Hansen“ (kommt am 28. Oktober bei uns in die Kinos) war für Julianne Moore eine echte Premiere. Sie spielt darin die Mutter eines Teenie-Einzelgängers, der sich eine Freundschaft mit einem verstorbenen Klassenkameraden ausdenkt. So weit alles Routine. Die große Herausforderung für die 60-Jährige: Sie muss im Drama nicht nur sprechen, sondern erstmals in ihrer Karriere auch singen.

KURIER: Es ist wirklich das erste Mal, dass wir Sie auf der Leinwand singen hören?

Julianne Moore: Ja, sonst verwechseln Sie mich. Eigentlich singe ich sonst nur im Auto. Sehr laut und nicht besonders schön. (lacht)

Wer Sie im Film hört, kann das aber nicht glauben!

Danke schön! Das letzte Mal, dass ich vor fremden Leuten in der Öffentlichkeit gesungen habe, war während meiner Schulzeit in Deutschland. Ich bin mit 16 mit meinen Eltern dorthin gezogen und auf die American Highschool in Frankfurt gegangen. Dort war ich in der Theatergruppe und wir haben „The Music Man“ aufgeführt. Ehrlicherweise waren die Songs, die ich zu singen hatte, nicht besonders anspruchsvoll.

Und dennoch haben Sie die Rolle in einem Kinomusical angenommen. Warum?

Um ehrlich zu sein, war ich sehr überrascht, bei der Vorbesprechung erfahren zu müssen, dass selbst ich auch singen muss. (lacht) Aber es macht Sinn. Manchmal sind Gefühle so riesig, dass man sie einfach nicht allein mit Sprache ausdrücken kann. Mann muss darüber singen. Musik überträgt Emotionen am allerbesten!

Kannten Sie das Musical bevor Sie zugesagt haben?

Ja klar! Ich habe mir „Dear Evan Hansen“ am Broadway kurz nach der Premiere angeschaut. Ich saß in der 7. Reihe und war einfach nur ein begeisterter Fan. Ich hätte damals im Traum nicht daran gedacht, dass ich jemals selbst in dieser fantastischen Show mitwirken würde …

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Julianne Moore mit dem Cast von „Dear Evan Hansen“: Ben Platt, Amandla Stenberg, Colton Ryan, Danny Pino and Nik Dodani (v.l.) Imago/ZUMAPress

Wie war es, dann vor der Kamera lossingen zu müssen?

Ich war so nervös das erste Mal. Und dann erfuhr ich am Set, dass es auch noch live sein würde. Zum Glück hat mich mein Co-Star Ben Platt (er spielte die Rolle von Evan Hansen auch am Broadway, Anm. d. Red.) super unterstützt. Er ist ein echter Profi und unheimlich nett.

Er hat als Ihr Filmsohn große Probleme, in seiner Schule Anschluss zu bekommen und Freunde zu finden …

… was ich aus meiner eigenen Schulzeit sehr gut kenne! Mein Vater war beim Militär und wir sind viel umgezogen. Ich weiß sehr genau, wie es sich anfühlt, in die Mensa zu kommen und nicht zu wissen, wo man sich hinsetzen soll. Dieses Gefühl vergisst du nie!

Ihre Tochter Liv (19) und ihr Sohn Sohn Caleb (23) sind beide aus dem Highschool-Alter heraus.

Ja, sie sind ausgeflogen und gehen nun beide aufs College.

Wie sehr hat sich Ihr Leben ohne Kids zu Hause geändert?

Es ist eine ganz neue Dynamik, eine andere Art von Familienleben für mich und meinen Mann. Ein Vorteil ist, dass du jederzeit in den Urlaub fahren kannst und nicht auf die Schulferien warten musst. Aber ehrlicherweise vermisse ich es öfter schon sehr, kleine Kids daheim zu haben.

Apropos Urlaub, wann waren Sie das letzte Mal in Deutschland? Haben Sie dort noch Freunde aus Ihrer Schulzeit?

Nicht wirklich. Mein Deutsch ist auch sehr, sehr schlecht geworden. Das habe ich gemerkt, als ich vor einigen Jahren mit der Schauspielerin Barbara Sukowa ein Filmprojekt hatte und mit ihr auf Deutsch reden wollte. Es war schlimm. Ich würde echt gerne mal wieder zurück nach Frankfurt. Es ist schon so viele Jahre her, dass ich da war.

Ihr Mann Bart Freundlich ist Regisseur, Produzent und Drehbuchautor, Sie sind Schauspielerin. Eigentlich wurde Ihren Kindern das Filmgeschäft in die Wiege gelegt.

Sie haben aber keine Ambitionen in diese Richtung, leider! Mein Sohn war einmal Kameraassistent bei einem meiner Filme und meine Tochter hat als Assistentin der Produktion gearbeitet. Hinterher haben beide gemeint „Wer tut sich denn so etwas als Job an?“ (lacht) Das war’s dann. Mein Sohn ist allerdings sehr musikalisch, vielleicht schreibt er mal Filmmusik. Das wäre cool.

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Julianne Moore und Ehemann Bart Freundlich. Imago/ZUMAWire

Sie lassen Ihre Kids also völlig selbst entscheiden, was Sie im Leben machen?

Es ist so wichtig, dass man loslässt. Dass du deinen Kindern sagst: „Jetzt geht es um dich und deine eigene Wahl im Leben.“ Vor allem die Uni-Jahre sind so wichtig für junge Menschen, dass sie testen, was sie wirklich wollen. Sie müssen lernen, eigene Entscheidungen zu treffen. Unsere Kinder wissen, dass wir sie als Eltern unterstützen und für sie da sein werden, wenn sie uns brauchen!

Sie sind für Hollywoodstandards sehr lange 18 Jahre verheiratet. Was macht Ihren Mann so perfekt für Sie?

Bart ist vor allem ein unheimlich sensibler und fürsorglicher Mensch. Er versucht, sich in Menschen hineinzuversetzen und ihre Gefühle zu verstehen. Er ist einfach in unserer Beziehung sehr präsent und involviert und wir können alle wichtigen Dinge miteinander teilen. Er ist perfekt für mich als Ehemann und perfekt als Vater für unsere Kinder.

Sie sind jetzt seit über 30 Jahren im Filmgeschäft und gehören seit Jahrzehnten zur A-Liste. Was glauben Sie ist schlimmer: Nie berühmt geworden zu sein oder seine Berühmtheit verloren zu haben?

Das ist eine sehr interessante Frage! Von dem, was ich beobachtet habe, ist es unheimlich schwer für einst bekannte Schauspieler, für die sich plötzlich keiner mehr interessiert. Die keinen Job mehr bekommen und selbst in Reality-Shows scheitern. Man kann nicht mehr das tun, was man am meisten liebt. Das zerstört ein Stück deiner Seele.