Der Schauspieler Frederick Lau über seinen Beruf: „Für mich ist ein Film eine Reise, auch jede Rolle ist eine Reise. Foto: imago images /Sven Simon

Was er macht, macht er mit Leidenschaft. Frederick Lau ist Berliner, Vater, Schauspieler. Der 30-Jährige wurde schon mit einem Grimme-Preis und zwei Lolas ausgezeichnet – ein Tausendsassa, der aus dem deutschen Film nicht mehr wegzudenken ist. In der erst zweiten deutschen Netflix-Eigenproduktion „Betonrausch“ ist Lau ab 17. April weltweit als Schlitzohr zu sehen, der mit Kumpel Viktor (David Kross) Immobilien im ganz großen Stil vertickt und den Berliner Immobilienmarkt auf denKopf stellt. Und diese haarsträubende Story ist nicht mal erfunden! Trotz Corona-Krise konnten wir mit „Freddie“ Lau ein Interview führen. Natürlich mit Abstand.

KURIER: Freddie, wie geht es Ihnen derzeit?

Frederick Lau: Ganz gut! Unser Dreh in Köln pausiert auch erst einmal, was vernünftig und richtig ist. Daher habe ich jetzt frei und bespaße meine drei Kinder.

Erreicht es Sie, dass viele gerade in der Corona-Krise mit Existenzproblemen konfrontiert sind?

Natürlich. Meine Mutter hat ihren Antiquitätenladen auch zugemacht. Das Leben ist derzeit für keinen einfach. Man denkt nach, was man in den nächsten Jahren noch anstellen will. Wir können uns ja nicht aufgeben!

Worauf richtet sich Ihre Hoffnung?

Dass die Musiker, Schauspieler, alle Kreativen sich auf sich selbst besinnen. Und dass ganz viele großartige Projekte entstehen, weil man derzeit Muße hat und die Kreativität tobt. Ich hoffe, dass gerade jetzt ein paar richtig geile Geschichten geschrieben werden!

Was hat Sie denn an der Story von „Betonrausch“ gereizt?

Na, diese wahre Geschichte zu erzählen, die eigentlich total absurd ist. Meine Figur Gerry träumt vom großen Geld, er hat keine Lust mehr, mit den kleinen Fischen herumzuschwimmen. Außerdem liebt er das Spiel mit dem Risiko. Ich selbst bin nicht aufs große Geld aus, aber ich verstehe, dass er sich für seine Familie ein besseres Leben wünscht.

Können Sie den Reiz am Besitz von Immobilien nachvollziehen?

Sehr gut sogar. Das hat doch jeder zum Ziel, ein eigenes Dach über dem Kopf zu haben.

Was ist Ihr kostbarster Besitz?

Meine Familie, ganz klar. Materiell? Ich habe ein schönes Haus, ein schönes Auto, eine schöne Uhr – da erfreue ich mich auch dran. 

Von wem haben Sie den Umgang mit Geld erlernt?

Von meinen Eltern, vor allem, wenn ich als Kind mit war auf Floh- und Antikmärkten. Sie führten ja einen Antiquitätenladen. Wenn ichmal einen großen Wunsch hatte, musste ich mir das Geld selbst ersparen. Ich bin aber kein Finanzgenie! Dafür ist bei uns meine Frau zuständig.

Sie drehen viel – vor „Betonrausch“ waren Sie im Februar in „Nightlife“ im Kino zu sehen.

Ich bin schon viel zum Drehen unterwegs, aber wenn ich zuhause bin, dann auch extrem konzentriert.Alles, was ich mache, ist intensiv.

Wie oft haben Sie schon mit Elyas M’Barek gedreht?

Mal überlegen. Ich glaube, „Nightlife“ war unser Fünfter. Wir kennen uns ja schon seit wir siebzehn waren. Seit wir zusammen „Die Welle“ gedreht haben, mögen und lieben wir uns. Daran hat sich auch bis heute nichts geändert. „Die Welle“ war die erste Zusammenarbeit, wir verbrachten damals viel Zeit miteinander. Er schlief meist auf meiner Couch, wenn er in Berlin war.

Sie hatten mit 17 schon eine eigene Wohnung? So häuslich sind Sie?

Na ja, ich bin halt früh zuhause ausgezogen. Und will kurz festhalten: Ich bin alles andere als häuslich! (Lacht)

Hat Elyas oder haben Sie sich in diesen zwölf Jahren verändert?

Nee, Elyas ist trotz seines unglaublichen Erfolgs mit „Fack Ju Göthe“ immer er selbst geblieben. Wenn irgendjemand behauptet, dass er jetzt abgehoben wäre, dann stimmt das einfach nicht. Ich kenne ihn wirklich gut. Er ist einfach ein herzensguter Junge. So wie er es immer war.Damals gab es eine Zeit, in der er an sich gezweifelt hat, er wusste nicht, ob er an der Schauspielerei dran bleiben soll. Da habe ich ihn geschnappt, in meiner Küche, und gesagt: Junge, mach’ jetzt weiter! Glaub’ an dich! Manchmal braucht man einfach jemanden, der einen unterstützt.

Waren Sie sich immer sicher, auf dem richtigen Weg zu sein?

Hm, ich bin zumindest sehr zielstrebig. Ich habe bei Elyas genau gespürt, dass er ein Schauspieler ist und nur dran bleiben muss. Ich würde nie Komplimente machen, wenn sie nicht den Tatsachen entsprechen. Elyas hat nicht nur Talent, sondern auch diese Aura eines Schauspielers. Er war auf dem richtigen Weg, er musste es nur ein paar Mal gesagt bekommen.

Würden Sie Elyas als Freund bezeichnen?

Absolut, ja.

Bezeichnen Sie viele als Freunde? Oder gehen Sie mit demWort eher geizig um?

Sehr geizig, und ich bleibe dabei: Elyas ist ein Freund von mir.

Wie wichtig sind Ihnen Freundschaften?

Ganz ehrlich: Ich bin einer der loyalsten Menschen, die ich kenne. Ich lasse nichts auf meine Freunde kommen. Niemals würde ich ein schlechtes Wort über sie verlieren. Wenn ich mich für jemanden entschieden habe, wenn ich jemanden einen Freund nenne, dann unterstütze ich ihn so gut ich kann. Ich bin treu. Ja, treu.

Das klingt fast wie ein Ehegelübde.

Für mich ist das auch fast das Gleiche. Freunde gehören bei mir zur Familie. Es ist so wichtig, dass man zueinander steht, dass man Rückendeckung gibt und sich gegenseitig aufrichtet. Ich möchte ja, dass es meinen Freunden und meiner Familie gut geht.

Sie haben ein Buch über Männerfreundschaften geschrieben: „Zusammen sind wir Könige“.

Ja,mit Kida Ramadan. Es war ein absurderGedanke – und ich liebe es, absurde Sachen zumachen. In einem Interview kam die Frage auf, ob wir nicht über Männerfreundschaften schreiben wollen. Ich habe mir erst gedacht: Wer soll das lesen, wen interessiert denn das? Kida dachte: Warum sollte es die Leute nicht interessieren? Dann war schnell klar, dass wir das machen.

Sie entscheiden also gern aus dem Bauch raus?

Ich finde es wichtig, im Leben nicht immer einen Plan zu haben, sondern auch mal Dinge auszuprobieren. Kida und ich drehen jetzt einen Film zusammen, bei dem ich Regie führe. Keine Ahnung, wie – ich mach es einfach. Ich glaube, Fassbinder ist auch nicht anders an die Sache rangegangen. Im Leben kommen oft Dinge unerwartet. Die Frage ist nur, was man daraus macht.

Was drehen Sie beide?

Kida hat eines Abends angerufen, als ich mit meinen Kindern noch einen späten Spaziergang gemacht habe. Das mache ich übrigens sehr gerne, Nachtspaziergänge. Jedenfalls hat er mich auf eine Idee angesprochen, die ich mal hatte. Und sofort war klar, dass wir das zusammen probieren. Eine Woche später ging es schon los, mit einem I-Phone als Kamera. Manche Dinge muss man einfach in die Hand nehmen, dann funktioniert es auch irgendwie. Viele Schauspieler machen um ihr Regiedebüt ein großes Tamtam.

Sie lassen sich nicht unter Druck setzen?

Nee, überhaupt nicht! Dinge kommen,wie sie kommen. Und Qualität entsteht nicht durch Druck.Wenn man seiner Passion nachgeht, passieren wunderbare Dinge. Daran glaube ich ganz fest. Mein Vater hat zu mir immer gesagt: Enttäusch’ die Menschen nicht! Darum: Wenn ich eine Chance bekomme, dann nutze ich sie auch. Und wenn man etwas mit Leidenschaft macht, dann verändert diese Sache auch einen selbst. Das wird zu einer Schleife: Man gibt alles, dadurch wird man selbst besser – und kann noch mehr geben. Erfolgserlebnisse kann man sich selbst schenken.

Ist Ihnen egal, ob Ihr Film groß rauskommt oder an der Kinokasse Erfolg hat?

Am liebsten würde ich ihn nur auf kleinen Filmfesten zeigen. Es geht mir nicht darum, dass jeder Mensch in Deutschland ihn sieht. Aber schön fände ich es, wenn ein paar Leute in China zufällig den Film auf einem Festival sehen würden.

Warum?

Für mich ist ein Film eine Reise, auch jede Rolle ist eine Reise. Deshalb wäre es passend,mit dem fertigen Film auch auf die Reise zu gehen und ihn an verschiedenen Orten der Welt zu zeigen. Filme durch die Augen von Menschen verschiedenster Kulturen zu sehen, ist irre spannend.

War es etwas Besonderes, das erste Mal als Regisseur „Action“ zu rufen?

Ja, total. Ganz ehrlich, ich war da schon sehr stolz drauf. Jetzt habe ich noch größeren Respekt vor dem Beruf des Regisseurs. Es ist schon toll, seine Ideen zu inszenieren. Aber das technische Drumherum – mit Locations und Schauspielern – ist echt schwierig! Zumal Sie ja nicht nur inszenieren, sondern auch vor der Kamera stehen. Klar, das war meine Idee, also dachte ich mir: Scheiß’ drauf, das spiele ich jetzt! (Lacht) Aber bei der nächsten Regie werde ich mir nur darauf konzentrieren und auf keinen Fall selbst mitspielen. Ich glaube auch nicht, dass man sich zu schauspielerischen Höchstleistungen pushen kann, wenn man selbst der Regisseur ist.

Sie sind im letzten Sommer 30 geworden. War das ein Wendepunkt?

Das Lebensjahr ist ja noch nicht zu Ende. Aber ich glaube, dass ich mir mit der Zeit etwas andere Ziele setze. Vielleicht werde ich schon etwas klarer. Die eigene Kindlichkeit verabschiedet sich, das merke ich. Aber das liegt wohl daran, dass ich jetzt eigene Kinder habe. 30 Jahre klingt zumindest so erwachsen. Mit dem Wort „erwachsen“ kann ich nichts anfangen. Zumindest wachse ich. Ich entwickle mich.

Sie sind seit fünf Jahren verheiratet. Wie haben Sie Ihre Traumfrau von sich überzeugt?

Ehrlich gesagt überzeuge ich sie immer noch! (Lacht) Wenn man jemanden fantastisch findet, dann sollte man auch für ihn kämpfen. Scheinbar hatte ich dann doch genug Charme. Und wenn es funkt, dann muss man sich eben auch anstrengen, damit wirklich etwas daraus wird.

Was betrachten Sie als beste Entscheidung Ihres Lebens?

Definitiv meine drei Kinder und meine Frau. Ich freue mich auch sehr über meine Stadt. (Lacht)

Was wären Sie ohne Berlin?

Das würde nicht gehen, nein! Ich habe schon einiges gesehen, aber Berlin ist einfach die schönste Stadt. Ich liebe meine Stadt so sehr! Ich bin durch und durch Berliner.

Interview: Mariam Schaghaghi