Andrej Hermlin, Daniel Duspiwa, David Hermlin, Jack B. Latimer und  Rachel Hermlin (von links) legen los. Foto: Christian Schulz

Unermüdlich, unverwüstlich: Schon 60 Abende hintereinander hat Andrej Hermlin mit seinen Kindern Swing-Konzerte im Wohnzimmer gegeben. Und er will weitermachen, bis die Krise vorbei ist.  

„Ich habe noch nie so viel gespielt wie gerade jetzt“, sagt Swing-Musiker Andrej Hermlin. Das können angesichts der Covid-19-bedingten Flaute im Kulturbetrieb wohl die wenigsten seiner Kollegen von sich behaupten! Doch im Wohnzimmer des Pianisten aus Pankow gibt es keinen Stillstand. Jeden Abend, pünktlich ab 19 Uhr, geben die Swingin’ Hermlins ein halbstündiges Konzert, das live auf Facebook zu verfolgen ist.

Es ist Hausmusik im besten Sinne: Zu der fünfköpfigen Combo gehören neben dem Kornettisten Jörg von Nolting, dem Saxofonisten Daniel Duspiwa und Hermlin selbst auch seine gesanglich überaus talentierte Tochter Rachel. Wenn die 16-Jährige im stilechten 30er-Jahre Kleid loslegt, fliegen ihr die Herzen in der Kommentarspalte scharenweise zu.

Viel anders ist es auch nicht bei Hermlins Sohn David: Der 18-Jährige begeistert an Schlagzeug und Mikrofon, bläst gerne mal in einen zum Musikinstrument umfunktionierten Grammophon-Trichter oder hebt mit leichtfüßigen Steppeinlagen à la Fred Astaire die Corona-Stimmung.

Die Idee zur allabendlichen Musiksause entstand, nachdem der Bandleader mit seinem Swing-Dance-Orchestra am 10. März ein letztes Konzert in der Philharmonie gegeben hatte und klar war, dass die Häuser für unabsehbare Zeit schließen würden. Vier Tage später begleitete er seinen Sohn David noch zu einem Gig in das Yorckschlösschen in Kreuzberg. „In anderen Bezirken wurden Restaurants und Musikclubs bereits dichtgemacht. Wir rechneten jeden Moment mit der Polizei. Wir spielten sozusagen um unser Leben“, erinnert sich Hermlin.

Als er am Klavier saß, geschah etwas, was ihm in über 30 Jahren Musikmachen nicht passiert war: Er brach in Tränen aus. Weil ohne Musik alles keinen Sinn mehr macht, ging bereits am darauffolgenden Abend die erste Show on air. Die Swingin’ Hermlins waren geboren.

Seit 60 Tagen geben die Swingin' Hermlings allabendlich auf Facebook Konzerte

Seid mehr als 60 Tagen gibt es sie nun schon. Für die Jubiläumsausgabe musizierten die vier Männer im Smoking, als Rachel mit dem Jazz-Standard „The music goes round and around“ eröffnete.

Das Lied von 1936 ist Namensgeber der Veranstaltungsreihe und läutet für Stammzuseher das tägliche Ritual ein. „Für viele von ihnen ist unsere Musik wichtig“, meint Hermlin: „Sie wünschen sich Lieder und schreiben uns, dass sie den ganzen Tag warten, bis sie abends wieder Swing hören können. Das berührt uns schon sehr.“

Ohnehin sei das Schönste der über Wochen gewachsene Zusammenhalt mit dem Publikum, unter das sich auch Fans aus Italien, Schweden, der Schweiz, der Ukraine und der USA mischen. „Es ist ein schönes Gefühl, nicht allein zu sein, in einer Zeit, in der man ja eigentlich allein sein soll“, meint der 55-Jährige.

Die Botschaft ist klar: Mögen die Zeiten auch ungewiss sein, auf die Swingin’ Hermlins ist Verlass! „Ich habe mir geschworen: Wir werden jeden Abend Musik machen – bis die Krise vorbei ist“, versichert Hermlin. Es genüge nicht, dass Restaurants wieder Gäste bewirten dürften und die Geschäfte wieder aufhaben. „Das Ende der Krise ist erst erreicht, wenn Künstler wieder ihrem Leben nachgehen können und Musik und Kultur wieder auf den Bühnen stattfinden.“

Täglicher Termin gibt den Swingin' Hermlins Halt und Motivation

Einen täglichen Termin zu haben, gibt auch den Bandmitgliedern Halt in einer Zeit, in der manche nicht nur äußerlich verwahrlosen, sondern auch innerlich. „Ich beobachte bei sehr vielen Musikern, auch Musikern meines Orchesters, dass sie furchtbar deprimiert sind und eigentlich gar nichts machen“, erzählt Hermlin.

„Das ist für mich keine Option. Ich kann nicht darauf warten, dass etwas geschieht. In Krisenzeiten blühe ich erst richtig auf.“ Als Künstler lerne er gerade noch mal dazu: „Ich schreibe wieder Noten, höre viel Musik, um die Harmonien rauszuhören, die man nicht im Internet findet. Ich spiele auch anders in dieser kleinen Besetzung; viel freier und jazziger als mit der Bigband.“

Lieder aussuchen, proben, neuen Ideen für ihr Format austüfteln – die Swingin’ Hermlins sind zwar derzeit nicht im Geschäft, aber trotzdem gut beschäftigt.

Dass die Familie ein bisschen wie im Museum lebt, lässt der abendliche Blick in ihr Wohnzimmer, das genügend Platz für Social Distancing bietet, erahnen. Andrej hat in dem Haus von 1927 sein ganzes Leben verbracht. Sein Vater Stephan Hermlin (†1997), einer der bekanntesten Schriftsteller der DDR, hatte es nach dem Krieg gemietet.    

„Als wir das Haus vor 15 Jahren kauften, war der Zustand mehr oder minder noch von 1927. Das haben wir versucht zu bewahren. Aber wir haben natürlich auch einen Computer. Wir leben nicht nur in den 30ern.“ Obwohl Hermlin findet, dass das Liedgut von damals bestens ins Jetzt passt. Denn die Zeiten ähneln sich. Die 30er-Jahre waren geprägt von der großen Depression, die Menschen suchten nach Zerstreuung von der Tristesse des Alltags – da kam der Swing gerade recht.  

Ein erstes Album ihrer Home-Sessions ist bereits erhältlich.