Malik Harris freut sich über den Sieg der Ukraine beim ESC, aber wollen wir nächstes Jahr wieder auf dem letzten Platz landen? dpa/Jens Büttner

Erinnern Sie sich? Jendrik Sigwart, ein sehr sympathischer Hamburger, vertrat Deutschland beim Eurovision Song Contest 2021. Das Problem: Niemand kannte ihn, wenigen war klar, warum der Musical-Darsteller mit seinem gut gemeinten Song „I don’t feel hate“ den ESC-Vorentscheid gewonnen hatte. Das Ergebnis: drei Punkte für Deutschland, ein peinlicher vorletzter Platz.

Buchmacher hatten die Niederlage von Malik Harris für Deutschland beim ESC längst vorausgesagt

Doppelt so viele Punkte konnte nun Malik Harris auf sich verbuchen, dank des ESC-Publikumsvotings. Dafür gab es allerdings nur den letzten Platz. Beide gaben sich trotz der Niederlagen gut gelaunt und dankbar, dabei gewesen zu sein. Malik Harris hatte sogar zuvor mehrfach der Ukraine den Sieg gewünscht, den das in einen Krieg mit Russland gezwungene Land schließlich auch errang.

Malik Harris’ Niederlage kam nicht völlig überraschend: Buchmacher hatten sie bereits vorhergesagt, und trotz eines beachtlichen Jubels im Saalpublikum war am ESC-Abend klar: Deutschland hatte gegen eine starke Konkurrenz zu kämpfen. Gut geschriebene Songs, authentische Typen wie der zottelige Brite Sam Ryder mit seiner Freddie Mercury ebenbürtigen Stimme oder die Latino-Sexbombe Chanel aus Spanien: Da hätte sich Deutschland schon ein gutes Konzept überlegen müssen, gegen die üblichen Kungeleien (Serbien wählt Kroatien und umgekehrt, Rumänien, Polen und Moldau die Ukraine etc.) anzukommen.

Nur zweimal ist Deutschland beim Eurovision Song Contest der Sieg gelungen

Gerade zweimal ist es gelungen: 1982 Nicole und 2010 Lena, aber auch dahinter steckte eigentlich kein wirkliches Konzept: So schickte Deutschland Lena 2011 noch einmal ins Rennen, um dann nur auf Platz 10 zu landen. Aber so richtig schlecht ergeht es Deutschland seit 2015: Gleich zweimal hintereinander der letzte Platz, danach der vorletzte. Lediglich 2018 gelang es Michael Schulze („You let me walk alone“) ein respektabler vierter Platz. Ansonsten bekommt man den Eindruck: Deutschland hat sich aufgegeben. Der für den ESC zuständige Norddeutsche Rundfunk (NDR) ändert die Regeln zum Vorentscheid Jahr für Jahr, ohne dass klar wird, was das alles soll.

Die Jurys kommen aus der Musikindustrie oder Radiosendern, man bemüht sich um Offenheit, auch unbekannte Nachwuchstalente zu entdecken. Sobald der Kandidat gekürt ist, reibt sich die Öffentlichkeit die Augen und fragt sich: Janik wer? Malik wer? Die Begeisterung hält sich in Grenzen, und über die Landesgrenzen hinaus lösen die deutschen Finalisten meist Schulterzucken aus. Nur bei den deutschen ESC-Organisatoren versteht man die Welt nicht mehr: „Wir sind enttäuscht, dass der Auftritt nicht besser bewertet wurde“, sagte die Leiterin der deutschen ESC-Delegation, Alexandra Wolfslast.

Wer für Italien oder Schweden antritt, muss sich erst auf Festivals beweisen

Andere Länder machen es so: Bevor jemand für Italien antreten darf, geht es durch die harte Schule des Sanremo-Festivals. Am Ende steht zwar kein Sieg für das Duo Mahmood & Blanco, aber immerhin ein sechster Platz – nachdem der Name der Künstler seit Monaten in Italien heiß gehandelt wird: 80 Millionen Aufrufe erzielte der Beitrag „Brividi“ auf Spotify, bevor er auf dem ESC zu sehen war.

Schweden macht es ähnlich mit dem Melodifestivalen: So schaffte es die Sängerin Cornelia Jakobs auf den vierten Platz. In Deutschland dagegen wird in Gremien beraten, es werden einsame Entscheidungen getroffen, das eigene Publikum Jahr für Jahr vor den Kopf gestoßen. Solange das so bleibt, wird es so bleiben, wie es ist: „Germany, zero points“, letzter Platz.