Professor Dr. Thorsten Lehr rechnet die Pandemie-Entwicklung aus.  Foto: Screenshot ZDF/Markus Lanz

Vielleicht sollte die Politik diesem Mann einfach mal häufiger und genauer zuhören... 

Professor Dr. Thorsten Lehr ist ein nüchterner Wissenschaftler. Er übersetzt die Corona-Pandemie in Zahlen. Lehr rechnet auf Grundlage bekannter Fakten wahrscheinliche Entwicklungen aus. Und seit einem Jahr stimmen seine Prognosen fast immer aufs Haar genau.  

Jetzt wagte der Pharmazeut und Daten-Analyst in der ZDF-Talkshow von „Markus Lanz“ einen Ausblick auf die kommenden Wochen. Und danach müssen wir uns noch mal auf eine knallharte Zeit einstellen. 

Nach Ostern bei Inzidenz 200

Lehr berechnete die Inzidenz-Entwicklung in Abhängigkeit von der Impf-Geschwindigkeit. Er geht davon aus, dass wir kurz nach Ostern die 200er-Marke bei der 7-Tage-Inzidenz passieren werden. Das sei kaum noch zu verhindern. 

Für seine Simulation geht er davon aus, dass erst dann eine konsequente Reaktion der Politik zu erwarten sei. Das scheint angesichts des aktuell sehr kreativen Umgangs mit den Werten für die Notbremse durchaus realistisch. Für diesen Fall wäre ab Anfang April mit einem harten Lockdown mit dem Ziel zu rechnen, die Werte zumindest wieder unter 100 zu drücken.

Die Entwicklung der 7-Tage-Inzidenz nach Lehrs Berechnungen. Grafik: BK/Galanty; Quelle: Lehr

Wieder sechs Wochen Lockdown

So ein Lockdown würde erneut sechs Wochen dauern!      

Nur wenn wir es schaffen, die Impfgeschwindigkeit schnell auf 2 Millionen pro Woche zu erhöhen (aktuell liegen wir bei etwa der Hälfte), würde die Kurve danach auch weiter abflachen.  

Astrazeneca macht inzwischen fast 40 Prozent der geplanten Impfungen aus. Grafik: BK/Galanty; Quelle: Lehr

Für diese Impfgeschwindigkeit brauchen wir aber den Impfstoff von Astrazeneca, der - wie eine weitere Grafik zeigt - inzwischen fast 40 Prozent der geplanten Impfungen in Deutschland ausmacht. Der Wissenschaftler ist zwar davon überzeugt, dass Astrazeneca zugelassen bleibt. „Die Frage ist aber: Wie geht die Bevölkerung damit um?“ Das  angekratzte Vertrauen in den Impfstoff nennt er deshalb bereits heute „ein Desaster“. 

Denn die 7-Tage-Inzidenz bedeutet immer auch Menschenleben. Positiv formuliert: Schaffen wir es, die Impfgeschwindigkeit auf 2 Millionen pro Woche anzuheben, könnten nach Lehrs Berechnungen 20.000 bis 30.000 Menschenleben gerettet werden. 

Lehr erklärt: Bei erhöhter Impfgeschwindigkeit lässt sich die Zahl der Todesfälle dramatisch senken.  Foto: Screenshot ZDF/Markus Lanz

Aber das sind doch alles nur Prognosen und Vermutungen, werden Kritiker jetzt einwenden. Stimmt. Lehr hat aber bewiesen, wie gut er damit liegt. Das jüngste Beispiel:  

Schnelles Impfen könnte Zehntausende Tote verhindern.  Grafik: BK/Galanty; Quelle: Lehr

Vorhersagen stimmten genau

Mitte Februar prognostizierte er, dass wir bei Lockdown-Lockerungen im März in eine dritte Welle laufen. In der zweiten Märzwoche werde jeder zweite Fall in Deutschland auf die Virus-Mutationen zurückzuführen sein. Genau so war es. 

Die Kurve werde zunächst abflachen und dann nach etwa 14 Tagen rasant ansteigen. Diese Phase beginnt jetzt. Bis heute stimmt diese Vorhersage fast taggenau.  

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So sagte Lehr im Februar die Inzidenz-Entwicklung voraus.  Grafik: BK/Hecher, Quelle: Prof. Dr. Thorsten Lehr

Neben Lehr hatten auch die Intensivmediziner noch im Februar eindringlich vor Lockerungen gewarnt. Die Deutsche Interdisziplinäre Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (DIVI) hatte eigene Berechnungen mit ähnlichen Ergebnissen wie Lehr angestellt und befürchtet, dass es zu einer erneuten Überlastung der Krankenhäuser kommen könnte.

„Das wäre nach den ersten beiden Wellen für die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Kliniken kaum noch zu verkraften“, sagte der frühere DIVI-Präsident Professor Uwe Janssens. Jetzt erneuerte die DIVI ihren Appell und bittet beinahe flehentlich: „Die regionale Notbremse muss konsequent angewendet werden!“

Wann reagiert die Politik?

Warum handelt die Politik also (bisher) anders? Der frisch wiedergewählte Ministerpräsident von Baden-Württemberg Winfried Kretschmann (Grüne) erklärt es ebenfalls in der Talkshow von Markus Lanz ganz offen: „Es gibt einen enormen Druck aus der Bevölkerung zu öffnen. Der ist wirklich gewaltig. Bei Geschäften, bei Menschen mit Kindern. Wir müssen die Menschen bei der Stange halten.“

Zudem stoße das stufenweise Öffnen oder Schließen immer wieder auf juristische Hindernisse. „Verwaltungsgerichte legen da Prinzipien der Gleichbehandlung an“, so Kretschmann. So bleibe der Politik oft nur ein Ganz-oder-gar-nicht.  

In einigen Ländern setzt aber trotzdem gerade ein Umdenken ein. Lockdown-Lockerungen wurden u.a. in Berlin und Brandenburg verschoben. Es wird wohl nicht allein dabei bleiben:

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