Das Dresdener „Tatort“-Team: Karin Gorniak (Karin Hanczewski), Peter Michael Schnabel (Martin Brambach) und Leo Winkler (Cornelia Gröschel). Foto: dpa/Hardy Spitz

Schöne Kulisse und menschliche Abgründe: „Wer denkt sich denn so was aus?“ Kommissariatschef Schnabel (Martin Brambach) kann es nicht fassen. Unter einer Elbbrücke, am berühmten Canaletto-Blick auf das Barockpanorama der Altstadt, liegt ein Sanitäter. Er wurde im Rettungswagen getötet, während seine Kollegin ganz in der Nähe eine Obdachlose versorgte. „Sieht nach Elektroschocker aus“, sagt Oberkommissarin Leonie Winkler (Cornelia Gröschel). Es ist ein Mordfall mit brisantem Hintergrund, den das Erste am Sonntag, um 20.15 Uhr, unter dem Titel „Rettung so nah“ zeigt.

Das Opfer ist Tarik Wasir, ein syrischer Flüchtling. Er wurde mittels Kabelbinder an das Lenkrad des Einsatzwagens gefesselt, eine Plastiktüte über dem Kopf. Greta (Luise Aschenbrenner), seine Kollegin, steht geschockt rauchend am Elbufer und beantwortet wie abwesend die Fragen der Ermittler. „Warum?“, fragt sie ins Leere. Nicht erst von nun an fährt die Angst zu jedem Einsatz mit.

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War es ein politischer Hintergrund, etwas Persönliches oder Gewalt gegen Einsatzkräfte? Schnabel, Winkler und Oberkommissarin Karin Gorniak (Karin Hanczewski) fischen im Trüben. „Wir werden ständig beschimpft, bespuckt, bedroht, aber so etwas?“, beschreibt Greta alltägliches Erleben im Job und fragt dennoch.

Für Drehbuchautor Christof Busche ist die reale Gewalt gegen Rettungskräfte ein spannendes Thema. „Es ist ein Job, in dem es um Extremsituationen geht.“ Er wollte „einen Fall erzählen, der, nach allem, was ich gehört habe, auch gestandenen Rettungssanitätern wirklich an die Nieren geht und sie aus dem Gleichgewicht wirft“.

„Tatort“ aus Dresden: Das mag Schauspielerin Aschenbrenner an ihrer Rolle

Er erzählt das aus der Perspektive von Greta, alleinerziehende Mutter einer kleinen Tochter. Aschenbrenner spielt sie besonnen, ruhig, bodenständig, zugleich verletzlich und überfordert. „Ich mag es, dass Greta auf eine unaufgeregte Weise besonders ist“, sagt die Schauspielerin. Greta ist der 25-Jährigen vertraut: „Wir haben die gleiche Stimme, dieselbe Gestik, Mimik, dasselbe Lachen und die gleiche Traurigkeit.“ 

Schließlich finden Winkler und Gorniak in den alten Akten eine mögliche Erklärung für die Tat: ein missglückter Einsatz von Greta und Tarik, bei dem ein Mädchen starb – laut Drehbuchautor Busche die größte Angst der Sanitäter. Auch Greta treibt das um.

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Die Kommissare nehmen die Zuschauer mit in diese raue Welt der Retter, deren zuweilen überfordernden Job und die privaten Nöte, in menschliche und psychische Abgründe. Es gibt mehrere Ebenen, Rückblicke und einige Sackgassen. Für Gorniak und Winkler sieht die Tat inszeniert aus, „fast wie eine Hinrichtung“. Doch dann verunglückt ein Rettungswagen auf dem Weg zum Einsatz und noch ein Sanitäter kommt ums Leben. Schnabel will die Wache erst sofort schließen, gibt aber dann unter einer Bedingung nach. „Ab jetzt fährt in jedem RTW ein Beamter mit.“

Gorniak geht als Erste mit auf Tour – und erlebt die Bedrohung hautnah mit. Greta indes fühlt sich schon länger verfolgt. Regisseurin Isabel Braak setzt bei ihrem „Tatort“-Debüt die Figuren mit Empathie in Szene und macht mit Dunkelheit und Musik Düsternis und Bedrohlichkeit spürbar. Bis zum Schluss liegen die Kommissare daneben.