Der „Oberste Führer“ Kim Jong-un spricht und wie hier bei der Sitzung des Politbüros der nordkoreanischen KP schreiben alle mit. Foto: KCNA via KNS/AFP

Zu jung, zu schwach, zu unerfahren: Die Zweifel an seiner Eignung waren groß. Tatsächlich brauchte Kim Jon-un, dritter Machthaber in Nordkoreas Kommunisten-Dynastie der Kims, einige Zeit, um sich in der Hauptstadt Pjöngjang zu etablieren. Offenbar mit Gewalt. Massen von Hinrichtungen – Mitglieder der „alten Garde“ von Vater und Großvater und sogar der eigenen Familie – sorgten für Ruhe.  

Am Freitag ist es ein Jahrzehnt her, dass Kims Vater starb. Der Sohn (37), der dessen Rolle samt Personenkult übernahm, steht heute vor einer enormen Herausforderung. Einerseits darbt das Volk, immer wieder gibt es Hunger und verdrossen angenommene Nahrungsmittelhilfe des Auslands, andererseits werden Geld und Ressourcen für Atomsprengköpfe und Raketen verschwendet.  Kim steckt in der Zwickmühle, nachdem er 2012 seinem Volk versprochen hatte, es müsse „nie mehr den Gürtel enger schnallen“. Persönlich hat er das offenbar getan, auf aktuellen Fotos ist er nicht mehr so feist wie noch 2020.

Laut der nordkoreanischen Nachrichtenagentur zeigt das Foto den Start einer Interkontinentalrakete, die auch Atomsprengköpfe tragen kann. Foto: KCNA via KNS/AP

Das bescheidene Wachstum, das Kim durch marktorientierte Reformen zunächst erreichen konnte, wurde 2016 beendet. Seit jenem Jahr ist sein Land wegen der Entwicklung von Atomwaffen und Raketen, die auf die USA und ihre Verbündeten in Asien abzielen, mit scharfen internationalen Sanktionen belegt. Während der Amtszeit Donald Trumps erhielt Kim 2018 und 2019 zwar durch zwei Treffen mit dem US-Präsidenten große Aufmerksamkeit. Doch sie führten zu nichts.

Kim und Trump im Juni 2019 an der Grenze von Nord- und Südkorea in Panmunjon. Foto: KCNA via KNS/AP

Für Trumps Nachfolger Joe Biden scheint Nordkorea bislang keine Priorität zu haben – zumindest sieht er offenbar keine Eile, irgendeine Art von Einigung mit Kim anzustreben, solange dieser an seinem Atomwaffenprogramm festhält. Das asiatische Land ist damit weiterhin isoliert. Die Wirtschaft liegt am Boden.

„Mit Atomwaffen hat sich Kim in dieses Schlamassel gebracht“, sagt Go Myong Hyun vom Asan Institute for Policy Studies in Südkoreas Hauptstadt Seoul. Nun verfolge er eine „widersprüchliche Politik, noch stärker auf Atomwaffen zu setzen, um da wieder herauszukommen. Irgendwann wird Kim die schwierige Entscheidung treffen müssen, wie lange er an seinen Atombomben festhalten will.“

Kim Jong-un mit seinem Vater Kim Jong-il ein Jahr vor dessen Tod 2011.  Foto: AP/Vincent Yu

„Atomwaffenprogramm, Wirtschaft und Stabilität des Regimes sind eng miteinander verbunden. Solange es in der Atomfrage keine Lösung gibt, wird sich die Wirtschaftslage nicht verbessern, und das birgt die Möglichkeit von Unruhe und Verunsicherung in der nordkoreanischen Gesellschaft“, sagt Park Won Gon, Experte für Nordkorea an der Ewha Womans University in Seoul.

„Nordkorea wird seine Atomwaffen auf gar keinen Fall aufgeben“, sagt Andrei Lankov von der ebenfalls in Seoul ansässigen Kookmin-Universität. Kim könne aber von den neuen Spannungen zwischen Peking und Washington profitieren, denn durch diese steige der strategische Wert seines Landes für China. Künftig wäre der große Nachbar laut Lankov womöglich bereit, Nordkorea mit zusätzlichen Lieferungen von Nahrung, Treibstoff und anderen wichtigen Gütern über Wasser zu halten. Somit würde für Kim der Druck sinken, sich auf Verhandlungen mit den USA einzulassen.

Corona verschärft die Folgen von Missmanagement und überbordenden Militärausgaben. Der südkoreanische Geheimdienst berichtete kürzlich, dass der Handel Nordkoreas mit China bis September 2021 um zwei Drittel eingebrochen sei. Die Behörden in Pjöngjang kämpfen den Angaben zufolge mit steigenden Preisen und einem zunehmenden Mangel an Nahrungsmitteln und Medikamenten für die rund 25 Millionen Nordkoreaner.