Gerade bei den nettesten Menschen können üble Abgründe lauern … Maja (Isabelle Grill) im Film „Midsommar“ mit Dorfbewohnern in traditionell schwedischer Kleidung. Csaba Aknay/ZDF/ARD Degeto/dpa

Seit mehr als 100 Jahren werden Horrorfilme gedreht, und eine Gemeinsamkeit haben sie eigentlich immer gehabt: Das Böse greift in der Dunkelheit um sich und wird im Hellen zurückgedrängt. Ari Asters Horrordrama „Midsommar“ – 2019 veröffentlicht und schon jetzt ein Klassiker – stellt all das und noch mehr auf den Kopf.

Alle, die am Sonnabend um 22.25 Uhr 3sat einschalten, sollten sich darauf gefasst machen, dass gerade in den nettesten Menschen die übelsten Abgründe lauern. Der Welterfolg läuft erstmals im Free-TV. Übrigens genau an dem Tag, an dem ganz Skandinavien fröhlich das Mittsommerfest, also Midsommar, feiert.

Worum geht es? Studentin Dani gilt in der Clique ihres Freundes Christian als lästiges Anhängsel, immer nur mit Problemen behaftet. Eigentlich will Christian die Beziehung beenden. Doch als in Danis Familie ein entsetzliches Unglück passiert, ist er konfliktscheu und feige, nimmt sie widerwillig mit zu einem Skandinavien-Trip.

Reise nach Schweden wird zum Horror-Trip

Der Kommilitone Pelle hat die ganze Clique von US-Studenten eingeladen, in seine abgelegene schwedische Heimat zu kommen. Dort steht die Sonnenwende-Feier Midsommar an – diesmal mit einem Fest wie zuletzt vor 90 Jahren. Die jungen Amerikaner sind fasziniert, nicht nur wegen der ausgeteilten Drogen. Bald allerdings merken sie, dass auch sie Teil eines schrecklichen Rituals zu werden drohen.

„Midsommar“ ist in weiten Teilen ein sehr gekonntes Remake des britischen Kultfilms „The Wicker Man“ mit Christopher Lee. Die bizarre Underground-Produktion aus dem Jahr 1973 ist in Deutschland selbst eingefleischten Kinofans kaum geläufig. In Großbritannien hingegen gehört „The Wicker Man“ untrennbar zur Popkultur und hat immer wieder englische Krimireihen inspiriert.

Die Frage, warum die amerikanisch-schwedische Neuinterpretation des Stoffs durch Ari Aster („Hereditary - Das Vermächtnis“) so derart tief gemein ist und den Zuschauer so übel packt, ist gar nicht so einfach zu beantworten.

Da ist das gekonnte Spiel mit Licht und Dunkelheit: Ein Film, der in Finsternis mit einem Schocker beginnt, dann in sonnenbeschienener Idylle harmlos zu werden verspricht – bis klar wird, dass das Schlimmste noch bevorsteht und am helllichten Tag passiert.

Da ist die Fokussierung auf die Verliererin Dani, die immer tiefer in einen Strudel aus Drogenrausch und heidnischen Ritualen gerät. Da sind die menschlichen Abgründe auch bei den angeblich „Guten“ aus Danis Clique, die doch nur rücksichtslos nach ihrem Nutzen suchen. Und da ist Asters großes Geschick, alles, was noch kommen wird, unauffällig ganz am Bildrand einzuführen. Ein eindrucksvolles Stück Horror.