Moderatorin Arabella Kiesbauer Foto: Jörg Carstensen/dpa

Rassistische Anfeindungen begleiten Arabella Kiesbauer (51) schon ihr Leben lang. Vor allem als ihre tägliche Talkshow 1994 bei ProSieben startete, wurde die Tochter einer Theaterschauspielerin aus Deutschland und eines ghanaischen Ingenieurs zur Zielscheibe für rassistischen Hass. Immer wieder bekam sie Drohbriefe. Vor 25 Jahren, am  9. Juni 1995, schickte ein österreichischer Terrorist ihr eine Briefbombe. 

Wie haben Sie damals von der Briefbombe erfahren?

Ich war zu Hause und bereitete mich auf den Drehtag vor. Eine meiner Chefinnen vom Dienst rief mich an und meinte, ich bräuchte nicht ins Studio zu kommen. Zuerst dachte ich, sie bezöge sich auf meine Erkältung. Als ich meinte, es ginge mir schon besser und ich könne drehen, rückte sie mit der Wahrheit raus.

Ihre Assistentin wurde verletzt...

Meine Assistentin wurde leicht im Gesicht und an den Händen verletzt; der Schock allerdings war groß. Sie ließ sich damals gleich in eine andere Abteilung bei Pro7 versetzen unter der Voraussetzung, dass sie keine Post mehr öffnen müsse.

Wie sehr hat Ihnen das damals Angst gemacht?

Zuerst war ich wie gelähmt. Bevor sich die Angst zum Trauma ausweiten konnte, produzierten wir unsere Außenproduktion auf Sylt mit mehreren Hundert Zuschauern Open Air. Da merkte ich, dass ich zum Glück immer noch ohne Vorbehalte auf Menschen zugehen konnte. Eine wichtige Erfahrung.

Was haben Sie gegen die Angst getan?

Ich wollte aus der Opferrolle ausbrechen und in die Offensive gehen. Deswegen habe ich damals begonnen, an deutschen Schulen über Rassismus und gegen Vorurteile zu sprechen. Ich bin heute noch ehrenamtliche Integrationsbotschafterin in Österreich.

War diese Erfahrung mit der Briefbombe ein Einschnitt für Sie?

Es war ein großer Einschnitt für alle im Sender. Von diesem Zeitpunkt an wurde die gesamte Post im Haus durchleuchtet, Security bewachte den Zutritt ins Studio und begleitete mich auf Schritt und Tritt. Das Schlimmste war aber der „Verlust der Unschuld“ - wenn Sie verstehen, was ich meine. Ich musste mich von einer gewissen Leichtigkeit des Seins und dem unerschütterlichen Glauben an das Gute verabschieden.

Imago
Arabella Kiesbauer

Arabella Kiesbauer hatte ihren großen Durchbruch mit ihrer täglichen Talkshow auf ProSieben, die sie von 1994 bis 2004 moderierte. Sie war damit eine der großen Pionierinnen des Formats. Aus dem deutschen Fernsehen hat sie sich zurückgezogen, doch in Österreich war sie auch später eine feste Größe - beispielsweise als Chefverkupplerin der Nation in «Bauer sucht Frau». Sie ist verheiratet und hat zwei Kinder.

Sie sind zu Beginn Ihrer Talkshow sehr offensiv rassistisch angefeindet worden. Wie ist es heute?

Ich bin realistisch genug zu wissen, dass mich Rassismus mein Leben lang begleiten wird. Der Tod des Afroamerikaners George Floyd zeigt wieder einmal, dass Rassismus und soziale Ungerechtigkeit nach wie vor ein Thema unserer Zeit sind. 

Haben Sie jemals bemerkt, dass Anfeindungen Auswirkungen auf Ihre Arbeit haben? Dass Sie möglicherweise eine Schere im Kopf hatten, um mögliche Anlässe für weitere Anfeindungen zu vermeiden?

Ich bin ein lebensfroher Mensch und denke, dass ich mit Herz und Hirn viel Positives bewegen kann. Das versuche ich auch an meine Kinder weiterzugeben. Die meisten Begegnungen mit meinen Mitmenschen zeigen mir, dass ich richtig liege.

Nicht nur in Deutschland, in Österreich ebenfalls sind rechte Politiker heute wieder erschreckend erfolgreich, rechte Parolen zeitweise salonfähig geworden. Wie erleben Sie das?

Früher bekam ich rassistische Briefe ohne Absender, mittlerweile stehen der komplette Name und die Anschrift darauf. Erschreckend ist, dass die rechte Szene das Gefühl hat, sich nicht mehr „verstecken“ zu müssen.