Michael Wendler als Schlagersänger. Es ist gut möglich, dass wir ihn nie wieder so zu Gesicht bekommen. Foto:  imago-images/Revierfoto

Eigentlich war es sein Jahr. An der Seite seiner jungen Frau Laura Müller startete auch Schlagersänger Michael Wendler wieder durch. Es gab einen neuen Plattenvertrag, eine Reality-Doku folgte der nächsten, zuletzt schaffte er es in die Jury von „Deutschland sucht den Superstar“ und zum Werbegesicht von Kaufland. Doch dann plötzlich, am Donnerstagabend, war alles vorbei. Michael Wendler stieg aus. Aus all seinen Projekten, aus den „Mainstream-Medien“, aus Deutschland. Werbung machte er seither weiterhin. Allerdings vor allem für Verschwörungstheorien von Attila Hildmann und Eva Herman.

Ungewöhnlich schnell scheint sich Michael Wendler radikalisiert zu haben. Kurz nach der Veröffentlichung seines Videos, wo er einen Text abliest, in dem er der Bundesregierung vorwirft, mit den Maßnahmen zur Eindämmung der Corona-Pandemie gegen die Verfassung zu verstoßen, teilt er auf seinem neu eingerichteten Telegram-Kanal Verschwörungstheorien von Eva Herman oder Attila Hildmann, der sich damit rühmt, den Schlagerbarden verführt zu haben und bereits mit weiteren Prominenten in Kontakt zu stehen.

Michael Wendler zusammen mit Manager Markus Krampe im Publikum bei „Let's Dance“. Foto:  Imago-Images/Revierfoto

Tatsächlich klingen Wendlers Äußerungen wie ein Mix aus allem, was der Vegan-Koch seit Monaten an Verschwörungstheorien in Umlauf bringt. In seinen Kanälen behauptet Wendler, die deutsche Medienlandschaft sei gleichgeschaltet, die Corona-Pandemie eine Erfindung. Wendler-Manager Markus Krampe berichtete davon, dass Wendler glaube, dass es Deutschland schon bald nicht mehr geben werde und Wendler als Held sterben wolle. In seinem Telegram-Kanal sagte der Sänger in einer Sprachnachricht, dass die Meinungsfreiheit in Deutschland ausgehebelt und das Land längst keine Demokratie mehr sei.

Enge Vertraute wie Manager Krampe oder Schlager-Kollege Connor Meister hatten schon in den vergangenen drei Wochen Veränderungen festgestellt. Wendler soll ihnen schon damals Links geschickt haben, die er nun auf Telegram verbreitet. Doch mit diesem plötzlichen Ausstieg hatten sie nicht gerechnet. Einen typischen Ablauf für eine Radikalisierung gebe es aber ohnehin nicht, wie Verschwörungsexpertin Giulia Silberberger von der Initiative „Der Goldene Aluhut“ dem KURIER sagt. „Der eine muss ganz viele Youtube-Videos gucken, bis er daran glaubt. Und der andere, der hört etwas, und ist sofort Feuer und Flamme.“

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Häufig schlummere in solchen Fällen aber schon länger etwas unter der Oberfläche, sagt Silberberger. Schaut man sich Wendlers Biografie an, kann man durchaus Anhaltspunkte dafür finden. Als Sänger wurde er trotz Goldener Schallplatten von vielen belächelt, mehrfach geriet seine Karriere ins Stocken und sie kam erst wieder ins Laufen, als er sein ganzes Leben von RTL begleiten ließ. Doch dann kam die Corona-Pandemie und seine Auftritte wurden gecancelt – und dann waren da noch die Steuerschulden in Deutschland. Wendler selbst sprach von Forderungen in Höhe von 1,2 Millionen Euro. Nie machte er einen Hehl daraus, dass er die Forderung als unberechtigt ansieht.

Für Silberberger könnte in diesem Zusammenhang ein wichtiger Schritt in der Radikalisierung des Wendlers gewesen sein. Persönliche Lebenskrisen seien immer ein Anknüpfungspunkt für Verschwörungsideologen. Zudem würden Reichsbürger im Netz auf Menschen warten, die einen Weg suchen, um mit ihren Steuerschulden umzugehen, sagt die Expertin. „Die Reichsideologen gaukeln dann vor, dass Gerichtsvollzieher keine Rechte hätten, dass man keine Angst vor der Polizei haben müsse, weil die nur Angestellte der BRD-GmbH seien – und sowieso alle keine Berechtigung zu irgendwas hätten, weil es keinen Friedensvertrag gäbe.“ Thesen, die wir so schon oft von Attila Hildmann gehört haben, und die sich nun auch im Telegram-Kanal von Michael Wendler finden.

Giulia SIlberberger ist Expertin für Sekten und Verschwörungstheorien. Foto: Privat

Dass sich Michael Wendler nun in den USA sicher fühlt und nach Meldung der „Bild“ auch in seinem Garten für die Wiederwahl von Donald Trump werben soll, zeige laut Silberberger, dass auch Theorien aus der QAnon-Szene bei dem 48-Jährigen eine Rolle spielen. Dort werde Trump als Heilsbringer, teilweise gar als von Gott gesandt angesehen, der dunklen Mächten aus Kommunisten und Satanisten die Stirn biete.

„Sie wähnen sich kurz vor einer Endschlacht-Phase, in der das Gute gegen das Schlechte antreten soll“, sagt Silberberger. Einiges spricht dafür, dass auch Wendler glaubt, sich in einer solchen Phase zu befinden. „Es wird bald nicht mehr möglich sein, normal zu leben“, sagte er in einer Sprachnachricht auf seinem Telegram-Kanal. Und so scheint er auch zu leben, denn die Konsequenzen, dass er all seine Jobs verloren hat, interessieren ihn nicht. Er fühlt sich als moralischer Sieger gegen dunkle Mächte. Ein Gefühl, das Silberberger, die 2007 bei den Zeugen Jehovas ausstieg und sich seither gegen Verschwörungsideologien engagiert, gut kennt. „Ich habe teilweise Jobs nicht angenommen, weil ich dachte, die Welt würde ohnehin bald untergehen“, sagt sie dem KURIER.

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Michael Wendler selbst sei laut Silberberger übrigens kein Verschwörungsideologe, sondern vielmehr ein Multiplikator für Attila Hildmann und Co. „Prominente sind die PR-Maschinen“, sagt Silberberger. „Die bringen Follower und Aufmerksamkeit mit.“ Tatsächlich hat Wendler in weniger als einer Woche schon 91.000 Follower auf seinem Kanal – auch wenn darunter einige Journalisten, Beobachter und Schaulustige sein dürften. „Die Ideologen reiben sich da doch die Hände“, sagt Silberberger. „Und selbst wenn Wendler in drei Wochen zurückrudern und seinen Fehler einsehen würde, hätten die Ideologien trotzdem an Reichweite gewonnen – und zwar im Mainstream.“

Michael Wendler mit seiner Frau Laura, als sie noch im Fernsehen auftraten. Foto: dpa/Rolf Vennenberd

Danach, dass Wendler tatsächlich in wenigen Wochen seine Aussagen überdenken könnte, sieht es nicht aus. Seine Frau Laura (20) hat sich erst am Montagabend trotz aller Verschwörungstheorien zu ihm bekannt. Auch wenn sie sagte, dass sie in Coronafragen „neutral und unpolitisch“ sei. Wohl auch, weil ihr der Verlauf ihrer Karriere nicht so egal wie ihrem Ehemann ist. Doch wie sollte die Öffentlichkeit, die sich ob der Absurdität der von Wendler verbreiteten Ideologien nun über den Schlagersänger lustig macht, reagieren, sollte der tatsächlich irgendwann den Verschwörungstheorien entsagen? Silberberger fordert, ihm keine Vorwürfe zu machen oder einzufordern, dass er zu Kreuze krieche. „Man sollte motivieren, aber nicht überfordern“, rät die Expertin.

Einer wie Manager Markus Krampe könnte ihn wohl auffangen. Er distanzierte sich zwar klar von Verschwörungstheorien, aber nicht von Michael Wendler „als Mensch“, wie er in einem Interview sagte. Doch der Wille zum Ausstieg müsste von Wendler kommen. Und dafür fehlen derzeit alle Anzeichen.