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Malediven: Emergency-Room für Schildkröten

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So sieht eine glückliche Schildkröte aus. Seagrass geht es wieder gut. Sie braucht aber noch etwas Training für ihr Leben in Freiheit.

Foto:

Olive Ridley Project

Die Malediven sind bekannt und begehrt. Trauminseln im Indischen Ozean, Palmen, Stände und Korallen. Ein Paradies! Wirklich? Die Attribute stimmen – leider sieht die Realität oft anders aus und die Zukunft nicht gerade so bunt wie die Korallenriffe.

Die Situation ist brenzlig und ein dramatischer Wettlauf gegen die Zeit: Mit dem Anstieg des Meeresspiegels steigt die Gefahr des Untergangs der Malediven. Die Inseln liegen nur ganz knapp über dem Meeresspiegel, kaum 1,5 Meter sind es im Durchschnitt. Schreitet der Klimawandel fort, gehen die Malediven unter.

Das ist eines der Probleme der berühmten Atolle. Umweltverschmutzung kommt hinzu – zum Beispiel mit dem Müll im Meer. Darunter leiden Menschen und Tiere, besonders die Schildkröten. Insel-Paradies Malediven? Wo viel Licht ist, ist wie immer auch Schatten. Aber: Im Schatten erstrahlt neues Licht!

Auf der Insel Coco Palm Dhuni Kolhu kann man nicht nur „paradiesischen“ Urlaub machen, sondern auch erleben, wie Schildkröten gerettet und gepflegt werden. In einem Krankenhaus etwa für diese Meeresbewohner. Das ist so ungewöhnlich, dass sich der weite Weg lohnt. Ein Schildkröten-Lagebericht.

Anreise im Wasserflugzeug

Zwischen meinen Zehen spüre ich den heißen und gleichzeitig super-weichen Korallensand. Hinter mir liegt das azurfarbene Meer, vor mir eine Insel mit dichtbewachsenem Dschungel. Also doch: Paradies. Nach über 11 Stunden Flug bis zur Hauptinsel Malé folgt ein gut halbstündiger Flug mit dem Wasserflugzeug.

Die Malediven bestehen aus insgesamt 26 verschiedenen Atollen. Wer nicht mit dem Speedboot in sein Resort gebracht wird, steigt ins Wasserflugzeug. Mein einheimischer Pilot heißt Arif, ist lässig gekleidet, trägt eine schicke Ray-Ban aber abgelatschte Flipflops. Ein bisschen Überwindung kostet es, sich für den 35-Minuten-Flug in seine Hände zu begeben. Doch schon die Aussicht hinunter auf die grün-weißen Flecken im türkisblauen Ozean belohnt den Mut, in das „Wackelding“ einzusteigen.

Die Villen über dem Wasser im Coco-Palm-Ressort sind fast immer ausgebucht.

Die Villen über dem Wasser im Coco-Palm-Ressort sind fast immer ausgebucht.

Foto:

Coco Collection

Mein Ziel, das nördliche Baa-Atoll, liegt 130 Kilometer entfernt von Malé und ist Teil des Unesco Biosphärenreservat. Coco Palm Dhuni Kolhu ist eine von insgesamt 144 Inseln der Malediven, die für touristische Zwecke genutzt werden.

Vor 30 Jahren war daran noch nicht zu denken. Da waren die Malediven ein beliebtes Ziel für Rucksacktouristen. Die Übernachtung gab es für 10 bis 20 Euro pro Nacht. „Erst in den 80ern begannen kleine Resorts mit kleinen Zimmern auf den Inseln zu eröffnen. Da gab mal mehr, mal weniger frisches Wasser“, sagt Sarah Hilmy (28), die Tochter einer der vier maledivischen Coco-Palm-Gründer und Marketing-Managerin. „Meine Familie kaufte eine Insel und wollte den Urlaubern mehr Qualität bieten. Sie verbesserte die Bedingungen und nahm anfangs 90 Euro für eine Nacht. Das Konzept ging auf. Kurze Zeit später kauften wir Dhuni Kolhu und eröffneten das Coco Palm Resort“, erzählt sie mit einem Lächeln im Gesicht. „Beim Bau vor 20 Jahren, haben wir keine einzige Palme gefällt. Wir wollen die Malediven so lassen wie sie sind: naturbelassen und wunderschön“, erzählt Sarah.

Bunte Unterwasserwelt und Schildkröten-Rettungszentrum

Wunderschön ist hier auch die Unterwasserwelt. Wunderschön – aber leider auch schon belastet. Im Baa-Atoll befinden sich aber immer noch viele gut erhaltene Korallenriffe. Hier kann man mit Mantarochen, Schildkröten, Delfinen oder Walhaien schnorcheln. Fürs Erste reicht mir das Hausriff. Ich habe Glück: Eine Schildkröte schwimmt zum Greifen nah an mir vorbei. Diese Mischung aus Adrenalin und Endorphinen macht das Erlebte unvergesslich.

Auch deshalb, weil gerade Schildkröten auf Coco Palm Dhuni Kolhu einen Sonderstatus genießen. Wer hierher kommt, kommt unweigerlich mit dem Schicksal der Meerestiere in Berührung. Seit 2017 gibt es ein eigenes Schildkrötenrettungszentrum. Es ist das erste und bisher einzige auf den Malediven und wurde von der Coco Collection in Kooperation mit dem Olive Ridley Project (ORP), einer britischen Umweltorganisation gegründet. Diese Organisation hat sich die Bekämpfung von sogenannten Geisternetzen zur Aufgabe gemacht. Das sind im Meer treibende, unmarkierte Fischernetze - die zur schrecklichen Falle werden können.

Tierärztin Claire Lomas behandelt die Schildkröten mit viel Feingefühl.

Tierärztin Claire Lomas behandelt die Schildkröten mit viel Feingefühl.

Foto:

Olive Ridley Project

Claire Lomas, Tierärztin aus North Wales, hat hier bereits 96 Schildkröten behandelt oder das Leben gerettet. „Wenn eine verletzte Schildkröte auf anderen Atollen gefunden wird oder einem Fischer ins Netz gegangen ist, können die Fischer oder Finder bei den Mitarbeitern des ORP anrufen. Dann wird sie per Wasserflugzeug schnellstmöglich zu mir gebracht“, erklärt die 25-Jährige, die für ein Jahr und sieben Monate auf der Insel arbeitet. Oft landen sie, weil sie Flossen verloren haben oder sich an einem Fischerharken aufgehängt haben , direkt auf dem OP-Tisch. „Die Geisternetze sind sehr scharfkantig, strangulieren die Tiere und sorgen dafür, dass sie nicht mehr auftauchen können. Dann ersticken sie qualvoll.“ Claire weiß das zu verhindern.

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Kein schöner Anblick: Eine Schildkröte hat sich in den Netzen der Fischer verfangen.

Foto:

Ibrahim Shameel

Krankengymnastik mit Fisch

Ihre Praktikantin und Malediverin Alhan (24), schneidet frischen Fisch.

Jetzt bloß schnell sein: Große Schildkröten-Fütterung mit frischen Fisch.

Jetzt bloß schnell sein: Große Schildkröten-Fütterung mit frischen Fisch.

Foto:

Olive Ridley Project

Die große Fütterung steht an. Dann hält sie Schildkröte Seagrass ein Stückchen vor die Nase und kurz bevor Seagrass, so heißt der Meeresbewohner in Asyl, zuschnappen kann, nimmt sie es ihm wieder weg. Die Schildkröte, der eine stark verletzte Flosse amputiert werden musste, schwimmt nach – und bleibt so in Bewegung. „So machen wir Physiotherapie. Solange bis Seagrass wieder fit ist. Im Durchschnitt dauert so eine Behandlung 23 Tage“. Seagrass und die anderen Patienten, leben in großen Wassertanks mit automatischen Wasser-Regulationssystem. Dieses wurde von Mohamed Didi, dem Chef-Ingenieur der Coco Collection, entwickelt, um den Tieren ein natürliches Umfeld zu schaffen.

Sophia Malediven

Unsere Autorin Sophia Kräge hat die Schildkröte jeden Tag besucht.

Foto:

Claire Lomas

Den Urlaubern gefällt das. „Sie kommen extra um die Schildkröten zusehen. Und oft sind Schulklassen hier“, sagt Claire. Besucher können bei den Fütterungen helfen und viel über die Tiere lernen. Das Highlight: Es ist möglich, eine Schildkröte für knapp 60 Euro zu adoptieren. Natürlich nimmt man nicht das Tier – das wird nach seiner Genesung zurück ins Meer entlassen – sondern nur eine Urkunde mit nach Hause. Und das gute Gewissen, etwas für die Erhaltung des Paradieses getan zu haben.

Am Ende bleibt also wieder dieser Eindruck: Paradies. Am letzten Abend sitze ich am Meer, lasse Revue passieren, was ich in der vergangenen Woche erlebt habe. Das Wort „Paradies“ kann ich nun beruhigter aussprechen, da ich jetzt weiß, dass auch dafür gesorgt wird, dass die paradiesischen Zustände auf den Malediven auch für Tiere gelten. Zumindest auf Coco Palm Dhuni Kolhu.

Diese Reportage wurde unterstützt von der Coco Collection und Turkish Airlines.

Reise-Infos:
http://www.cococollection.com
http://www.oliveridleyproject.org