Heftiger Schmerz ist eines der Symptome eines Herinfarktes. Foto: imago images/blickwinkel

Rund 10.000 Herzinfarkte ereignen sich in Berlin Jahr für Jahr. Die Erkrankung, an der in Deutschland alljährlich Zehntausende Menschen sterben, wird dennoch häufig unterschätzt. „Ich stand schon oft fassungslos an irgendwelchen Krankenhausbetten“, sagt Dr. Olaf Göing. „Bei Patienten, die zuvor seelenruhig in die Rettungsstelle spaziert kamen und sagten, die hätten Schmerzen. Darunter viele, die sogar schon einmal einen Infarkt hatten, die ihre Symptome aber trotzdem in den Skat drückten. Man kann auf die Gefahren gar nicht oft genug hinweisen.“

Es ist besser, im Zweifel die 112 zu wählen

Göing, 66 Jahre alt, ist Kardiologe und Chefarzt der Klinik für Innere Medizin am Sana-Klinikum Lichtenberg. Er behandelt täglich Patienten mit Herzproblemen, treibt die Forschung in dem Bereich voran – und warnt. Am Dienstag wird der Weltherztag begangen, ein Aktionstag, der auf das Thema Herzgesundheit aufmerksam machen sollte. „Und das ist dringend nötig. Denn selbst Betroffene unterschätzen die Gefahr. Es muss wieder ins Gedächtnis der Menschen kommen, dass jeder Schmerz auch mit einer solchen Erkrankung zusammenhängen kann. Und dass es in solchen Fällen besser ist, die 112 zu wählen.“ Zudem gebe es bezüglich der Herzinfarkte gewisse Vorurteile, die sich hartnäckig halten. Etwa das immer wieder skizzierte Bild des Herzinfarkt-Patienten, der sich an den linken Oberarm fasst, weil er nur dort plötzlich stechende Schmerzen spürt. „Das passiert so. Aber längst nicht immer“, sagt Göing.

Dr. Olaf Göing ist Kardiologe und Chefarzt der Klinik für Innere Medizin am Sana-Klinikum Lichtenberg. Foto: Berliner KURIER/Gerd Engelsmann

Ein Herzinfarkt entsteht, wenn sich eines der drei Herzkranzgefäße ganz oder teilweise verschließt. Kommt das Blut nicht mehr durch, wird ein Teil des Herzmuskels nicht mehr mit Sauerstoff versorgt. Gelingt es nicht, die Blutzufuhr wieder herzustellen, stirbt das Muskelgewebe ab. Die Folgen sind verheerend: „Der Herzmuskel stellt seine Aktivität ein. Wenn das Herz nicht mehr pumpt, kommt es zu einem kardiogenen Schock. Das Herz wird, um die Blutzirkulation aufrecht zu erhalten, immer schneller, der Blutdruck fällt, der Kreislauf bricht zusammen“, sagt Göing. Eine andere Folge ist das „Kammerflimmern“, eine Herzrhythmusstörung – das Herz „flimmert“, ohne das Blut transportiert wird. „Das Kammerflimmern muss so schnell wie möglich beseitigt werden, etwa unter Einsatz eines Defibrillators. In jedem Fall gilt: Zeit ist ein wesentlicher Faktor.

Oft werden die Symptome nicht richtig erkannt

Problematisch bei Herzinfarkten sei, dass viele die Symptome nicht als die eines Infarktes erkennen. Beschrieben werden oft Luftnot, Übelkeit, Erbrechen und starke Schmerzen, die allerdings unterschiedlich wahrgenommen werden, abhängig von der Position des Infarktes. „Viele Patienten wundern sich nach einem Herzinfarkt, dass ihr linker Arm nicht weh tat“, sagt Göing. „Es gibt auch Fälle, bei denen die Betroffenen Schmerzen im rechten Arm verspüren, im Nacken, im Rücken oder in den Zähnen. Das wird nicht mit einem Infarkt in Verbindung gebracht.“ Frauen klagen laut Göing oft nur über Übelkeit und Müdigkeit.

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Auch Ärzte unterschätzen mögliche Symptome häufig. Göing erzählt von einem Patienten, bei dem der Herzinfarkt zufällig entdeckt wurde. Der junge Mann klagte über Schmerzen. Weil er Alkoholiker war, nahm man zunächst die Bauchspeicheldrüse unter die Lupe, fand aber keine Quelle für die Beschwerden. „Auf dem Weg zum S-Bahnhof brach er zusammen, erlitt einen epileptischen Anfall“, sagt Göing. Er kam erneut in ein Krankenhaus. Dort wurde ein EEG angefertigt, das Gehirn untersucht - wieder nichts. „Am nächsten Tag hatte er noch immer Schmerzen, ging zur Hausärztin, die ihn zum Chiropraktiker schickte.“ Erst später, bei einem EKG, wurde die Diagnose gestellt: Der Mann hatte einen Herzinfarkt erlitten.

Ein anderes Problem sieht Göing in der Bereitschaft, Erste Hilfe zu leisten „Alle wollen knutschen und tanzen, aber wenn es um das Thema Herzdruckmassage und Mund-zu-Mund-Beatmung geht, trauen sich viele nicht, beherzt einzugreifen.“ Auf dieses Problem wurde auch anlässlich des Welt-Erste-Hilfe-Tages am 12. September hingewiesen. Oft fehlt auch das entsprechende Wissen. Eine Umfrage des Deutschen Roten Kreuz (DRK) zeigte, dass bei mehr als der Hälfte der Befragten der letzte Erste-Hilfe-Kurs mehr als zehn Jahre in der Vergangenheit lag. „Die Zahlen deuten darauf hin, dass die meisten seit dem Erlangen des Führerscheins keinen Kurs mehr absolviert haben“, sagte DRK-Präsidentin Gerda Hasselfeldt.

Schnelles Eingreifen ist bei Herzinfarkten wichtig

Genauso wichtig wie das schnelle Eingreifen ist es, früh genug vorzubeugen. „Das kann man nur mit einer gesunden Lebensweise“, sagt Göing. „Dazu gehören eine gesunde Ernährung, ausreichend Bewegung und die Kontrolle der bekannten Risikofaktoren – wer raucht, erhöht sein Herzinfarkt-Risiko.“ Das ist vor allem für all jene wichtig, die bereits einen Infarkt erlitten. Grundsätzlich sei aber auch eine positive Lebenseinstellung wichtig. „Und dazu gehört, sich nicht zu geißeln. Gesunde Ernährung ist wichtig – aber am Geburtstag darf man natürlich auch gern davon abweichen.“ Und: Auch die Familienanamnese sei nicht zu unterschätzen. „Wenn in der Familie jemand an einem Herzinfarkt verstorben ist, sollten auch bei jungen Menschen die Alarmglocken angehen. Die Symptome sollten in dem Fall immer auf die Erkrankung bezogen werden“, sagt Göing.

Im Lichtenberger Sana-Klinikum wird im Bereich Kardiologie auch immer weiter geforscht. Dr. Olaf Göing arbeitet etwa an einem Projekt mit AR-Technologie – in Zusammenarbeit mit Microsoft und ApoQlar, einem deutschen Start-up, wird hier eine AR-Brille getestet, die bei Operationen eingesetzt werden kann. Der operierende Arzt kann sich so etwa CT-Aufnahmen des Patienten ins Blickfeld projizieren lassen – oder jeden Schritt eines Eingriffs am Herzen vorher an einer 3D-Visualisierung nachvollziehen. „Wir sind die erste Klinik, in der die Technologie im Bereich Kardiologie eingesetzt wird“, sagt der Mediziner. „Wir können bei Operationen dadurch besser sehen, wo einzelne Teile des Herzens verlaufen, beispielsweise die Herzscheidewand. Denn jedes Herz ist anders – es gibt kleine und große, manche haben vielleicht eine Narbe oder sind anatomisch verzogen, weil sie schon einmal operiert worden.“

Zudem wird an einem Projekt im Bereich der Telemedizin gearbeitet – hierbei werden den Patienten Sensoren implantiert, die etwa den Druck in den Arterien messen, die Werte an die Klinik übermitteln. „Damit können wir aus der Ferne eingreifen und etwa die Medikation anpassen, ohne dass die Patienten gleich in die Klinik kommen müssen. Gerade in Zeiten wie diesen, wenn man den Abstand reduzieren möchte, ist diese Technologie zukunftsträchtig.“