Semperoper-Tenor Torsten Schäpan liebt alte Plattenaufnahmen, wird die Capri-Fischer auf einem Boot-Konzert auf dem Müggelsee singen. Foto: Jörg Nietschner

Torsten Schäpan (55) hat ungewönliches vor. Der Tenor der Dresdener Semperoper will am Sonnabend mit einer schwimmenden Bühne auf dem Müggelsee, um von dort die „Capri-Fischer“ für vorbeifahrende Freizeitkapitäne auf ihren Boote  zu singen. Es hat einen ganz besonderen Grund. „Was kaum einer weiß - der Italien-Schlager hat seine Wurzeln am größten Berliner See “, so der Sänger.

„Wenn bei Capri die rote Sonne im Meer versinkt“: Fast jeder kennt das Lied, das vor 67 Jahren Tenor Rudi Schuricke (1913-1973) aufnahm und dessen Version ein Welt-Hit wurde. Nicht nur in den späteren westdeutschen Wirtschaftswunderjahren befeuerte es die Sehnsucht der Deutschen nach Reisen ins ferne Italien. Auch in der DDR liebte man deshalb die „Capri-Fischer“. Die Schallplattenfirma Amiga hatte bereits 1947 das Lied mit dem Sänger Kurt Reimann neu aufgenommen. 1948 erschien in den USA sogar eine englische Version -„Fisherman of Capri“. Der Schweizer Sänger Vico Torriani und Peter Kraus feierten später mit dem Song ebenfalls große Erfolge. 

Es klingt schon recht unglaublich, dass mit dem Meer in dem Welt-Hit, in dem die Abendsonne vor der italienischen Insel Capri in den Golf von Neapel eintaucht, in Wahrheit der Müggelsee gemeint sein soll. „Als ich vor Wochen bei einer Familienfeier am Müggelsee das Lied sang, erzählte mir ein Gast davon“, sagt Opern-Tenor Schäpan, der gebürtiger Berliner ist, schon im Metropol-Theater und bei den Bayreuther Festspielen sang. „So kam ich auf die Idee, mit einem Boot-Konzert auf dem Müggelsee daran zu erinnern.“

Rudi Schuricke, hier mit Opernsängerin Renate Holm, wohnte am Müggelsee, machte die Capri-Fischer zum Welt-Hit. Foto: Cinetext

Zuvor ging der Sänger aber auf Spurensuche. Im Internet fand Schäpan, dass der Texter der „Capri-Fischer“, Ralph Maria Siegel (Vater von Schlagerkomponist Ralph Siegel), in den 40er-Jahren als Tenor am Metropol-Theater engagiert war. „Gut möglich, dass er in jener Zeit, als er das Lied schrieb, von seinem Sänger-Kollegen Schuricke hörte, wie schön es am Müggelsee ist, der dort in der Nähe wohnte“, sagt Schäpan. „Vielleicht hat Siegel ihn sogar besucht, und er wurde Zeuge eines wunderschönen Sonnenunterganges, der ihn zu dem Text inspirierte.“

Das hält auch Historiker Dr. Kurt Wernicke (90) vom Heimatverein Köpenick für möglich. „Schuricke wohnte während und nach dem Zweiten Weltkrieg in Rahnsdorf, traf sich hier mit anderen Künstlern“, sagt der Heimatforscher dem KURIER. Im Beiersdorfer Weg 26 hatte der Sänger sein Haus. „Er fühlte sich der Müggelsee-Region sehr verbunden, trat hier auch als Künstler auf“, sagt der Historiker. „Ich kann mich noch gut daran erinnern, wie  Schuricke das Capri-Lied nach dem Krieg oft auf der Naturbühne Friedrichshagen sang, dem heutigen Freilichtkino.“

Dabei war Schuricke nicht der eigentliche Capri-Sänger. Mit Magda Hain, der Muse von Lied-Komponist Gerhard Winkler, wurde 1943 die erste Version des Songs aufgenommen. Zeitgleich entstand die Aufnahme mit Schuricke, die sich durchsetzte. „Sie wurde aber erst nach dem Krieg richtig berühmt“, sagt Historiker Wernicke. Denn kurz nach dem Erscheinen der Schuricke-Aufnahme wurde das Lied von den Nazis verboten, als 1943 im Italienfeldzug die Amerikaner die Insel Capri besetzten.

Nach all den vielen Jahren tritt nun Tenor Schäpan in die Fußstapfen von Schuricke, lässt das Capri-Fischer-Lied wieder am Müggelsee  erklingen. Am Sonnabend um 19 Uhr sticht er nahe des Strandbades mit einer schwimmenden Bühne in See und hofft, dass ihm viele Berliner mit ihren Booten folgen werden. „Es gibt nicht nur die Capri-Fischer. Ich werde auch das bekannte Chianti-Lied und Stücke aus Opern und Operetten singen“, verspricht er.

Der Müggelsee soll Capri-Fischer-Texter Ralph Maria Siegel inspiriert haben. Foto: imago-images/Ritter