Die Mockumentary Die Discounter wurde von Christian Ulmen Produziert. Er ließ dabei aber den Jung-Schauspielern Bruno Alexander, sowie den Zwillingen Emil und Oskar Belton freie Hand. Amazon/Pyjama Pictures GmbH

Ich weiß gar nicht, ob TV-Kolumnen dafür da sind, Sendungen über den grünen Klee zu loben. Müssten sie nicht eigentlich eher kritisch, spitz oder wenigstens mit einer gewissen Distanz geschrieben sein? Wahrscheinlich, doch ich weiß jetzt schon, dass mir das bei dieser Serie nicht gelingen wird. Wer auf übertriebene Lobhudelei keine Lust hat, hört jetzt am besten auf zu lesen – und alle anderen werden nun erfahren, warum „Die Discounter“ schon jetzt die beste Serie des Jahres ist.

„Die Discounter“ holt „Stomberg“ ins Jahr 2022

Genau genommen ist „Die Discounter“ gar keine Serie aus dem Jahr 2022, sondern wurde am 17. Dezember 2021 auf Amazon Prime hochgeladen. Ich habe sie zwischen den Feiertagen gesehen – an nur einem Abend. Und das hat seinen Grund. Nein, eigentlich hat es viele Gründe.

Aber von Anfang an: „Die Discounter“ ist eine sogenannte Mockumentary, eine fiktionale Dokumentation. Die wohl bekannteste deutsche Mockumentary ist die in den Nuller Jahren beliebte Serie „Stromberg“. Und wenn Sie diese kennen, wissen Sie auch ungefähr, was Sie bei „Die Discounter“ erwartet – nur das Setting ist anders.

„Die Discounter“: Feinste Unterhaltung bei „Feinkost Kolinski“

Anstatt in einer Versicherung spielt sich die Handlung in einem Discounter mit dem Namen „Feinkost Kolinski“ in Hamburg Altona ab. Dort hat Filialleiter Torsten (Marc Hosemann) den Hut auf. Machtanspruch und Fähigkeiten klaffen aber weit auseinander. Wer sich hier direkt an Bernd Stromberg erinnert fühlt, wird dieses Gefühl immer wieder spüren.

Zum Beispiel, wenn der etwas fahrige Ladendetektiv Jonas (Merlin Sandmeyer) verstohlen und unsicher etwas zu lange in die Kamera schaut oder mit Lia (Marie Bloching) und Titus (Bruno Alexander) zwei Sympathieträger plötzlich die Sympathie füreinander entdecken.

Filialleiter Torsten wirft in einer Szene von „Die Discounter“ einen zu langen Blick in die Kamera. Amazon/Pyjama Productions GmbH

Doch „Die Discounter“ ist eben keine Kopie von Stromberg, sondern ein Transfer eines Erfolgsformats in die aktuelle Zeit. Und das liegt an den Machern. Denn die Produzenten Christian Ulmen (ebenfalls eine Legende in Sachen Fremdscham und Mockumentary) und Carsten Kelber haben drei 22-Jährigen komplett freie Hand gelassen. Im „Making of“ erzählen Bruno Alexander und die Zwillingsbrüder Emil und Oskar Belton, dass sie allein für Regie, Drehbuch und Schnitt verantwortlich waren.

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Und so übertrugen sie das Erfolgskonzept von Stromberg auf die nächste Generation – ihre Generation. Ohne dabei aber andere auszuschließen. Viele der Hauptrollen sind um die 20. Entsprechend geht es am Rande der Geschichten, die hauptsächlich von einer wohligen Mischung aus Lachen und Fremdscham getragen werden, um Themen der Generation: Tinder, Klima, Gleichstellung, Homosexualität, prekäre Arbeitsbedingungen, Träume.

Der Trailer zur Mockumentary „Die Discounter“

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Sie werden dabei nicht ausdiskutiert, sondern oft einfach im Raum stehen gelassen. Es ist keine intellektuelle Serie, sondern eine zum Wohlfühlen, zum Lachen und um dem Alltag zu entfliehen. Doch sie zeigt, dass die angeschnittenen Themen Teil unseres Alltags sind und sich nicht mehr von alten, weißen Männern unter den Teppich kehren lassen. Auch das ist ein Statement.

Überzeugen konnte auch die Auswahl des Casts. Marc Hosemann spielte den Discounter-Stromberg so gut, dass die Zuschauer ihn trotz seiner herrischen Unfähigkeit ins Herz schlossen. Jeder spielte seine Rolle perfekt, von David Ali Rashed, der den schelmisch-kindlichen 450er mimte, über Klara Lange, die als stellvertretende Filialleiterin Pina überragte, oder Lisa-Marie Koroll, die als betrunkene Supermarkt-Kundin für einige Lacher sorgte.

„Die Discounter“: Rapperin Nura überzeugt auch als Schauspielerin

Ein besonderes Lob ist aber für die Berliner Rapperin Nura Omer Habib fällig, die die Verkäuferin Flora spielte, die gerne lieber Rapperin wäre. Allein das ist ein Geniestreich. Nuras Leistung ist dabei nicht hoch genug zu bewerten. Mit nur wenig Schauspielerfahrung ausgestattet, musste sie bei „Die Discounter“ mit einem Drehbuch umgehen, in dem keine Dialoge ausformuliert waren und überzeugte. Da ist es nur fair, dass ihr Song „Niemals Stress mit Bullen“ zur inoffiziellen Hymne der Serie wurde.

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Die Berliner Rapperin Nura spielt in „Die Discounter“ Verkäuferin Lola, die gerne Rapperin wäre. Amazon/Pyjama Productions GmbH

Ohne die improvisierten Dialoge wäre die Serie wohl auch kam das Gleiche gewesen. Nur so gelang es den Regisseuren teilweise echte Überraschung auf die Gesichter ihrer Darsteller zu zaubern. Nur so war es möglich Gespräche so glaubwürdig in peinlichem Schweigen enden zu lassen.

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Fans hoffen längst auf eine zweite Staffel. Amazon und die Produktionsfirma Pyjama Pictures halten sich noch bedeckt. Doch es spricht wirklich wenig gegen eine zweite Staffel – außer: Sie wird kaum so gut sein, wie die erste. Denn die war nahe an perfekt.

Domescu Möller schreibt jeden Donnerstag im KURIER über die Welt des Fernsehens.
Anregungen an wirvonhier@berlinerverlag.com.