Für das Stammpublikum ist der "Tatort"-Krimi so wichtig wie eine Verabredung. Foto: imago images/Revierfoto

Mal klassisch, mal experimentell, mal aus dem Süden, mal aus dem Norden - aber immer ist der Fall nach 90 Minuten gelöst: Der „Tatort“ feiert sein 50. Jubiläum. Jörg Schönenborn, Koordinator Fernsehfilm in der ARD, spricht im dpa-Interview über Erfolgsgeheimnisse, Veränderungen und Zuschauerkritik.

50 Jahre - das ist im Fernsehen eine lange Zeit. Was ist das Erfolgsrezept des „Tatorts“?

Das Geheimnis ist, dass der „Tatort“ nicht stehengeblieben ist, sondern sich entwickelt hat. Anfangs war er ja keine wöchentliche Sendung, erst seit 25 Jahren ist er dieses feste Versprechen für den Sonntagabend. Ein zweites Erfolgsgeheimnis ist, dass wir heute auf der einen Seite zwar das Bedürfnis haben, selbst zu entscheiden, wann man was gucken kann, aber andererseits auch das Bedürfnis, etwas zu erleben, dabei zu sein - ein Event, eine Verabredung zu haben. Der „Tatort“ ist eben ein „Date“, das man sich nicht im Kalender eintragen muss: Man weiß, sonntags, Viertel nach acht, kann ich „Tatort“ gucken, kann mit meinen Freunden darüber chatten, am Morgen danach zum Beispiel bei der Arbeit darüber reden. Es ist übrigens auch unser einziges filmisches Angebot, das wir nicht vorab in die Mediathek stellen - und ich kenne keine Forderung des Publikums, das zu ändern: Man soll wirklich erst am Sonntagabend erfahren, wer geschossen hat.

Foto: Georg Wendt/dpa
Zur Person

Jörg Schönenborn (56) ist WDR-Programmdirektor und seit 2019 ARD-Koordinator Fernsehfilm. Der gebürtige Solinger arbeitete nach seinem Volontariat zunächst als Hörfunk- und TV-Redakteur beim WDR und wurde dort 2002 Chefredakteur Fernsehen und Leiter des Programmbereichs Politik und Zeitgeschehen. In der ARD moderiert er regelmäßig Wahlsendungen und den „Presseclub“.

In der Vergangenheit gab es Kritik an innovativeren, experimentellen Folgen. Sind auch weiterhin Experimente geplant - sogar auf die Gefahr hin, Fans der traditionellen Formate zu verschrecken?

Wir müssen den Mut haben zu irritieren und zu strapazieren, denn sonst wird der „Tatort“ irgendwann etwas fürs Museum. Wir brauchen eine bestimmte Zahl von Filmen, die ausprobieren, die Kreativen die Chance geben, sich zu verwirklichen - auch wenn das manchmal vielleicht ungewollte Folgen hat: Mal irritiert es oder man versteht den Sinn, den Text nicht, wenn es zu mundartlich wird. Da haben wir wirklich schon alle Varianten gehabt, aber die Kritik daran müssen wir dann auch aushalten. Das Wichtige ist ja, dass wir die guten Veränderungen, die uns nach vorne bringen, beibehalten.

Inzwischen gibt es eine große Zahl verschiedener Ermittlerteams. Besteht nicht die Gefahr, dass die Zuschauer da den Überblick verlieren und die Identifikation verloren geht?

Niemand findet, dass das Team aus seiner Region überflüssig ist. Wir haben in Deutschland im Moment 20 Ermittlerteams, darüber hinaus eins in Österreich und eins in der Schweiz. Zum Erfolgsgeheimnis des „Tatort“ gehört auch, dass er ein starkes Stück Föderalismus ist. Er ist dort zu Hause, wo unser Publikum ist. Und irgendwann im Jahr kommt auch ein Film aus der Gegend, in der ich lebe. Es geht ja auch immer mal wieder ein Team in den Ruhestand oder hört auf - insofern muss sich unser Publikum auch immer wieder an neue Teams gewöhnen, das wird so bleiben.

Sind in der Zukunft schon absehbar Veränderungen am „Tatort“ geplant?

Ich glaube, wir würden den „Tatort“ nicht gut pflegen, wenn wir jetzt zum Geburtstag die Revolution ankündigen würden. Der „Tatort“ lebt von behutsamen Entwicklungen. Es wird noch mehr Begleitung im Netz geben. Aber der Kern - ein Kriminalfall, der in 90 Minuten gelöst wird - wird bleiben.