Wirecard gehört zum Deutschen Aktienindex DAX.  Foto: dpa/Alexander Pohl

Der Bezahldienstleister Wirecard steht am Abgrund - die Zukunft des Dax-Konzerns hängt vom Wohlwollen der Banken ab. Die vermissten 1,9 Milliarden Euro auf vermeintlichen Treuhandkonten in Asien gibt es mit ziemlicher Sicherheit nicht und deshalb bekommt Wirecard auch kein Testat für die Jahreszahlen 2019. Damit scheint ein Milliardenbetrug offensichtlich. Das monatelange Drama um die Bilanzen von Wirecard steuert auf den letzten Akt zu. Der Kursverfall der Aktie dürfte sich fortsetzen.

Die Banken könnten Wirecard jetzt den Geldhahn abdrehen. Interims-Chef James Freis kämpft ums Überleben des Konzerns: Man stehe mit Hilfe der am Freitag angeheuerten Investmentbank Houlihan Lokey weiterhin in „konstruktiven Gesprächen“ mit den kreditgebenden Banken. Am Finanzplatz Frankfurt war zumindest am Wochenende zu hören, dass die Banken Wirecard weiter am Leben halten wollen. Die Sorgen vor den Schockwellen sind wohl zu groß.

Der Wirecard-Vorstand geht nach einer Mitteilung aus der Nacht vom Montag davon aus, dass die Bankguthaben auf Treuhandkonten in Höhe von 1,9 Milliarden Euro „mit überwiegender Wahrscheinlichkeit nicht bestehen“. Die Gesellschaft war bisher von der Existenz dieser Konten ausgegangen und hatte sie als Aktivposten ausgewiesen.

Gleichzeitig nahm Wirecard alle Prognosen zur künftigen Geschäftsentwicklung und die Zahlen für das erste Quartal zurück. „Mögliche Auswirkungen auf die Jahresabschlüsse vorangegangener Geschäftsjahre können nicht ausgeschlossen werden“, hieß es in der Mitteilung weiter.

Die Hoffnung auf ein Stillhalten der Banken wurde von einem Zeitungsbericht gestützt: Wie die „Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung“ berichtete, wollen die Banken das Unternehmen nicht fallen lassen. „Keiner hat ein Interesse daran, den Kredit zu kündigen“, hieß es demnach am Samstag aus einem der beteiligten Geldhäuser. „Alle wollen jetzt das Ding kurzfristig stabilisieren.“

Enormer Vertrauensverlust

Aus dem Umfeld von Wirecard hieß es dem Bericht zufolge, man hoffe auf eine Einigung bis Ende kommender Woche. Zudem will Wirecard Schritte prüfen, das Geschäft fortzuführen. Darunter seien Kostensenkungen sowie Umstrukturierungen, Veräußerung oder Einstellungen von Unternehmensteilen und Produktsegmenten. Die IT Systeme von Wirecard liefen ohne Einschränkungen, hieß es weiter. Doch Wirecard muss jetzt auch damit rechnen, dass die Kunden angesichts des Vertrauensverlustes das Weite suchen.

Seit Donnerstag vergangener Woche hatten sich die Ereignisse im Bilanzskandal dramatisch zugespitzt. Auch der umstrittene Vorstandschef Markus Braun musste seinen Posten räumen. Die Ratingagentur Moody's stufte die Kreditwürdigkeit von Wirecard auf „Ramsch“ herab.

Am Freitag hatten die philippinischen Banken BDO Unibank und Bank of the Philippine Islands mitgeteilt, dass der deutsche Dax-Konzern kein Klient bei ihnen sei. Dokumente externer Prüfer, die das Gegenteil besagten, seien gefälscht. Auf den Konten der beiden Banken hätte die Summe eigentlich liegen sollen. Am Sonntag hat auch die Zentralbank in Manila mitgeteilt, dass die fehlenden Milliarden wohl nicht auf den Philippinen sind.

Wirecard wickelt bargeldlose Zahlungen für Händler ab, sowohl an Ladenkassen als auch online. Das Unternehmen ist seit über einem Jahr in Bedrängnis, seit die Londoner „Financial Times“ dem Management in einer Serie von Artikeln Bilanzmanipulationen vorwarf. Auch die Finanzaufsicht Bafin und die Münchner Staatsanwaltschaft untersuchen verschiedene Aspekte im Fall Wirecard.