Professor Dr. Thorsten Lehr hat die Entwicklung bei den Infektionen ausgerechnet.  Foto: Screenshot ZDF/Markus Lanz

Professor Dr. Thorsten Lehr gilt als nüchterner Wissenschaftler. Lehr übersetzt die Corona-Pandemie in Zahlen. Er rechnet auf Grundlage bekannter Fakten wahrscheinliche Entwicklungen aus. Die Ergebnisse gießt er in Grafiken. Nicht mehr, nicht weniger.    

Was der Pharmazeut und Daten-Analyst jetzt aber in der ZDF-Talkshow von „Markus Lanz“ ganz ohne Aufregung präsentierte, gleicht einem Horror-Szenario. Seine Berechnungen sagen im Kern: Lockern wir den Lockdown im März tatsächlich wie geplant, laufen wir in eine katastrophale dritte Welle.  

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Das liegt vor allem an den Virus-Mutationen, die heute bereits 22 Prozent der Infektionen in Deutschland ausmachen. Für Lehr ist das keine Überraschung. „Wir hatten für diesen Zeitpunkt 21 Prozent ausgerechnet“, sagt er. In den kommenden Wochen werde es zu einer „Übernahme“ durch die Virus-Varianten kommen. Etwa in der zweiten Märzwoche, wird jeder zweite Fall in Deutschland auf diese Mutationen zurückzuführen sein. Und genau das ist das Problem. 

Thorsten Lehr simuliert Corona-Entwicklungen und lag mit seinen Prognosen meist richtig. Foto: dpa/Iris Maria Maurer

Mutationen deutlich ansteckender – auch tödlicher? 

Die Virus-Varianten seien definitiv deutlich ansteckender. „Ob sie auch tödlicher sind, lässt sich noch nicht sicher sagen. Man erkennt aber schon, dass Patienten auch einen schwereren Verlauf haben. Von daher kann auch beides zusammenkommen“, sagt Lehr und nennt das nüchtern „eine kritische Kombination“.  

Was das bedeutet, hat Lehr in zwei Grafiken veranschaulicht, die wir hier nachempfunden haben.

Wenn wir den Lockdown beibehalten...

Als erstes Beispiel  zeigt uns Lehr, was es bedeuten würde, wenn wir den Lockdown, wie er heute gilt, beibehalten würden.  Denn auch dann wirkt sich die Ausbreitung der Mutationen bereits aus.

Aktuell geht die Wissenschaft davon aus, dass die Virus-Varianten 30 bis 70 Prozent ansteckender sind. Die Kurven zeigen, wie sich die Inzidenz entwickelt, wenn sich die Mutationen als um 20, 35 oder 50 Prozent ansteckender erweisen. Man sieht: Schon ohne jede Lockerung würde bei 50 Prozent höherer Ansteckung der Inzidenzwert wieder deutlich steigen. 

Grafik:  Hecher, Quelle: Prof. Dr. Thorsten Lehr

Wenn wir ab März lockern...

Dramatisch wird es, wenn ein Ende des Lockdowns einberechnet wird. Für die zweite Grafik ist Lehr davon ausgegangen, dass ab 7. März wieder 25 Prozent mehr Kontakte zwischen den Menschen stattfinden. „Das ist nicht viel“, erklärt der Wissenschaftler. „Das ist in etwa der Kontaktlevel, den wir während des Lockdown light hatten. Wir reden also von marginalen Lockerungen.“

Die Zahlen zeigen beeindruckend, dass die Inzidenz innerhalb kürzester Zeit dramatisch nach oben springen würden. „Dabei sehen wir, dass es fast egal ist, wie viel infektiöser die Mutanten wirklich sind“, erklärt Lehr. 

Brandgefährlich: Die Lockerung würde eine dritte Corona-Welle hervorrufen. Grafik:  Hecher, Quelle: Prof. Dr. Thorsten Lehr

Schnell in einer dritten Welle

Eine „katastrophale Nachricht“, nennt Lehr das. Besonders gefährlich sei, dass die geplanten Lockerungen exakt auf den Zeitpunkt fallen würden, zu dem die Mehrheit der Neu-Infektionen durch die Mutationen ausgelöst werden. „Dann könnten wir sehr schnell in eine dritte Welle fallen.“    

Die Ethik-Expertin Professor Christiane Woopen glaubt, dass man dieses Horror-Szenario zumindest abmildern kann. Es müssten endlich mehr Schnelltests oder technologische Lösungen zur Infektionsketten-Nachverfolgung zum Einsatz kommen. Sie kritisiert die Konzentration der Regierung auf die Impfung als einzige Zukunftsperspektive – und mahnt: „Wir können uns nicht ausschließlich darauf verlassen, das kann uns um die Ohren fliegen.“

Thorsten Lehr rechnet nüchtern und weiß deshalb, dass der Ausweg aus der Pandemie besonders im niedrigen Inzidenz-Bereich steinig sein wird. Er sagt: „Das fühlt sich so an wie beim Marathon. Die letzten zehn Kilometer – die tun richtig weh.“