Beim Filmfestival von San Sebastián sprachen wir mit der 84-jährigen Hollywood-Legende. Foto: Sony Pictures Classics

Jüngere Kinofans kennen Donald Sutherland vor allem als teuflischen Präsidenten Snow aus der „Tribute von Panem“-Filmreihe, älteren ist er aus Klassikern wie „MASH“, „Fellinis Casanova“ oder „Wenn die Gondeln Trauer tragen“ ein Begriff. Fast 200 Filme und Serien hat der wandlungsfähige 1,93-Meter-Schlaks mit den großen Augen, Ohren und Zähnen gedreht. Beim Filmfestival von San Sebastián sprachen wir mit der 84-jährigen Hollywood-Legende.

KURIER: Stimmt es, dass Sie ursprünglich Ingenieur werden wollten?

Donald Sutherland: Nein. Ich wuchs in einem kleinen kanadischen Kaff auf und verkündete mit 17 meinem Vater, dass ich unbedingt Schauspieler werden wollte. Er meinte: „Okay, aber vorher studierst du etwas Vernünftiges – zur Sicherheit, falls das mit deinem Traumberuf nicht klappt.“ Ich gehorchte und entschied mich für Ingenieurwissenschaften, weil ich gut in Mathe war. Doch im Studium bin ich grandios gescheitert und durch sämtliche Prüfungen gerasselt. Ein Studiengenosse aus der DDR, mit dem ich gemeinsam in Finnland ein Titanabbau-Projekt betreute, sagte zu mir: „Du bist der schlechteste Ingenieur, der mir je begegnet ist.“

Nach Ihrem Schauspielstudium hat es viele Jahre bis zu Ihren ersten TV- und Filmauftritten gedauert.

Ja, ich war am Theater wunschlos glücklich und wollte eigentlich gar nicht vor die Kamera. Bei meinem allerersten Vorsprechen für einen Film bekam ich zu hören: „Wir suchen für die Rolle einen netten Jungen von nebenan. Aber Sie sehen so aus, als wären Sie noch nie irgendjemandes Nachbar gewesen.“ Einige Jahre später kam am Glasgower Flughafen eine blutjunge schottische Stewardess im Minirock auf mich zu und meinte: „Sie sind doch Donald Sutherland, stimmt“s? Sie sehen gar nicht so hässlich aus wie in der Glotze!“

Wie kam es zu Ihrem Durchbruch mit „MASH“?

Der Produzent hatte mich in dem Kriegsfilm „Das dreckige Dutzend“ gesehen, schickte mir das Drehbuch zu „MASH“, das ich absolut schrecklich fand, und fragte mich, ob ich die Hauptrolle übernehmen würde. Ich sagte: „Ja, unbedingt!“ Ich war jung und brauchte das Geld. Regisseur Robert Altman kam erst später an Bord. Er wollte mich nicht, konnte sich aber nicht gegen den Produzenten durchsetzen. Von dem grässlichen Drehbuch blieb letztlich fast nichts übrig: Der Film ist komplett improvisiert; wir machten vor der Kamera einfach, was wir wollten. Es war der reine Wahnsinn.

Haben Sie mit dem Riesenerfolg des Films gerechnet?

I wo! Wir hatten so gut wie kein Geld für Werbung, und es gab ja 1970 auch noch kein Internet, keine Social Media, kein… Wie heißt das noch mal, was Donald Trump immer tut? Sagen Sie jetzt nicht „lügen“ – ich meine etwas anderes.

Twittern?

Genau. All das gab es damals nicht, nur die Mundpropaganda. Trotzdem standen die Kinozuschauer vom ersten Tag an Schlange. Es war unglaublich.

Wie kam der italienische Meisterregisseur Federico Fellini darauf, Sie als Casanova zu besetzen?

Federico meinte, er wollte mich für die Rolle, weil ich die Augen eines Onanisten hätte. Und ich dachte: Verdammt, woher weiß er das? Im Prinzip war ich bei diesem Film seine Mätresse: Ich habe mich völlig in seine Casanova-Vision verwandelt, ließ mir die Haarpracht abrasieren und eine Nasenprothese verpassen. Am Set saß er oft auf meinem Schoß, wenn er Szenen mit anderen Akteuren inszenierte. Für mich fühlten sich die Dreharbeiten mit Federico an wie eine monatelange Liebesaffäre.

Sie haben auch eine der berühmtesten und schönsten Liebesszenen aller Zeiten gedreht: mit Julie Christie in „Wenn die Gondeln Trauer tragen“ …

Ja, und bis heute hält sich hartnäckig das Gerücht, wir hätten damals tatsächlich Sex vor der Kamera gehabt. Unsinn! Julie und ich kannten uns gerade mal anderthalb Tage, wir fühlten uns wie bei einer Zahnoperation, und während Regisseur Nicolas Roeg uns seine Anweisungen zurief („Donald, jetzt bitte Julies Brust küssen!“), machte die Kamera einen Lärm wie ein deutscher Panzer. Die Intimität der Szene entstand erst durch den fantastischen Schnitt. Wir erleben die Vertrautheit zweier Menschen, die sich innig lieben und gerade ihre Tochter verloren haben.

Ist es wahr, dass Sie selbst einmal eine Nahtoderfahrung gemacht haben?

Ja, 1968, bei den Dreharbeiten zu „Stoßtrupp Gold“ im ehemaligen Jugoslawien. Ich brach eines Abends beim Pokerspielen zusammen und wurde ins Krankenhaus eingeliefert – mit einer bakteriellen Hirnhautentzündung. Die Klinik hatte nicht die nötigen Medikamente für die lebensrettende Behandlung. Ich fiel ins Koma, galt eine Zeit lang als klinisch tot und konnte mich selbst von oben beobachten.

Was haben Sie da gesehen?

Einen blauen Tunnel, in den mein Körper hineingezogen werden sollte. Drei Filmproduzenten, die neben meinem Krankenbett standen und ein Telegramm an meine Frau diktierten: Sie solle nicht herkommen, meine Leiche werde nach Hause geschickt. Ich konnte jedes Wort hören, das sie sprachen. Aber ich wollte nicht sterben und zwang mich zum Weiterleben.

Wie das?

Ich versuchte, mich am Bett festzuklammern. Ich wurde in eine Klinik nach London verlegt, wobei der Krankenwagen auf dem Weg zum Flughafen liegen blieb, weil ihm das Benzin ausging. Nach sechs Wochen in der Klinik musste ich zurück zum Set und den Film zu Ende drehen. Regisseur Brian Hutton sagte nach jeder Szene: „Danke, Donald, das war großartig!“ Daraufhin brach ich jedes Mal in Tränen aus. Mein Hirn fühlte sich an wie ein gegrillter Blumenkohl. Ich war ein totaler Freak. Aber ich bin immer noch hier!

Und Sie haben mit den vier „Tribute von Panem“-Filmen noch einmal eine völlig neue Generation von Fans gewonnen …

Ja, ich wollte unbedingt dabei sein, weil ich die Geschichte toll fand: Ich dachte, sie könnte die Jugend für Politik sensibilisieren, radikalisieren und dazu inspirieren, ihre Hintern hochzukriegen und für Veränderung zu kämpfen. Das ist dringend nötig.

Woran denken Sie vor allem?

An den Klimawandel. Die Profitgier der Menschheit hat bereits dafür gesorgt, dass fast alle Korallenriffe und Millionen von Tieren verschwunden sind. In meinem Garten gibt es keine Rotkehlchen mehr, und in China müssen Blüten von Hand bestäubt werden, weil die Bienen reihenweise verrecken. In der Welt, die wir unseren Enkeln hinterlassen, werden sie nicht leben können. Aber die Politiker tun nichts dagegen. Ich sage Ihnen: Die Haltung der UN gegenüber dem Klimawandel ist totaler Bullshit. Und wenn Sie Schwierigkeiten haben, dieses Wort zu übersetzen, finde ich gern noch einen drastischeren Ausdruck!