Große Projekte werden groß angekündigt: Hier wird für das neue AC/DC-Album in London auf dem Monument Marble Arch geworben. Foto: dpa

PWR UP – fünf Buchstaben erteilen unzähligen Rockfans derzeit tagtäglich kleine Stromstöße des Entzückens. Noch wenige Tage, dann erscheint am 13. November das neue Album mit dem etwas kryptisch anmutenden Titel (kurz für Power Up, übersetzt: Einschalten) der schon häufiger totgesagten australischen Megaband AC/DC. Wie nach dem Tod von Bon Scott 1979, wird die Gruppe auch nach dem Tod des Bandgründers Malcolm Young vor fast genau drei Jahren wieder auferstehen und kommerzielle Erfolge feiern. Eine reibungslos funktionierende, gut geölte Rockmaschine ist dafür  angelaufen, um dieses Album garantiert millionenfach zu verkaufen. Der wohlmöglich wichtigste Grundstein dafür wurde dabei vor gut 41 Jahren gelegt.

Die Rockband um die Brüder Angus und Malcolm Young hatte mit ihren ersten Platten Ende der 1970-er Jahre Achtungserfolge erzielt. Nach Australien wurden England, Deutschland und weitere europäische Staaten im E-Gitarrensturm genommen. Mit dem kernigen „Let there be rock“ und dem Nachfolger „Powerage“ setzten die Rocker tausende Fans in großen Hallen unter Strom. Die Kritiker waren begeistert von dem erdigen, knackigen Sound mit dem Bluesherzen. Angus‘ Schuluniform und die artistischen Soli sowie Bon Scotts versoffen-versautes Image gaben dem Ganzen noch das gewisse Besondere.

Malcolm Young, Mitgründer der Band, einer der besten Rhythmusgitarristen der Welt, erkrankte schwer an Demenz. Er starb vor fast genau drei Jahren. Foto: Sony BMG

Doch die Plattenverkäufe jenseits des großen Teichs hielten sich in Grenzen. Während in Europa der Punk regierte, dominierte in den amerikanischen Radiostationen vorwiegend der typische Mainstream-Sound von Boston, der Steve Miller Band, Fleetwood Mac … Dort wollte die Plattenfirma Atlantic, die AC/DC unter Vertrag hatte, jetzt punkten mit aller Macht. Doch über das Wie, da knirschte es gewaltig zwischen den Plattenbossen und der Band. Praktisch über die Köpfe von Malcolm und Angus hinweg wurden die bisherigen Produzenten Harry Vanda und George Young durch Eddie Kramer ersetzt. Auch wenn Eddie natürlich kein No-Name-Produzent war, schon mit Led Zeppelin, Kiss, Jimi Hendrix gearbeitet hatte, ging es dem Young-Clan erheblich gegen den Strich, dass die Atlantic-Chefs ihren Bruder George einfach vor die Tür gesetzt hatten. Kein gutes Omen für die Arbeit von Eddie Kramer und AC/DC.

Die ersten Aufnahmen zum Album „Highway to Hell“ begannen, doch zwischen Band und Produzent herrschte Eiszeit. Von vielen Streits war die Rede, Bon Scott habe einmal geschrieben: „Es stellt sich heraus, dass der Typ voller Bullshit ist und nicht mal einen guten Furz produzieren könnte“. Nach wenigen Wochen der Zusammenarbeit hatten Band und Produzent nur ein paar unvollständige Aufnahmenschnipsel vorzuweisen. Zudem wurden die ersten Aufnahmen des Albums verbaselt (sie wurden erst später wiedergefunden und auf dem Album „Bonfire“ veröffentlicht). Malcolm sei der Geduldsfaden gerissen und mitten in der Produktion wurde Kramer gefeuert.

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Genau in diesem Augenblick kam der Zufall der Rockband zu Hilfe. Mick Wall, Biograf der Band, schilderte in einem Buch, dass Malcolm den Bandmanager Michael Browning anrief und ihm genervt sein Leid klagte. Browning war gerade nach New York gezogen, wohnte mit zwei Südafrikanern zusammen. Auch an diesem Abend saß Browning mit WG-Kumpel und Musikproduzenten Clive Calder und dessen wichtigsten Klienten Robert John Lange zusammen.

Hollywood, 1977: AC/DC mit Sänger Bon Scott und Gitarrist Angus Young versuchen, die USA zu erobern. Links im Hintergrund Malcolm Young, rechts Schlagzeuger Phil Rudd.
Foto: Michael Ochs Archives/Getty Images

Lange, den seine Freunde nur „Mutt“ nennen, hatte einige Hits in seiner Heimat Südafrika produziert, bevor es den erklärten Gegner des Apartheidregimes nach England und in die USA verschlug. Die nächste Station hieß für ihn – die Boomtown Rats. Mit „Rat Trap“ gelang ein Nummer-1-Hit in England. Mutt, selbst begnadeter Sänger und Musiker, bewegte sich mühelos zwischen den Genres, ein Multitalent – und Perfektionist. Browning soll das Telefonat mit Malcolm beendet und zu Mutt gesagt haben: „Du musst das machen, du produzierst das neue Album von AC/DC.“ Es brauchte einige Überzeugungskraft, bis Mutt zustimmte. Doch damit war der Grundstein für eine gigantische Rockgeschichte gelegt.

Eines der wenigen Fotos von Mutt Lange. Der virtuose Musikproduzent und Hitschreiber hält sein Leben weitestgehend aus der Öffentlichkeit raus.  Foto: Getty Images

Die Aufnahmen zu „Highway to Hell“ begannen am 24. März 1979 in den Roundhouse Studios (Chalk Farm, Nordlondon) und waren drei Wochen später abgeschlossen. Eine extrem kurze Zeit, wenn man bedenkt, dass Mutt mit jedem einzelnen Bandmitglied hart arbeitete, jeden Song in seine Einzelteile zerlegte, um dann alles wieder neu zusammenzusetzen. Wer heute die Aufnahmen von „Powerage“ und seinem Nachfolger „Highway to Hell“ vergleicht, erkennt schnell den riesigen Unterschied. Es war immer noch AC/DC, noch immer der dreckige, raue Rock, der erdige Blues, aber die Songs hatten jetzt Hitpotenzial, zeugten von einem ungeheuren Groove, der den Sprung zum Stadion-Rock problemlos schaffte. Die drei Wochen im Studio veränderte das Leben aller Beteiligten.

April, 2015: Angus Young beim Coachella Music and Arts Festival in Kalifornien.
Foto: dpa

„Highway to Hell“ wurde ein Millionen-Erfolg, eroberte die Charts weltweit. If you want hits, you’ve got it. Die Live-Premiere feierte die Band in Nürnberg am 1. September 1979. Fast pausenlos tourte die Band bis Ende Januar 1980. Mit dem grandiosen „Let there be rock“, das in der Liveversion locker auf zwölf Minuten ausgedehnt wurde, beschloss AC/DC am 27. Januar 1980 in Southampton den Konzert-Marathon. „Let there be rock“ – das war der letzte Song, den Bon Scott auf einer Bühne singen sollte. Am Morgen des 19. Februar wird der Sänger nach einer wieder einmal durchzechten Nacht im Auto eines Freundes tot aufgefunden. Als Todesursache wurde Alkoholvergiftung angegeben. Wobei sich auch immer das Gerücht hielt, er sei erfroren. Fakt ist, Ronald Belford „Bon“ Scott wurde nur 33 Jahre alt.

Auf dem Höhepunkt des Erfolgs stand die Gruppe vor dem Nichts. Was die Brüder Young antrieb, schon zwei Monaten nach dem Tod Scotts einen neuen Sänger zu suchen, ob, wie es heißt, Bons Eltern sie ermutigt hätten weiterzumachen, bleibt nebulös. Sicher ist, Brian Johnson wurde als neuer Frontmann verpflichtet, die Aufnahmen für „Back in Black“ begannen kurz darauf im April 1980 auf den Bahamas – wieder mit Mutt Lange als Produzenten.

Das offizielle Video zur neuen Single von AC/DC

Am 25. Juli 1980 wurde „Back in Black“ veröffentlicht und rangiert heute mit über 50 Millionen verkaufter Tonträger (laut Label) in der Rangliste der meistverkauften Alben auf Platz 2 nach Michael Jacksons „Thriller“. Mit dem ganz in schwarz gehaltenen Album wollte die Band ihren verstorbenen Sänger ehren, betonten die Musiker. In Erinnerung dessen hielt sich auch lange das Gerücht, das neue Album PWR UP enthalte unverkennbare Riffs des verstorbenen Malcolm, einer der unbestritten besten Rhythmusgitarristen. Erst in den vergangenen Tagen räumte sein Bruder Angus in verschiedenen Interviews damit auf, betonte aber immer wieder, das nunmehr 17. Album der Band sei Malcolm gewidmet und enthalte Ideen von ihm.

Als Produzent zeichnet diesmal nicht Mutt Lange sondern Brendan O’Brien, der schon „Rock or Bust“ und „Black Ice“ mit der Band produzierte. Auch werden die Verkäufe sicher nicht mehr die Zahlen von „Back in Black“ erreichen. Das macht aber nichts. Die Rockgeschichte ist ein Stück fortgeschrieben. Und Millionen Fans werden dafür dankbar sein.