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Rechner trieb den Staatschef der DDR zur Weißglut und war dennoch ein großer Verlierer: Dieser Computer setzte Honecker schachmatt

Berlin - Die schwarze Kiste ist 2,2 Kilo schwer, 34 Zentimeter breit und dürfte Erich Honecker († 81) zur Weißglut getrieben haben. So sehr, dass der brütende DDR-Staatschef den verbesserten Nachfolger seines Schach-Computers gar nicht erst anrührte. Honi, Schach, schachmatt ...Heute ist das 1985 von der VEB Mikroelektronik "Karl Marx" in Erfurt gebaute Gerät "Chess-Master" im Besitz des Deutschen Historischen Museums in Mitte (Unter den Linden). Original verpackt, sogar die Bedienungsanleitung ist noch da. 1994 war Honeckers Nachlass versteigert worden und sein zweiter Kasten ("SC2") ging an Peter Lemcke (73). Der sagt: "Damals hat sich kaum jemand dafür interessiert. Ich bekam ihn für ziemlich kleines Geld."Lemcke gab den DDR-Rechenknecht in die Sammlung vom "Deutschen Spielemuseum" in Chemnitz. Museums-Chefin Cynthia Schönfeld (32): "Dem Aussehen nach war der Computer häufig in Gebrauch und Honecker wird sicher sehr, sehr oft gegen ihn verloren haben." Über Honis Umgang mit König, Dame und Bauern ist zwar wenig bekannt. Aber er mochte das Spiel, schenkte Fidel Castro zu dessen großer Freude einst einen Schach-Computertisch. Gegen den "SC2" dürfte Honi aber kaum Chancen gehabt haben. Denn die Kiste hatte laut Computer-Experten etwa die Leistung eines schwachen Vereinsspielers. Dennoch gehörte er zu den Verlierern seiner Generation. Entwickler Rüdiger Worbs: "Der SC2 war das erste Gerät, das zehn Arbeiterinnen am Fließband herstellten. Sie bauten etwa 1000 Stück."Doch trotz diverser Präsentationen auf Messen, kam es nicht zum erwünschten Export. Das leicht überarbeitete Programm war von einem US-Erfinder geklaut, der Markt im Westen bereits gesättigt. In der DDR gingen nur wenige hundert Exemplare über den Ladentisch. 2180 Ost-Mark kostete damals das Elektro-Hirn - etwa drei Monatslöhne für Normalbürger.Inzwischen gilt der "SC2" als "Liebhaberstück". Bei der letzten Auktion im Internet ging er für 49 Euro weg. Aber der, gegen den Honi spielte, der liegt in der Chemnitzer Vitrine ...------------------------------BU: Erich Honecker hebt seinen Arm, ballt die Faust zur Siegerpose. Gegen den Rechner hatte er keine Chance.