Ellen Tiedtke 1991 in einer Kinderrevue im Friedrichstadtpalast. Foto: dpa

Rot-weißer Ringelpullover und Hosenträger. Niedliche Zöpfe, große Augen, kecker Blick. Das war Ellentie, Moderatorin der gleichnamigen Kindersendung im DDR-Fernsehen. Ellentie heißt eigentlich Ellen Tiedtke. Sie war nicht nur beliebtes TV-Gesicht, sondern auch Kabarettistin, Sängerin und Bühnen-Schauspielerin. Nun wird die temperamentvolle Künstlerin, die längst im Ruhestand ist, am 16. März 90 Jahre alt.

Tiedtke, geboren in Ostpreußen, stand schon als Mädchen gerne mit Darbietungen im Mittelpunkt. „Soweit ich mich erinnere, habe ich mich immer in den Vordergrund gespielt. Wenn zu Hause Besuch da war, habe ich Gedichte aufgesagt und getanzt“, berichtet die Jubilarin der Deutschen Presse-Agentur. Dann musste die Familie fliehen, zog nach Schwerin. Für Ellen stand fest: Sie will nach dem Abi auf einer Theaterbühne stehen.

Doch schon im Studium wurde klar: Sich diesen Berufswunsch zu erfüllen, ist nicht leicht: „Ich wollte ans Deutsche Theater in Berlin. Wir suchten alle wie die Wilden – aber alles war besetzt.“ Sie ergatterte in Cottbus einen Drei-Jahres-Vertrag. Danach ging es für ein Jahr nach Frankfurt (Oder) – „dann hatte ich wieder das Problem: Wohin?“ Weil es an den Theatern keine Stellen gab, bewarb sie sich bei der Leipziger Pfeffermühle – und wurde 1956 Kabarettistin. Doch damit wurden die Probleme noch größer. Etwa bei der Aufführung des Programms „Rührt Euch“: „Eine Textzeile hieß ,Wir wollen ja nur, dass das Leben so wird wie in der Zeitung’“. Tiedtke blickt zurück: „Da wurde ein ausgewähltes Publikum reingesetzt, das gebuht hat. Die Bühne wurde gestürmt – und das Programm abgesetzt.“ Der Vorfall am 15. Dezember 1956 war ein staatlich inszenierter Tumult.

Ellen Tiedtke vor ein paar Jahren im ZDF-fernsehgarten. Foto: imago/Hoffmann

Tiedtke zog nach Berlin, wurde Ensemble-Mitglied des bekannten Kabaretts Distel. Viele ihrer Szenen schrieb ihr Mann Hans Rascher. Nach sieben Jahren war aber an der Distel wieder Schluss. Auf einer Betriebsversammlung hatte sich Tiedtke, ausgezeichnet mit dem Kunstpreis der DDR, kritisch etwa über die Direktoren der Kabarett-Bühne geäußert. Tiedtke kündigte. Sie wurde Entertainerin und Sängerin, interpretierte etwa Lieder im Stile Claire Waldoffs. 1964 erschien die Single „Du bist ein feiner Mann/Fahr' doch allein Karussell“ - darauf Tiedtke mit kurzem Haar und Hut. Und die Künstlerin eckte wieder einmal an: Sie sollte in einer TV-Show für die Delegierten des VI. SED-Parteitages ein Lied singen, das „eine Lobhudelei der DDR“ war. Sie entschied, dort nicht aufzutreten. Mit Folgen: „Bei mir schwieg danach das Telefon. Kein Auftrag kam mehr.“

Doch dann doch noch der große Durchbruch: 1983 startete im TV die Kindersendung „Ellentie“ – mit Tiedtke als tollpatschiger Moderatorin. Immer mittwochs lief die Sendung unter dem Motto „Filme, Spaß und sonst noch was“. Tiedtke über Ellentie: „Ich war eine alterslose Person, die Kinder nicht mit erhobenem Zeigefinger belehrte, sondern ihre Fehler machte.“ Das Magazin wurde so beliebt, dass die Sendezeit verschoben wurde, weil zeitgleich die Pioniernachmittage stattfanden. „Es gab Krach mit den Schülern, sie wollten Ellentie sehen“, erinnert sich die Entertainerin. Sie habe Wäschekörbe voll mit Kinderbriefen bekommen. „Ein Kind hat gesagt ,Dich möchte ich als Mutti haben’. Ein Junge schrieb: ,Ich liebe Dich, weil Du genauso doof bist wie ich’“. Selbst hat Tiedtke keine Kinder. Nach dem Mauerfall wurde die Sendung 1991 eingestellt. Da war Tiedtke 61 Jahre alt. Seitdem ist sie Rentnerin. „Wenn die Ellentie nicht gewesen wäre, würde ich heute ein bisschen verbittert dasitzen“, sagt sie.