Irmgard Braun-Lübcke und ihre Söhne Jan-Hendrik und Christoph (l.) betreten den Gerichtssaal in Frankfurt. Hinten rechts (ohne Krawatte) steht der Angeklagte Stephan E., der ihren Ehemann und Vater Walter Lübcke erschossen haben soll.  Foto: Ronald Wittek/AFP

Frankfurt/M. - Sie war bislang immer sehr gefasst, wenn sie die Verhandlungen gegen den mutmaßlichen, rechtsextremen Mörder ihres Mannes Walter Lübcke verfolgte - doch als Irmgard Braun-Lübcke jetzt als Zeugin aussagte, brach sie in Tränen aus. Fast 40 Jahre war sie mit dem Kasseler Regierungspräsidenten verheiratet gewesen: „Er fehlt uns unendlich. Er hatte Pläne. Das ist ihm alles genommen worden durch einen ganz fiesen Mord.“

Schüsse hatte Irmgard Braun-Lübcke in der Mordnacht zum 2. Juni 2019 nicht gehört. Sie wurde aus dem Schlaf gerissen, als sie ihren Sohn Jan-Hendrik weinen und  „Mama, Mama“  rufen hörte. „Da wusste ich, irgendwas war passiert“, sagt die auch als Nebenklägerin auftretende Witwe und kämpft um Selbstbeherrschung.

„Ich will die volle Wahrheit“, sagte die Witwe des im Alter von 65 Jahren getöteten Manns am Ende ihrer Zeugenaussage vor dem Oberlandesgericht Frankfurt/Main. Sie wolle wissen, ob es in den letzten Sekunden im Leben ihres Mannes noch einen Wortwechsel mit dem Schützen gab, einen Blickkontakt.

Das könne der Familie „vielleicht helfen, alles etwas besser zu verarbeiten. Wir brauchen das, das ist ganz wichtig.“ Sie beklagte, dass der aus der Untersuchungshaft entlassene Mitangeklagte und mutmaßliche Anstifter Markus H. sich nicht äußere. „Das ist sehr verletzend.“

Dass ihr Mann nicht, wie zunächst gedacht, kurz vor seinem Ruhestand an einem Herzinfarkt gestorben sei, sondern durch eine Gewalttat ums Leben gekommen sei, mache alles nur noch schlimmer für sie und ihre Familie.  „Das Haus ist nicht mehr das Haus, das Leben ist nicht mehr das Leben.“  

Ehrenwache von Polizei und Bundeswehr am Sarg Walter Lübckes. Der Trauergottesdienst fand am 13. Juni 2019 in der Kasseler Martinskirche statt.  Foto: Swen Pförtner/dpa-POOL/dpa

Der Angeklagte Stephan E. (47), der zunächst jeden Blickkontakt vermieden hatte, sackte bei den Worten der Witwe zusammen, wischte sich wiederholt die Augen. „Es tut mir leid, es tut mir unendlich leid“, sagte er mit brechender Stimme und sah der ehemaligen Lehrerin dabei ins Gesicht.

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Der Rechtsextremist soll Lübcke ermordet haben, weil der sich für Flüchtlinge eingesetzt und rechte Hetzer 2015 mit scharfen Worten angegriffen hatte. Walter Lübcke war auf der Terrasse seines Hauses in Wolfhagen-Istha bei Kassel erschossen worden. Der Stuhl, in dem er starb, sei der Lieblingsplatz von Walter Lübcke gewesen - dort auf der Terrasse, wo das Paar häufig zusammen gesessen hatte, wo er mit einer letzten Zigarette den Tag ausklingen ließ.