Halle Berry musste auch nach ihrem Oscar-Gewinn 2002 in Hollywood um ihren Platz kämpfen. Imago Images

„Ich dachte, mein Stellenwert in Hollywood würde sich über Nacht ändern – was nicht passiert ist.“ Nach ihrem historischen Oscar-Gewinn für „Monster’s Ball“ vor fast 20 Jahren glaubte Halle Berry, dass man ihr danach mit großartigen Rollen die Bude einrennen würde. Zu ihrer Enttäuschung bekam sie nicht die Angebote, die sie sich erhofft hatte. Mit 54 beschloss sie, die Zügel im Filmbusiness selbst in die Hand zu nehmen. In ihrem neuen Film „Bruised“ – er läuft nach mehrfacher Corona-Verschiebung im November auf Netflix an – gibt sie ihr Regiedebüt. Und übernimmt selbst die Hauptrolle als eine weibliche Martial-Arts-Kämpferin.

KURIER: Sie spiele eine in Ungnade gefallene MMA-Kämpferin, die eine letzte Chance im Ring bekommt. Was hat Sie an der Rolle gereizt?

Halle Berry: Ich stand schon immer auf gebrochene, etwas kaputte Filmfiguren, die es hart im Leben haben. Underdogs, missverstandene Menschen. Ich kann mich mit denen am besten identifizieren. Weil ich selbst in meinem Leben harte Erfahrungen machen musste und selbst teilweise gebrochen und sehr angeschlagen war. Rollen können einem sehr helfen, sich selbst zu heilen.

2002 katapultierte der Film „James Bond 007 – Stirb an einem anderen Tag“ Halle Berry (mit Pierce Brosnan) in Hollywood ganz nach oben. Imago Images

Inwiefern?

Wenn man tief in eine solche dunkle Rolle eintaucht, dann teilt man auch Teile von sich, die sonst versteckt bleiben. Die man normalerweise nicht offen zeigt. Die Chance zu bekommen, die eigenen Torturen noch einmal neu zu beleuchten und damit umgehen zu können, zieht mich an. Es war das erste Mal so mit meiner Rolle als Leticia in „Monster’s Ball“. Ich bin dem (deutsch-schweizerischen) Regisseur Marc Forster bis heute so dankbar, dass er an mich geglaubt und für mich gekämpft hat, diese Rolle zu bekommen …

… die Ihnen den Oscar als beste Hauptdarstellerin beschert hat. Als erste afroamerikanische Schauspielerin überhaupt.

Das Traurige für mich ist, dass ich damals wirklich geglaubt habe, ich würde nicht lange die Einzige bleiben. Dass weitere schwarze Frauen schon sehr bald neben mir stehen würden. Doch jetzt sind 20 Jahre vergangen. Und jedes Jahr habe ich gedacht: „Jetzt aber!“ – „Jetzt aber!“ – „Jetzt aber!“ Es bricht mir echt das Herz, dass ich immer noch allein dastehe.

Unter Tränen nimmt die US-Schauspielerin Halle Berry bei der 74. Oscar-Verleihung 2002 im Kodak Theatre in Hollywood als erste Schwarze einen Oscar entgegen. dpa

Schauen Sie sich manchmal Ihre alten Filme an?

Das habe ich früher nie! Doch für mein Debüt als Regisseurin hatte ich keine andere Wahl. Ich wollte das Beste aus mir als Schauspielerin herausholen. Es war echt das Härteste für mich, Szenen mit mir selbst immer und immer wieder studieren zu müssen.

Einige Szenen in „Bruised“ sind ebenfalls hart zum Anschauen, weil sie als MMA-Kämpferin Jackie Justice ganz schön hart einstecken müssen!

Umso stolzer bin ich darauf, dass ich das mit 54 hinbekommen hab! Wenn man bedenkt, dass früher deine Karriere mit 40 zu Ende war und du in meinem Alter vielleicht noch ’ne Oma-Rolle bekommen hast. Ich fand es anfangs selbst einfach nur crazy, als die Produzentin mir vorschlagen hat, selbst vor der Kamera in den Ring zu steigen. Dabei war die Rolle ursprünglich einer 25-Jährigen auf den Leib geschrieben. Ich wusste, es wird hart. Und dass ich härter als je zuvor arbeiten muss.

Sie sollen sich während der Dreharbeiten Rippen gebrochen und trotzdem weiterhin gefilmt haben.

Ja, das stimmt. Die Regisseurin in mir hat gesagt: „Wir müssen weitermachen, wir können nicht stoppen.“ Und auf die habe ich gehört (lacht).

Wie hat es sich angefühlt, zum ersten Mal selbst die Kontrolle auf dem Set zu haben?

Um ehrlich zu sein, ich habe mir anfangs vor Angst fast in die Hose gemacht (lacht). Und jedem Regisseur, den ich gefragt habe, geht es vor einem neuen Film genauso. Man macht sich halt Sorgen, ob man auch wirklich das Beste herausholen kann.

Wie gehen Sie mit Stress um?

Meditation hilft mir sehr. Sie gibt mir Klarheit vor schweren Entscheidungen, die ich treffen muss. Und auch meine Kinder geben mir sehr viel Halt und innere Ruhe. Sie erinnern mich daran, was wirklich wichtig im Leben ist. Sie halten mich auf dem Boden und ich bin wegen ihnen ein besserer Mensch geworden.

Hat man als Regisseurin einen Vorteil, wenn man selbst so lange wie Sie vor der Kamera gearbeitet hat?

Ich glaube man hat es nach 30 Jahren Schauspielerei einfacher, mit anderen Schauspielern zu kommunizieren. Man weiß selbst, was man vom Regisseur hören will. Ich liebe die Schauspielerei und ich liebe Schauspieler. Deshalb habe ich ihnen auch eine lange Leine gelassen, ihren eigenen Ansatz mit in ihre Rollen hineinzubringen.

Was wäre Ihr Tipp für jungen Schauspielerinnen, wie man am ehesten erfolgreich wird und es dann auch so lange wie Sie bleibt!

Man muss authentisch sein und möglichst viel von sich selbst in die Rollen hineinstecken. Und du musst den Mut haben, zu kämpfen. Insbesondere wenn du eine schwarze Frau in Hollywood bist. Lass dich nicht von Furcht leiten, sondern von Wissen und Stärke!