Die Ärzte sind zurück (v.l.): Farin Urlaub, Rod Gonzalez, Bela B  Foto: dpa/Steinmetz

Als kleine Punkband in Berlin gestartet, gehören Die Ärzte seit Jahrzehnten zum Kultinventar der deutschen Musikszene. Lange Zeit war es vergleichsweise ruhig um Bela B (57), Farin Urlaub (56) und Rodrigo Gonzalez (52). Für Fans haben acht Jahre bis zum neuen Album Ewigkeitsstatus. Zumal, wenn zwischenzeitlich Trennungsgerüchte durch einschlägige Foren rauschen.  Wie knapp die Band vor dem Aus stand, erzählen die Musiker.

Es sind acht Jahre vergangen seit dem Album „Auch“, zwischenzeitlich gab es viele Spekulationen um eine Auflösung der Band. Was ist passiert?

Bela B: Es war damals vor acht Jahren eine extrem stressige Zeit. Wir haben 2012 das Album „Auch“ fertig gemacht und sind dann bis Ende 2013 auf Tour gewesen. Da ist Einzelnen auch viel Mist passiert und das hat sich ausgewirkt auf die Chemie innerhalb der Band.

Farin Urlaub: Irgendwann waren wir uns nicht mehr grün. Nicht so ungrün, dass jetzt einer von uns für immer das Handtuch geworfen hätte: „Ich rede nie wieder mit euch“ - so nicht. Sondern viel schlimmer, eigentlich so ein schleichender Tod.

Bela B: Wir brauchten nach der Phase dann einfach erst mal viel Abstand. Dann habe ich 2016 in Jamel gespielt, diesem Nazidorf, beim Ehepaar Lohmeyer, die einmal im Jahr dieses Festival gegen Nazis machen. Da habe ich Rod und Farin überredet, mit mir dort „Schrei nach Liebe“ zu spielen. Das war schon ein Aha-Erlebnis, wie die Leute da abgegangen sind.

In Jamel rockten die Ärzte 2016 erstmals zusammen.  Foto: dpa/Heimken

 Wie ging es dann weiter?

Bela B: Parallel hat jemand ungefragt vorgecheckt, ob Festivals uns noch haben wollen. Wir haben dann die Festivals zugesagt, aber damit waren wir schon im Gespräch über bestimmte Sachen. Klar könnten wir auf den Festivals unsere besten Songs spielen und alle wären glücklich. Aber die Band ist uns dann doch zu wichtig, als dass wir vor Leuten nur unseren Songkatalog verwalten wollen. Da müssen wir schon mit ein paar neuen Songs auflaufen. Farin hatte dann auch zwei Lieder im Angebot, „Rückkehr“ und „Abschied“. Besonders „Abschied“ hat dann im Netz aber für etwas Panik gesorgt. Wir sind dann zwei Tage ins Studio gegangen und haben gemerkt, es funktioniert noch. Danach waren wir extrem happy.

Wie lief es untereinander?

Bela B: Mir war eigentlich schon beim zweiten Gig klar, dass das was werden würde. Farin hat noch einen Gig mehr gebraucht.

Farin Urlaub: Wir haben die Sachen ausdrücklich ausgeräumt. Also nicht so ein Männerding: Man redet nicht mehr drüber und dann geht es schon von alleine weg. Sondern wir haben wirklich drüber gesprochen. Wir hatten uns viele Fallen selber gestellt, indem wir uns selbst unter Druck gesetzt haben: Wir sind ja auch unsere eigene Plattenfirma, das bedeutet, dass wir letztlich alles beschließen. Und wir haben uns ziemlich früh auf ein Veröffentlichungsdatum festlegen lassen bei „Auch“. Im Umkehrschluss heißt das, wir hatten unheimlich viel zu tun und hatten keine Abstandsphasen, wo man auch andere Freunde sehen kann und nicht nur die gleichen. Das haben wir diesmal anders gemacht. Nachdem der ganze Ärger und dies „die sind ja alle doof“ vorbei war, kam bei mir auch so langsam wieder eine Wertschätzung. Wir sind halt zu dritt einfach mehr als die Summe unserer Teile. Mit meinem Solo-Projekt Racing Team ist das nicht so. Da macht die Band genau das, worum ich sie bitte. Und das auch noch besser. Aber so, dass man nochmal einen Schritt weiterkommt, das gibt's für mich nur in dieser Konstellation.

Auf einer Mini-Tour um Deutschland herum hat sich die Band dann wieder zusammengerauft. 

Bela B.: Wir haben das erste Mal seit Ewigkeiten wieder auf der Tour gemeinsam was gemacht. Farin war zum Beispiel schon öfter in Ljubljana, ich das erste Mal. Er hat mir da ein paar Sachen gezeigt und mich zum Essen eingeladen, da musste ich nicht den Stadtführer bemühen. Ein wunderbares Erlebnis war zum Beispiel, mit Rod in Amsterdam Fahrrad zu fahren. Voll Klischee, aber schön.

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Ist die Zusammenarbeit dadurch anders als früher?

Farin Urlaub: Durch diese wieder mehr Wertschätzung war der Umgang auch wieder mal wieder ein bisschen liebevoller und erfreulicher. Dann kamen gute Songs dazu durch die lange Pause, da staut sich dann doch Kreativität an. Als wir die Demos angehört haben, haben wir gesagt: Wow, das ist ziemlich viel gutes Zeug. Dann haben wir ziemlich schnell ne Kopplung gehabt und ein richtig rundes Album, mit dem ich sehr glücklich bin.

Bela B: Ich glaube, dass wir uns alle auch an Dinge anders rantrauen, sie anders machen, als wir das in unseren Solosachen machen würden, wo wir halt sehr konzeptuell arbeiten. Bei den Ärzten müssen wir das nicht. Unser Konzept ist, keins zu haben. Wir sind unsere eigenen Regeln, die wir drei blind verstehen.

Farin Urlaub: Das richtig Schöne ist, was mir erst beim Durchhören des Albums „Hell“ klar geworden ist: Wir schreiben ja alle Songs. Aber jeder von uns schreibt Songs, die die anderen beiden niemals schreiben würden. Entweder, weil sie es nicht können, oder sie halt anders funktionieren. Und diese Mischung ist echt geil.

Bela B: Dann geht es natürlich darum, das so auszuarbeiten, dass es ein großartiges Ding wird. Einige Lieder sind - diesmal tatsächlich auch von Farin, was sehr ungewöhnlich ist - im Studio noch besser geworden, als sie auf dem Demo waren.

Farin Urlaub: Ja, die sind massiv gewachsen. Ich habe da auch mehr zugelassen. Es ist besser als früher. Es ist wie früher von der Leichtigkeit her, aber besser, weil wir uns noch mehr trauen.

Was macht das neue Album aus, ist „Hell“ ein politisches Album?

Farin Urlaub: Mit dem Quantifier „relativ“ kann man auf jeden Fall sagen, dass das ein politisches Album geworden ist.

Bela B: Das ist ein Album, auf dem wir viele Themen abhandeln. Das ist unser Alltag, die Dinge, mit denen wir uns beschäftigen. Dazu gehört blöderweise auch der Rechtsruck, die rechtspopulistischen Auswüchse der letzten Jahre. Aber alles garniert mit der Albernheit und Leichtigkeit der Ärzte. Es ist eine unserer besten Platten. Das hätte ich vor zwei Jahren nicht gedacht, dass ich das vielleicht noch mal sagen würde. Ich dachte schon, vielleicht kriegen wir noch mal etwas sehr Gutes hin. Aber das es so gut wird ...