In den vergangenen Jahren moderierte stets Günther Jauch die Jahresrückblicke bei RTL. dpa

Sie gehören zum Dezember wie Schmuddelwetter, Kopfschmerzen nach zu viel Glühwein und Sonnenlicht-Entzug – und genauso angenehm sind sie auch: Jahresrückblicke im Fernsehen. Denn die erscheinen mir oftmals so sinnbefreit, dass es mich richtig schüttelt, wenn ich einen sehe.

Darum finde ich Jahresrückblicke so furchtbar

Keine Frage: Jahresrückblicke haben ihr Publikum, sonst würde es sie nicht jedes Jahr wieder auf verschiedenen Sendern geben. Und ja: Es gibt einige Sender, die machen es besser und andere, die machen es schlechter. Furchtbar finde ich sie trotzdem alle.

Das heißt nicht, dass ich nicht grundsätzlich gerne zurückschaue und ein Jahr Revue passieren lasse. Da bin ich ein Mensch wie viele andere auch. Ich schaue zurück, schwelge in Erinnerungen oder versuche aus der Vergangenheit zu lernen. Und meinetwegen schaue ich auch auf das vergangene Jahr zurück.

Spezifische Jahresrückblicke haben ihre Berechtigung

Mich interessiert, was so im vergangenen Jahr im Fußball so alles passiert ist. Und ich schaue auch gerne zurück, welche wichtigen politischen Entscheidungen so im vergangenen Jahr getroffen worden oder welche Bücher erschienen sind. Und auch wenn mir jemand die zehn schönsten Katzenbilder aus 2021 vor die Nase hält, würde ich sie wohl durchblättern und anerkennend nicken.

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Auch Markus Lanz ist immer wieder Gastgeber von Jahresrückblicken. dpa/Georg Wendt

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Denn das alles für sich ist durchaus interessant oder im Fall der Katzen wenigstens ziemlich knuffig. Doch bei den TV-Sendern bekommt man oftmals ein seltsames Potpourri geboten: Hier der deutsche Meister Bayern München. Wisst ihr noch der geile Sommer, als wir alle dachten, Corona wäre vorbei. Ja außer die Minuten, an denen Christian Erikson leblos auf dem Rasen lag. Merkel ist weg. Laschet gewinnt CDU-Showdown. Dieter Bohlen wird abserviert. Italien ist Europameister. Hochwasser. Die Wollnys helfen. Laschet verliert alles. Schooooolz. Und hier bitteschön eine völlig aus dem Zusammenhang gerissene Videoschalte mit einer US-Amerikanerin, die vor 12 Jahren Achtlinge geboren hat.

Was ist der Sinn von bunt gemixten Jahresrückblicken?

Ich frage mich: Wem bringt das etwas? Bei Jahresrückblicken im Fernsehen bekommen wir oft eine willkürliche Mischung aus Geschehnissen aus dem vergangenen Jahr vorgesetzt. An ein Drittel der Dinge, die dort thematisiert werden, erinnern wir uns ohnehin noch, weil sie erst vor drei bis zehn Wochen passiert sind, ans zweite Drittel erinnern wir uns, weil sie wichtig waren und das Jahr geprägt haben und der Rest ist einfach völlig egal.

Hinzukommt, dass die Sender oftmals nichts anderes tun, als die Erinnerung, die wir haben wiederzugeben. Einordnungen in einen größeren Kontext finden kaum statt – wie denn auch bei Geschehnissen, die mit großem Wohlwollen 330 Tage her sein können?

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Vielleicht schickt sich das für eine TV-Kolumne nicht, aber an dieser Stelle würde ich gerne den großen Peter Lustig zitieren. Wenn ein Jahresrückblick im Fernsehen kommt, sollten Sie vielleicht einfach „abschalten“ – und stattdessen mit einem Freund, einer Freundin oder der Familie das Jahr noch einmal besprechen. Das macht ganz sicher mehr Freude.

Domescu Möller schreibt jeden Donnerstag im KURIER über die Welt des Fernsehens.
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