Corona hat einsam gemacht, manche auch stumm. Kinder sind Beziehungswesen und auf gelingende soziale Interaktion angewiesen. Imago 

Eltern, Psychologen, Lehrer und Erzieher wissen es längst, die letzten anderthalb Jahre haben mit den Kindern etwas gemacht. Dabei sind die einen besser durch das Neuland Pandemie gegangen, andere gerieten auf dem Weg durchs Ungewisse aus dem Tritt.

Kinder-Psyche: Corona verstärkt Vorhandenes

Das, was auch vorher schon da war, an Brüchen und Makeln in Beziehungen der Kinder und Jugendlichen zu ihrer Umwelt, das hat Corona verstärkt, analysieren die Autoren eines neuen Buches: „Corona in der Seele. Was Kindern und Jugendlichen wirklich hilft“. Geschrieben haben es der Pädagoge Udo Baer und der Psychologe Claus Koch. Gemeinsam gründeten sie 2015 das „Pädagogische Institut Berlin“ (PIB). In der praktischen Arbeit mit Eltern, Lehrerinnen und Erziehern erleben sie die Auswirkungen der Corona-Krise sehr direkt und wissen: Es gibt Kinder, die noch länger an dieser außergewöhnlichen Zeit zu tragen haben werden.

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Doch es gibt auch die andere Seite. Intuitiv organisieren viele Familien, Lehrerinnen Erzieher genau das, was Kindern jetzt gut tut. Zusammenrücken, Freiräume schaffen, sich öffnen.

Für alle, die Kindern und Jugendlichen auf dem Weg zurück in die Normalität weiter helfen wollen, haben Udo Baer und Claus Koch eine Mischung aus Analyse und Ratgeber geschrieben.

Psychische Folgen für Kinder wurden ignoriert

„Die große Mehrheit wird die Pandemie und ihre Folgen mit etwas Unterstützung weiter gut bewältigen", schreiben die Autoren in ihrem Vorwort. „Doch diese Unterstützung brauchen sie auch.“ Und zwar jetzt.

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Claus Koch ist Psychologe und Experte für Bindungsstörungen in Berlin. Privat

Kinder brauchen gelingende Beziehungen in Schule und Familie

Der Knackpunkt: Kinder und Jugendliche brauchen gelingende Beziehungen, nicht ein möglichst „geräusch­loses Weitermachen“. Auch die Corona-Milliarden, die sehr stark den Leistungs- und Konkurrenzgedanken betonten, setzten einen Schwerpunkt, der an den grundlegenden Bedürfnissen der Kinder vorbei geht, kritisieren die Autoren.

Doch was genau können die Herausforderungen, vor die Corona uns stellt, in Kinderseelen anrichten? Im Buch beschreiben Udo Baer und  Claus Koch einzelne Schicksale, bevor sie Wege aufzeigen, zu helfen.

Kinder haben Ängste – reden Sie über eigene Ängste

„Kinderängste sind weit verbreitet. Es braucht keine Pandemie, um sie zu schaffen. Meist kommen und gehen sie wieder. Doch sol­che weltweiten Ereignisse wie die Corona-Pandemie können solche Ängste massiv verstärken und zu Verhaltensänderungen führen.“

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Problematisch werden Ängste, wenn sie bleiben. In der Pandemie lagen Tausende Ängste in der Luft. Kinder brauchen es, dass offen ausgesprochen wird, dass Angst normal ist und auch andere sie haben.

„Wenn Ängste tabuisiert oder verschwiegen werden, dann gewin­nen sie an Kraft und nisten sich in den Seelen ein.“ Es sei deswegen sinnvoll, wenn Eltern, Großeltern, Lehrerinnen und andere Erziehende über ihre Ängste reden und so Vorbild für die Kinder würden, raten die Experten.

Kinder verspüren Druck – schaffen Sie Ausgleich

Vielen Kindern und Jugendlichen fehlte in der Pandemie der Ausgleich vom Schulleben durch das Zusammensein mit anderen Kindern oder Jugendlichen, sportliche Aktivitäten, Spiele, oder Ausflüge. Druckfreie Zonen waren im Lockdown oft nicht erreichbar. Auch das Gefühl, ausgeliefert zu ein, etwas nicht kontrollieren zu können, erhöht Druck.

Kinder sind kleine Superhelden, so wollen sie etwa Eltern, die sich streiten, oder die selber nicht weiter wissen, retten und übernehmen damit oft eine Verantwortung, die zu groß für sie ist.

„Es ist immer sinnvoll, nach dem individuellen Gegenteil von Druck zu suchen“, heißt es im Buch. „Für viele Kinder und auch Jugendliche besteht das Gegenteil von Druck darin, etwas zu tun, zu joggen, Fußball zu spielen, Musik zu machen, zu singen, ein Tagebuch zu schreiben und anderes mehr.“

Udo Baer lebt in Berlin und hat drei Kinder. Privat 

Pandemie veränderte Kinder und Jugendliche

Udo Baer und Claus Koch berichten von Kindern, die nach den Schulschließungen verändert zurückkehrten, stummer. Von Kindern, die sich verloren und lästig fühlen. Von Kindern, die Schuldgefühle plagen. Auch Kinder, die sich anderen gegenüber nur schwer öffnen können, die einsam im Herzen sind - diese Kinder brauchen Hilfe. Auch solche, die gestresst sind, die in längst überwundene Verhaltensmuster zurückfallen, wieder einnässen. Auch Jugendliche, die ihre eigenen Wege nicht gehen konnten, brauchen neue Träume und Freiräume.

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Kinder wollen wahrgenommen werden auch im Homeoffice

Kinder wollen gesehen werden, auch wenn die Welt kopf steht. „Alle Kinder litten darunter, wenn ihre Eltern nicht mehr die gewohnte Ruhe und Gelassenheit zeigten, sich auf sie zu konzentrie­ren, und manche Geste und Antwort ausblieb, die sie gerade jetzt so dringend gebraucht hätten. Im Gegenteil: Die häufigere Anwesen­heit von vielen Eltern durch Homeoffice oder Kurzarbeit verstärkte bei ihnen das Empfinden, nicht genügend gehört und gesehen zu werden. Ihr Bedürfnis nach Anerkennung wurde nicht erfüllt. Ihre Eltern waren gleichzeitig da und nicht da.“

Kinder müssen spielen, spielen, spielen  

Die Autoren berichten von Grundschullehrerinnen, die beobachteten, dass die Spielfreude einiger Kinder durch die Corona-Zeit nachgelassen hat. Das ist fatal, denn Spielen ist ein gutes Mittel, Ängste zu bewältigen.

Lassen Sie Kinder spielen, raten daher die Autoren: Eine zwanglose Umgebung reicht, ein Platz, der nicht vorschreibt, was ein Kind tun soll.  Dichtes Gebüsch, Natur. Wald. Ein Bach zum Träumen. Wo es vorrangig darum geht, Stoff nachzuholen, fehlt oft die Zeit fürs Spielen.

Kinder brauchen Beziehungen

Oft ist die Ursache für Probleme in und nach der Pandemie die „Verknappung der Ressource Bezie­hung“, schreiben die Autoren. Kinder brauchten aber Beziehungen, in der Familie und außerhalb.

Im Schatten der Corona-Krise hätten viele Lehrerinnen und Lehrer unter dem Eindruck ihrer Erfahrungen während des Lockdowns begonnen, Schule neu zu denken. Die einen radikal, die anderen weniger, so die Autoren. „Aber viele von ihnen haben gemerkt, dass sich etwas ändern musste.“ Weg von der stoischen Vermittlung von Lernstoff, hin zum Beziehungslernen.

Kinder brauchen jetzt Unterstützung, nicht erst, wenn die Folgen der Pandemie aufgearbeitet sind. Klett-Cotta

Das „Buch Corona in der Seele: Was Kindern und Jugendlichen wirklich hilft“ ist im Klett-Cotta Verlag erschienen und kostet 18 Euro.