Das unsichtbare Band zwischen Geschwistern besteht weniger aus den Genen als vielmehr aus den «Weißt du noch»-Erinnerungen. Das schweißt zusammen. 
Das unsichtbare Band zwischen Geschwistern besteht weniger aus den Genen als vielmehr aus den «Weißt du noch»-Erinnerungen. Das schweißt zusammen.  dpa/Benjamin Nolte

Geschwister kann man sich nicht aussuchen. Man wird einfach hineingeboren in diese Beziehungen und bleibt für immer große Schwester oder kleiner Bruder. „In der Regel ist die Geschwisterbeziehung die längste, die wir im Leben haben“, sagt Psychologin und Psychotherapeutin Carola Hoffmann. „Sie ist länger als alle Freundes- und Liebesbeziehungen und länger als die Beziehung zu den Eltern.“

Hoffmann ist selbst Schwester eines Bruders sowie Mutter von vier Kindern. „Man könnte es mit einem Komponentenkleber vergleichen: Hat man ihn einmal drauf, kriegt man ihn nur schwer wieder ab“, sagt sie lachend. „Geschwister sind wie Gummibärchen“, titeln die Autorinnen Ursi Breidenbach und Heike Abidi. „Dass Geschwister regelrecht zusammenkleben, habe ich mit meinen Schwestern erlebt und erlebe es jetzt auch bei meinen Söhnen“, so Ursi Breidenbach.

Bei Geschwistern fliegen auch manchmal die Fetzen 

„Aber man hat sie auch manchmal über“, sagt sie und zieht damit eine weitere Gummibärchen-Parallele. „Gerade in der Pubertät, wo man sich nicht nur von den Eltern, sondern auch von den Geschwistern ablösen muss.“ Letzten Endes gilt aber in der Regel: „Man hat sie ein Leben lang lieb und nach der Ablösung entsteht auch oft wieder mehr Nähe.“

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Heike Abidi ist Schwester von zwei jüngeren Brüdern. Auch wenn sie als Mädchen und zwei Jungs nicht so eng zusammengeklebt haben, empfindet sie Geschwister als Schicksalsgemeinschaft. „Man lebt räumlich eng zusammen und muss miteinander klarkommen, auch wenn manchmal die Fetzen fliegen. Und wenn es hart auf hart kommt, ist man füreinander da.“

Bei Streit unter Geschwistern nur eingreifen, wenn es zu rabiat wird 

Wenn zwischen ihren Kindern oft die Fetzen fliegen, können Eltern schnell genervt sein. Dass solche Situationen wichtige Übungsfelder sind, ist vielleicht ein kleiner Trost. „Kinder brauchen Reibung“, betont Carola Hoffmann. „Die suchen sie bei den Eltern, aber auch bei den Geschwisterkindern, um Auseinandersetzungen zu trainieren. Wenn wir als Eltern zu früh eingreifen, nehmen wir dieses Übungsfeld.“

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Und Reibung erzeugt Wärme, stellt die Psychologin heraus. „Wenn es zu Reibung kommt, bezieht sich der andere auf mich, es entsteht Beziehung und dadurch letztlich so etwas wie Familiensinn.“ Gehen Kinder im Streit aufeinander los, sollten Eltern natürlich eingreifen. „Aber nicht, weil ich den Streit über die Sache nicht möchte, sondern weil es um die Art geht, wie man ihn austrägt.“

Mit dem Raushalten hat auch Heike Abidi gute Erfahrungen gemacht. „Wenn Zwietracht unter uns Geschwistern war, haben meine Eltern nie eine Position ergriffen, sondern waren immer neutral.“ Zudem hätten sie ihren Kindern eine gute Streitkultur vorgelebt. „Es war zum Beispiel nie eine Option, jemanden zu schneiden. So lange man über Dinge reden kann, ist alles gut, auch wenn das Gespräch konfliktreich ist.“

Ohne Geschwister fehlt dir was

Ohne Geschwister fehlt dir was - das haben die Autorinnen in vielen Gesprächen für das Buch herausgefunden. Zwar hätten sich Geschwisterkinder oft gewünscht, das einzige Kind ihrer Eltern zu sein, um deren ungeteilte Aufmerksamkeit zu bekommen. „Aber wenn man ein bisschen älter wird, ist es ganz schön, unter dem Radar bleiben zu können und nicht die ganze Aufmerksamkeit der Erwachsenen zu bekommen“, sagt Abidi.

Auch durch viele Freunde ließen sich Geschwister nicht ausgleichen. „Es ist nicht dasselbe“, sagt Ursi Breidenbach. „Einzelkinder konnten sich dann doch nicht vorstellen, wie es ist, wenn man sich die Eltern und Großeltern teilt und auf einen gemeinsamen Erinnerungspool zurückgreifen kann.“

Geschwister werden von einem "unsichtbaren Band" zusammengehalten 

Das „unsichtbare Band“ nennen es die Autorinnen, bestehend weniger aus den gemeinsamen Genen als vielmehr aus den „Weißt du noch“-Erinnerungen. „Das schweißt zusammen“, sagt Heike Abidi und Ursi Breidenbach ergänzt: „Es gibt Zeiten, wo anderes wichtiger ist, das Band ist dehnbar, aber es reißt selten und ist eigentlich immer wieder zu reparieren.“