Oliver Pocher zeigt auf einer Bühne große Gesten. dpa/Moritz Frankenberg

Er gehört zum deutschen Fernsehen, wie die Trolle in die Facebook-Kommentarspalten: Oliver Pocher. Einst war er so etwas wie der Hoffnungsträger der deutschen Comedy, ehe er sich eine verbale Entgleisung nach der anderen leistete und sich Mitte der 2010er Jahre in Trash-TV-Formaten wie „Fort Boyard“ oder „Global Gladiators“ neben Influencern und Reality-Stars wiederfand. Und offenbar entdeckte er dort seine neue Geschäftsidee: auf C-Promis rumzuhacken und dabei darüber hinwegzutäuschen, dass er selbst einer ist. Kurz: Die Methode Pocher.

Oli Pochers Wiederaufstieg begann mit Michael Wendler

Der Wiederaufstieg des Oliver Pocher ist eng verknüpft mit dem Namen Michael Wendler. Während der damalige Schlagersänger, der heute als Verschwörungsideologe und Werbegesicht für einen rechtsextremen Verlag unterwegs ist, im Schatten seiner damals 18 Jahre alten Freundin Laura Müller einen neuen Anlauf aufs Showgeschäft nahm, hing sich Oliver Pocher an die Fersen des Paares.

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Michael Wendler und Oliver Pocher schafften Anfang des Jahres 2020 Seite an Seite den Karriere-Aufstieg. Imago/Christoph Hardt

Eine Methode, die er in der Vergangenheit schon immer wieder für sich zu nutzen wusste. So leistete er sich 2013 einen Schlagabtausch auf Twitter mit der Tennis-Legende Boris Becker, nur um ihn dann in eine TV-Show zu zerren und bloßzustellen. Immer wieder suchte Pocher über Becker Öffentlichkeit. Als im Zuge des Insolvenzverfahrens einige von Beckers Trophäen versteigert wurden, bot Pocher mit und kaufte zwei Glastrophäen. Diese verkaufte er dann öffentlichkeitswirksam an Boris Ex-Frau Lilly Becker.

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Im Winter 2019/20 übertrug Pocher dieses Modell auch auf andere Promis – zunächst vor allem Michael Wendler. Mit „Egal“-Shirt und einem aufgemalten Bart „parodierte“ er den ehemaligen Schlagersänger und begann schon bald auch anderen Influencern auf die Finger zu schauen. „Bildschirmkontrolle“ nennt er das Machwerk, in dem er sich als eine Art Anti-Influencer-Influencer über diverse Menschen lustig macht, die ihr Geld mit Unterhaltung und Werbung im Internet verdienen.

Dabei hat Pocher es nicht nur, aber vor allem, auf Frauen abgesehen. Unter dem Deckmantel von Satire beleidigt er Influencerinnen, in dem er sich über ihr Aussehen lustig macht, ihre Namen verballhornt und ihren kompletten Berufsstand immer wieder lächerlich macht. Dass Sexismus und Misogynie Pochers „Humor“ ausmachen, ist nicht neu. Auch in seiner Hochphase in den Nullerjahren bestanden viele seiner Auftritte aus homophoben, rassistischen und sexistischen Sprüchen.

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Oliver Pocher: Doxing gegen Anne Wünsche und Kim Zarwell

Besonders schlimm wurden Pochers Verbal-Attacken im Frühjahr 2020, als er sich auf Anne Wünsche und deren damalige Freundin Kim Zarwell einschoss, die in Pochers Augen unauthentische Werbung machten und sich – so Pocher – Follower gekauft haben sollen. Wüsten Beschimpfungen folgten immer heftigere Attacken, die in Drohbriefen gegen Zarwell endeten.

Doch damit endete Pochers Attacke nicht. In einem weiterne Video outete er Zarwell als ehemalige Sexarbeiterin und zeigte ein altes Video, in dem sich Wünsche leicht bekleidet präsentierte. Doxing nennt sich diese Praxis, dass persönliche Informationen gesammelt und dann veröffentlicht werden, um die Personen bloßzustellen. Oft kommen sie bei rechten Trollen vor – und eben bei Oliver Pocher.

Oft rechtfertigt Pocher seine Attacken nicht nur mit „Satire“, sondern auch mit Kinderschutz. Denn einer seiner häufigsten Vorwürfe lautet, dass die Influencerinnen ihre Kinder in die Öffentlichkeit ziehen und vermarkten. Ein sicher diskutabler Punkt, der jedoch keine persönlichen Angriffe rechtfertigt und ohnehin einer fragwürdigen Logik folgt. So sagte Pocher in seinem jüngsten Video: „Man muss sich nicht über sexuellen Missbrauch von Kindern aufregen, wenn man selbst sein Kind die ganze Zeit durchvermarktet.“ Ein klarer Fall von Täter-Opfer-Umkehr.

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Oliver Pocher nahm sich Sarah Engels vor, doch die wehrt sich direkt

Zuletzt hatte es der gebürtige Hannoveraner in diesem Sinne auch auf Sarah Engels abgesehen. Pocher wirft der Ex-Frau von Pietro Lombardi vor, ihren Sohn Alessio im Netz zu vermarkten und spekulierte dann auch öffentlich über das Geschlecht des Babys, das die Sängerin mit ihrem Mann Julian erwartet. Doch Sarah Engels lässt diese Tiraden nicht auf sich sitzen. „Von wie viel Neid und Missgunst kann ein Mensch eigentlich geprägt sein?“, fragte die 29-Jährige in ihrer Instagram-Story. „Auf der einen Seite wollen wir Hass und Mobbing stoppen, zeigen Initiative gegen Diskriminierung und appellieren, wie wichtig es ist, Haltung zu zeigen und sich aktiv gegen Cybermobbing zu positionieren!“

Sängerin und Influencerin Sarah Engels dpa/Rolf Vennenbernd

Unterstützung bekommt Sarah Engels von Anne Wünsche. „Es ist so leicht, mit dem Finger auf andere zu zeigen, wenn man selbst nicht die Zielscheibe ist“, sagte die ehemalige „Berlin – Tag und Nacht“-Darstellerin. „Ich möchte nie wieder lesen oder hören, dass Oliver Pocher kein Mobber ist. Er macht das total gerne und er macht das sogar als Beruf!“

Stars werfen Oliver Pocher Mobbing vor

Ob es tatsächlich in jedem Fall Mobbing ist, was Oliver Pocher dort regelmäßig betreibt, darüber scheiden sich im Netz die Geister. Einige wehren sich gegen den Begriff des Mobbings und bezeichnen die Tiraden des Instagram-Stars als einfach plump und beleidigend vorgetragene Kritik.

Ob Mobbing oder nicht, Pocher bekommt immer mehr Gegenwind zu spüren. Auch weil sich inzwischen nicht nur Unbeteiligte wie die Antilopengang mit ihrem Disstrack „Kleine miese Type“, sondern eben auch Opfer Pochers mit starken Statements zu Wort melden. So sagte auch Ex-Monrose-Star Senna Gammour: „Es ist doch jetzt genug, Mann. Wenn es Comedy ist oder lustig sein soll, dann müssten doch viel mehr Menschen lachen. Ich sehe aber nur Hass, Negativität, Leute gehen aufeinander los, die sich nicht mal kennen und keiner hat es unter Kontrolle“.

Pocher reagierte darauf, wie er es immer tut: Er schoss in einer weiteren Folge seiner „Bildschirmkontrolle“ gegen die Sängerin. Das hat Methode und kommt zumindest in seiner persönlichen Fanbase gut an. Doch außerhalb dieser schwindet der Kreis der Unterstützer. So setzte auch RTL die Sendung „Pocher – gefährlich ehrlich!“ ab, in der der Hannoveraner wie auf Instagram über andere Influencer herzieht.

Pocher passt nicht mehr zum neuen RTL

Pocher fällt mit seinen Beleidigungen, seinen sexistischen und rassistischen Witzchen einer Entwicklung zum Opfer, vor der auch Dieter Bohlen nicht gefeit war. RTL will ein besseres Image und seriöser werden. Männer, die sich dadurch auszeichnen, möglichst wenig Empathie zu zeigen, passen nicht mehr ins Konzept – und in die Zeit schon gar nicht. Das gilt für einen 67-jährigen Dieter Bohlen genauso wie für Oli Pocher – obwohl der erst 43 ist.

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Auf Instagram wird er wohl weiter aktiv bleiben. Und auch seinen Podcast wird er weiter führen. Verschwinden wird die Methode Pocher nicht, dafür hat er zu viele Fans – und es gibt zu viele Menschen, die genau so viel Spaß daran haben, nach unten zu treten wie er. Aber sie scheint in den Nischen zu verschwinden – genauso wie sein einstiger Weggefährte Michael Wendler.