Johnny Depp im Februar 2020 bei der Berlinale in Berlin. Imago/Pop-Eye

Da haben sich zwei Richtige gefunden: Johnny Depp und Rock-Rebell Shane MacGowan. Der Schauspielstar mit einer unleugbaren Affinität zu Abstürzen produzierte nun die Film-Biografie des durchgeknallten Frontmanns der irischen Punk-Band The Pogues, der sich selbst mit seinen Exzessen aus der eigenen Band katapultierte und bis in den Rollstuhl brachte. Der Film „Shane“ zeigt MacGowan als Punk-Poeten, der Anarchie atmete und der sein Leben immer noch als episches Abenteuer empfindet – genau so wie sein wohl größter Bewunderer.

Johnny Depp war so pünktlich wie ein Schweizer Uhrwerk, als er den Film beim Filmfest Zürich vorstellte – sonst ließ er schon mal zwei Stunden auf sich warten. Und er war cool wie eh und je: mit Sonnenbrille, aufgekrempeltem Hemd und offenbar einigen Dutzend Tattoos mehr auf den Unterarmen.


KURIER: Johnny, was fasziniert Sie an Shane MacGowan?

Johnny Depp: Wenn Shane Musik macht, ist das für mich ein Ausdruck allerhöchster Energie – das ist Verrücktheit mit viel Umdrehungen, Wahnsinn mit hoher Oktanzahl. Man hat bei jedem Konzert das Gefühl, es vielleicht nicht mehr lebend zu verlassen. Was ich besonders schätze, ist, dass The Pogues eine geradezu grotesk große Popularität erlangt hatten, aber ihre Musik nie zu Mainstream verkam.

Songwriter und Selbstzerstörer, legendärer Rebell, der sich durch anarchische Umtriebigkeit auszeichnete – man könnte Shane MacGowan freundlich als unvorhersehbaren Menschen bezeichnen. Vor welche Probleme stellte das Sie als Produzent?

Das war keine Standardproduktion, wirklich nicht! Shane mag kein Diktat und keinen Zwang. Es kann vorkommen, dass er in der einen Sekunde felsenfest von etwas überzeugt ist und in der nächsten vom Gegenteil. Also ließ sich Regisseur Julian Turnbull auf etwas Neues ein: Nichts wurde geplant, die Kamera lief meistens, und wenn was passierte, wurde es gefilmt. Es gab nie das Kommando „Action!“ am Set. Wir schalteten einfach die Kameras an und ließen die Dinge ihren natürlichen Lauf nehmen.

Hollywood-Star Johnny Depp 1994  mit  Shane MacGowan,  dem Rock-Rebellen, der als Frontmann der irischen Punk-Band The Pogues berühmt wurde. Imago

Mit Shane verbindet Sie eine Freundschaft von mehr als 30 Jahren. Wie haben Sie Ihre erste Begegnung in Erinnerung? Warum mochten Sie sich so sehr, dass daraus eine Freundschaft wurde?

Ich weiß nur noch, dass der Moment der Begegnung unvergesslich war. Als ich ihn kennenlernte, sagte ich mir: „Jetzt habe ich einen meiner Helden getroffen.“ Er hat auch etwas gesagt – aber was es war, weiß ich nicht. Ich habe ihn nicht verstanden. Und Freundschaft? Ich bin mir nicht mal sicher, ob er mich besonders mag.

Als MacGowan 1991 wegen seines Drogenmissbrauchs aus der Band geworfen wurde, schien er erledigt zu sein. Man schrieb ihn ab. Es heißt, Sie hätten ihm dann wieder auf die Beine geholfen ...

Ich hatte Shane damals eigentlich nur gebeten, den „Viper Room“ mit einem Auftritt zu eröffnen, für eine Benefizveranstaltung für die „Make A Wish“- Foundation. Ich rief ihn an, fragte, ob er mal überlegen würde, für diesen Gig nach Los Angeles zu kommen. Er fragte zurück: „Wie? Für die Make A Witch Foundation? (lacht) Später hatten wir auch Tom Petty and the Heartbreakers und viele andere tolle Musiker zu Gast im Club. Ich dachte, wenn ich Shane dazu bringen kann, zu kommen, wäre das ein echter Coup. Und er kam. Er ging auf die Bühne, und der Auftritt, den er hinlegte, war einfach umwerfend.

Nichts kümmert MacGowan weniger als die Erwartungen oder Vorurteile der Leute. Wie sehr hat Shane Sie als Freigeist und Lebens-Künstler inspiriert?

Mir fallen nur eine Handvoll Schriftsteller, Songschreiber oder Sänger ein, die in dem, was sie tun, absolut perfekt sind: Bob Dylan, Tom Waits, Nick Cave. Shane gehört auch in diesen Pantheon, er ist für mich ein Musik-Gigant. Er selbst gibt immer nur ungern zu, dass er einer von ihnen ist. Aber für mich war er immer eine Inspiration.

Sie sind selbst begeisterter Musiker. Was drücken Sie mit der Schauspielerei aus, was mit Musik?

Musik war für mich immer eine Inspiration für meine Arbeit als Schauspieler. Als ich mit der Schauspielerei anfing, musste ich mir ja erst mal darüber klar werden, was es bedeutet, zu spielen. Du fängst an, Dinge wiederzuverwenden, die du siehst, die ihren Weg in dein Leben gefunden haben und du wendest sie auf die Welt an. Musik ist der direkteste Weg zu deinen kreativen Quellen und zu deinen Gefühlen. Wenn du dir ein Lied aus deiner Kindheit anhörst, bringt es dir direkt deine Erinnerung zurück. Die Musik verwende ich bis heute in meiner täglichen Arbeit als Schauspieler. Umgekehrt aber nicht, ich verwende keine Schauspielerei, wenn ich Musik mache!

Sie sagten mal, dass die Musik Ihre erste Liebe sei. Mit Ihrer Band Hollywood Vampires gehen Sie auch auf Tournee. Wie empfinden Sie diese beiden Arten Performances?

Wenn man Musik macht, gibt es sofort einen unmittelbaren Austausch mit dem Publikum. Bei einem Film kommt die Reaktion des Publikums erst ein Jahr später, wenn der Film fertig ist und in die Kinos kommt. An diesem Punkt hast du das Projekt längst hinter dir. Was mir bleibt, ist die Erinnerung und die Erfahrung, diese Rolle gespielt zu haben. Das ist mir genug. Ich möchte meine Filme lieber nicht sehen, das ist mir unangenehm, ich mag mich nicht selbst anschauen.

Ihre Paraderolle ist Captain Jack Sparrow aus dem Leinwandknüller „Fluch der Karibik“. Das Studio war irritiert, ob Sie beim Spielen betrunken waren oder die Figur etwas überzeichnen. Lieben Sie das Risiko, eventuell zu weit zu gehen?

Ich fühle mich geradezu verpflichtet, nach einer Spielart zu suchen, bei der ich auch voll auf die Nase fallen könnte. Ich schulde den Zuschauern doch immer etwas Neues. Und ich hasse es, zu langweilen! Wenn ich also nicht das versuche, was möglicherweise katastrophal sein könnte, ans Limit gehe oder darüber, habe ich nicht das Gefühl, dass ich ordentlich gearbeitet habe. Dann bevorzuge ich eher, dass die Studios bibbern. (lacht)

Absolut Kult: Johnny Depp als Pirat Captain Jack Sparrow in der „Fluch der Karibik“-Reihe. Imago

Hätten Sie je erwartet, dass Jack Sparrow eine echte Kultfigur wird, ein Phänomen der Popkultur?

Als ich Jack Sparrow erfand, war meine Tochter Lily Rose drei Jahre alt. Ich hatte also drei Jahre lang nichts anderes gesehen außer Trickfilme. Ich fragte mich, warum Zeichentrickfiguren mit Dingen durchkommen, die wir in unserem Alltag nicht bringen könnten. Das wurde dann mein Ansatz: Er kann sagen, was er will, und die Leute sagen „Richtig!“ Ich habe die ultimative Respektlosigkeit gesucht. Und sie gefunden.

Das Publikum liebt Sie nicht nur als Schauspieler, sondern als Mensch. Wie reagieren Sie, wenn Fans zum Beispiel Ihren Rat hören wollen, um Ihre Einschätzung bitten?

Solche Leute nehme ich sehr ernst. Sie sind der Grund, warum ich auftrete. Wenn ich um Rat gefragt werde, rührt mich das. Mich rühren alle Menschen, die für etwas brennen und voller Leidenschaft für ihre Sache sind, zum Beispiel für ihr eigenes Filmprojekt. Seien wir ehrlich: 97 Prozent aller Filme, die gedreht werden, müssten gar nicht sein.

97 Prozent gleich? Was bedeutet das für Ihre eigenen Projekte?

Ich gebe mir Mühe, nur Filme auszuwählen, die mir wirklich etwas bedeuten. Denn ich habe keinen Funken Ambition in mir, zum Glück ... Was ich aber habe, ist Hunger, Lust auf eine Sache, das Bedürfnis, etwas Besonderes zum Ausdruck zu bringen.

Sie gehören zu Hollywoods bestbezahlten Schauspielern, drehen seit 35 Jahren und Ihrem Durchbruch in „21 Jump Street“, besitzen eine eigene Insel. Warum setzen Sie sich nicht einfach zur Ruhe?

Ich glaube, ich bin noch nicht fertig. Ich hatte das große Vergnügen, Marlon Brando zu kennen und zu bewundern. Er war ein großartiger Mentor, Lehrer und Freund, Bruder, Vater, einfach alles für mich. Er fragte mich mal, wie viele Filme ich pro Jahr drehe, so ungefähr. Ich sagte, vielleicht zwei, drei pro Jahr. Und er sagte: „Das ist zu viel, John. Wir haben nur eine bestimmte Anzahl von Gesichtern in unseren Taschen.“ Ich habe das Gefühl, dass mir die Gesichter noch nicht ausgegangen sind.

Was treibt Sie an?

Ich habe noch immer die Leidenschaft, Menschen zu beobachten, bin fasziniert von menschlichen Verhaltensweisen, von Ticks und seltsamen Dingen, die Menschen tun. Das ist der Stoff, der mich antreibt. Und, dass ich in meinem Leben so viel verrücktes Zeug in meinem Erfahrungs-Rucksack angehäuft habe. Ich habe einige wirklich verrückte Sachen gemacht! Zum Glück! (lacht) Ich bin auch noch immer auf der Suche, nach dem Weg, nach der Reise, zum Ergebnis. Ich nehme jeden Tag, wie er kommt, und mache weiter. Was auch immer mir vorgesetzt wird, ich erkenne es an und gehe vorwärts. Ich bleibe dabei immer in meiner eigenen Spur, denn ich habe keinen Funken Konkurrenzdenken in mir. Es wäre einfacher, wenn jeder in seiner eigenen Spur bliebe. Alles andere verursacht Unfälle und Chaos.

Träumen Sie nach drei Nominierungen davon, einmal den Oscar zu gewinnen?

Ich hasse die ganze Idee dieses Wettbewerbs, dass ein Haufen Schauspieler gegeneinander antritt. Es gibt doch auch keinen Preis für den besten Bediener des Kamerawagens, den besten Friseur oder besten Klempner. Ich glaube einfach nicht an den Gedanken des Besten. Da bleibe ich lieber zu Hause und male, statt zu diesen Veranstaltungen zu gehen.