Brigitte Bardot und Michel Piccoli in Jean-Luc Godards Kultfilm „Die Verachtung“ von 1960.
Brigitte Bardot und Michel Piccoli in Jean-Luc Godards Kultfilm „Die Verachtung“ von 1960. imago

Einer der ganz großen der Kinogeschichte ist am Dienstag gestorben: Viele Jüngere können heute mit dem Namen Jean-Luc Godard nichts mehr anfangen. Dabei ist der französisch-schweizerische Star-Regisseur einer der größten Revolutionäre des Kinos. Mit 91 Jahren starb Jean-Luc Godard in der Schweiz, wie seine Familie mitteilte. Frankreichs Präsident Emmanuel Macron würdigte Godard als einen „nationalen Schatz“. Als einer der wichtigsten Vertreter der Nouvelle Vague beeinflusste der Regisseur bis heute Generationen von Filmemachern.

Goldener Berlinale-Bär für Godards Science-Fiction-Film „Alphaville“

„Jean-Luc Godard, der größte Bilderstürmer unter den Filmemachern der Nouvelle Vague, hat eine äußerst moderne und sehr freie Kunst erschaffen“, schrieb Macron auf Twitter.

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Er veröffentlichte dazu ein Foto, das Godard mit seiner typischen Hornbrille und Filmkamera zeigt. Zu Godards bekanntesten Filmen zählt „Außer Atem“ mit Jean-Paul Belmondo. Als er 1959 das Kriminaldrama mit Jean-Paul Belmondo drehte, war er der Öffentlichkeit unbekannt und völlig abgebrannt. Der Film, zu dem Truffaut das Drehbuch schrieb, wurde ein Meisterwerk, und der in Paris geborene Sohn eines Schweizer Arztes galt über Nacht als Genie. Insgesamt hat Godard über 60 Filme gedreht. Zu den bekanntesten zählen „Die Verachtung“, „Eine verheiratete Frau“ und der Science Fiction „Alphaville“, der 1965 den Goldenen Bären auf der Berlinale gewann.

Anspruchsvoll und experimentell: Die einen nannten Jean-Luc Godard den Gott des intellektuellen Films, die anderen den freiesten Denker des Kinos. Und Godard selbst nannte das, was er tat, nicht filmen, sondern produzieren. Godard, der am Dienstag im Alter von 91 Jahren gestorben ist, war einer der innovativsten und einflussreichsten Filmemacher. Seine Ehefrau bestätigte der Schweizer Nachrichtenagentur SDA seinen Tod. In seinen Werken ist der französisch-schweizerische Regisseur bis an die Grenze des klassischen Kinos und des Mediums Films gegangen. Mit Godard ist der letzte Vorzeigeregisseur der französischen Nouvelle Vague (dt.: Neue Welle) gestorben.

„Außer Atem“: Statt im Studio zu drehen, drehte Godard mit Handkamera und Stars wie Belmondo auf der Straße

Statt wie üblich im Studio zu drehen, hielt Godard die Cafés und Straßen mit seiner Handkamera fest, vor der sich Jean-Paul Belmondo frei bewegte. Seine Schnitte folgten weder Regeln noch einem Rhythmus. Mit „Außer Atem“ hat Godard 1960 die Filmsprache revolutioniert. Seitdem experimentierte er unermüdlich mit Form, Inhalt und den Sehgewohnheiten der Zuschauer. Er brauche seine Freiheit. Und die bekomme er, indem er eine gewisse Verwirrung stifte und mit den herkömmlichen Regeln spiele, lautete sein Credo.

Der Filmemacher war der provokativste und innovativste unter den Protagonisten der „Nouvelle Vague“. Truffaut, Claude Chabrol, Eric Rohmer und Jacques Rivette gehörten dieser Stilrichtung an, die sich Ende der 1950er Jahre von dem für sie zu konventionell gewordenen französischen Kino abkehrte. Sie machten die individuelle Weltsicht der Autoren, den persönlichen Stil und das filmische Experiment zu einem Markenzeichen ihres Kinos.

Doch Godard wollte mehr als nur das Kino erneuern. Er wollte seine Grenzen ausloten, neue Formen erfinden. Er überwarf sich mit Truffaut, den er für zu angepasst hielt, und wandte sich zunehmend von der Nouvelle Vague ab.

Statt Handlung gibt es in Godards „Weekend“ Bilder und Assoziationen

Während seine Gangstergeschichte „Außer Atem“ und „Die Verachtung“ über einen Drehbuchautor mit Brigitte Bardot und Michel Piccoli noch Handlung im klassischen Sinn besitzen, wurden ab Mitte der 60er Jahre die Handlungen immer fragmentarischer. In „Weekend“ aus dem Jahr 1967 begann Godard, die herkömmliche Erzählstruktur radikal aufzulösen. In dem Film über einen Wochenendausflug eines Ehepaars gibt es keinen Plot mehr, sondern nur noch Handlungsschnipsel und Ströme von Bildern und Assoziationen.

In seinem Spätwerk setzte Godard radikaler denn je sein Streben nach formaler und stilistischer Freiheit fort. So in „Bildbuch“ aus dem Jahr 2018, einem Kaleidoskop von Bildern und Filmausschnitten, die mit Godards Kommentaren, teilweise auch mit einer kakophonen Tonspur unterlegt sind. Godard spricht dabei Themen wie Krieg und Kriegsverbrechen an und zeigt unter anderem Morde der Terrormiliz Islamischer Staat (IS).

Während in den vorherigen Collagen „Film socialisme“ und „Adieu au langage“ noch Protagonisten vorkamen, verzichtete der Altmeister in „Bildbuch“, für das er in Cannes mit einer Sonder-Palme ausgezeichnet wurde, ganz auf handelnde Personen.

Korruption, Nahost, Vietnam: Godards Filme sind immer politisch

Korruption, Nahostkonflikt, Vietnamkrieg: Godard war in seinen Filmen schon immer politisch. In „Die Chinesin“ outete er sich als Maoist, und „Der kleine Soldat“ ruft die Schrecken des Algerienkriegs wach, den die französische Armee gegen die Unabhängigkeitsbewegung in Algerien führte. Der Film wurde in Frankreich zunächst verboten.

Mit „Maria und Joseph“, einer Geschichte über die unbefleckte Empfängnis, provozierte er die katholische Kirche. Der Film wurde vom Vatikan als blasphemisch verurteilt und von einigen Ländern auf den Index gesetzt. Und in „Deutschland Neu(n) Null“ machte er die Wiedervereinigung Deutschlands zum Thema.

Godard wurde am 3. Dezember 1930 in Paris in eine protestantische bürgerliche Familie geboren, die in Frankreich und der Schweiz lebte. Nach dem Schulbesuch in Nyon im Schweizer Kanton Waadt ging er nach der Scheidung seiner Eltern zurück nach Paris, wo er zusammen mit den Nouvelle-Vague-Mitbegründern Truffaut, Rivette und Rohmer die kritische Filmzeitschrift „Cahiers du Cinéma“ ins Leben rief. Seit Anfang der 80er lebte er zurückgezogen in der Schweiz in Rolle am Genfersee.

Godards Filme sind Manifeste eines intellektuellen Kinos, in denen es die Geschichte und die Reflexion über die Geschichte gibt, die Erzählung und die Infragestellung der Erzählung. Und dazu gehört die Frage nach Bild und Sprache und ihrer Beziehung zueinander. Godard lehnte die Idee ab, dass Sprache und Wörter Kopien der Realität sind.

Nur wenige Filme waren Kassenhits. Doch das kommerzielle Kino hat Godard nie interessiert. Für ihn waren Filme wie „Star Wars“ oder „Matrix“ einfach nur „zu dumm und zu hässlich“.