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Für Mann enger genäht: Passiert diese schlimme Praxis in unseren Kreißsälen wirklich?

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Dass bei einer Mutter eine Geburtsverletzungen behandelt werden muss, kommt häufig vor. Nutzen manche Väter das aus? 

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imago/imagebroker

Köln -

Mütter, die nach der Geburt mit Absicht „enger“ gemacht werden, nur zur Freude des Mannes: Derzeit machen vereinzelt Erfahrungsberichte die Runde, in denen Frauen erzählen, dass bei ihnen der so genannte „husband stitch“ (dt. etwa: „Stich für den Ehemann“) angewendet wurde.

Dass sie direkt nach der Geburt vom zuständigen Gynäkologen bei der Behandlung der vaginalen Geburtsverletzung ohne ihr Wissen enger wieder zugenäht wurden – auf Wunsch ihres Mannes, der dadurch sicherstellen will, dass sich beim Sex auch nach dem Kind alles so anfühlt wie vorher.

Denken Väter kurz nach der Geburt tatsächlich an ihr Sexleben?

Dass ein frisch gebackener Vater in diesem Moment an seine eigene sexuelle Befriedigung denkt, ist zunächst nur schwer vorstellbar und auf vielen Ebenen verstörend. Nicht nur, weil nichts unwichtiger ist als das, wenn man gerade sein Neugeborenes im Arm hält. Sondern vor allem auch, weil die Frau gerade Geburtsschmerzen durchlebt und körperliche Höchstleistungen erbracht hat – und sogar dann noch auf ein Objekt reduziert wird, das für den Mann funktionieren muss. Ein solches Vorgehen wäre also schlichtweg skandalös - Sexismus in reinster Form.

Doch kommt der „husband stitch“ wirklich in deutschen Kreißsälen vor?

„Ja, das gibt es auch heute noch“, sagt Ursula Jahn-Zöhrens vom Deutschen Hebammenverband, „aber ich habe nicht den Eindruck, dass es häufig vorkommt“. Anders sei das in den 80er Jahren gewesen: „Damals gab es Gynäkologen, die das häufiger gemacht haben. Ich glaube sogar, dass das sogar eher von den Ärzten ausging als von den Vätern.“

Männer kommentieren amüsiert, wie der Arzt die Frau behandelt

Eine andere Hebamme, die an dieser Stelle anonym bleiben möchte, erzählte uns, dass es in ihrem Arbeitsalltag auf der Geburtsstation immer wieder passiere, dass die Väter den Arzt bitten würden, die Frau enger zuzunähen. Überhaupt interessierten sich mehr Männer als man denkt dafür, wie genau der Arzt nach der Entbindung die Vagina ihrer Frau behandle, viele kommentierten das sogar amüsiert. Die Hebamme aber sagt auch ganz deutlich: In ihrem Krankenhaus würden Ärzte diesen Bitten der Väter nicht nachkommen.

Väter und Ärzte begehen Körperverletzung

Dass das auch für Ärzte an anderen deutschen Kliniken gilt, bleibt natürlich zu hoffen – beweisen kann man es nicht. Glaubt man den Erfahrungsberichten, gibt es auch hier zumindest eine Dunkelziffer. Eins ist aber sicher: Wenn die Ärzte den „husband stitch“ anwenden, ist das streng genommen ein krimineller Akt. „Jede Operation ohne Einwilligung eines Patienten oder einer Patientin ist eine rechtswidrige Körperverletzung“, sagt der Präsident des Berufsverbandes der Frauenärzte, Dr. med. Christian Albring: „Ärzte, die solche Eingriffe durchführen würden, würden sich strafbar machen und ihre Approbation verlieren.“

Und auch die Väter, die so etwas forderten, begingen Missbrauch an ihren Frauen. „Ein Partner, der ohne Einwilligung seiner Partnerin von einem Arzt nach der Geburt ein ‚Engernähen‘ der Vagina verlangt“, sagt Albring, „und damit gegebenenfalls auch noch in Kauf nimmt, dass seine Partnerin künftig beim Geschlechtsverkehr dauerhaft unter Schmerzen leidet, verletzt das Recht seiner Partnerin auf Selbstbestimmung und übt körperliche Gewalt gegen sie aus.“

Rund um die Geburt sind viele Mythen im Umlauf

Dass sich Paare, auch die Frauen, Gedanken darüber machten, inwieweit sich ihr Sexleben nach der Geburt verändert, das sei grundsätzlich richtig, sagt Ursula Jahn-Zöhrens. Hier seien aber immer noch viele Klischees im Umlauf, wie etwa genau der Mythos, dass die Scheide bei der Geburt ausleiere. Zwar könnten Geburtsverletzungen Auswirkungen auf das Sexleben nach der Geburt haben, aber das sei sehr individuell. Gut und wichtig sei, dass man heutzutage generell mehr über die körperlichen Veränderungen rund um die Geburt spreche. „Das Wohl der Mütter sollte dabei immer im Vordergrund stehen.“