Angesichts der Lieferengpässe beim Gas steht auch die Stromversorgung in Deutschland im kommenden Winter vor großen Herausforderungen.
Angesichts der Lieferengpässe beim Gas steht auch die Stromversorgung in Deutschland im kommenden Winter vor großen Herausforderungen. dpa/Federico Gambarini

Der Krieg in der Ukraine tobt seit dem 24. Februar. Russland greift sein Nachbarland an, und schnell griff auch hierzulande die Sorge um sich: Was bedeutet dieser Krieg für uns? Jetzt, nach etlichen Monaten, wird die potenziell gefährlichste Folge, die sich indirekt aus Russlands Krieg gegen die Ukraine ergeben könnte, immer deutlicher: Es droht ein Blackout mitten im Winter. Denn während alle nur über die Gasknappheit sprechen, droht auch die Stromversorgung zusammenzubrechen. Wie schlimm steht es wirklich?

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Wie wahrscheinlich ist, dass nach dem Gas auch der Strom knapp wird in Deutschland?

Das ist noch schwer abzusehen. Christoph Maurer vom auf Energie spezialisierten Berater Consentec hält die Lage für angespannt, aber grundsätzlich in einem normalen Winter beherrschbar. Vorsichtiger gab sich Thorsten Lenck von Agora Energiewende: „Nach unseren bisherigen Analysen ist es durchaus möglich, dass es im Winter in einigen Stunden knapp werden könnte.“ Tobias Federico, Geschäftsführer beim Beratungsunternehmen Energy Brainpool, ist da entspannter: „Ich persönlich bereite mich nicht auf einen Blackout vor.“

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Was hat eine mögliche Stromknappheit mit dem Krieg der Russen zu tun?

Wenn es um die mögliche Knappheit beim Strom geht, geht es auch um die Versorgung der Gaskraftwerke mit ausreichend Brennstoff. Zwar machen sie nur einen recht kleinen Teil der Kapazitäten in Deutschland aus. Doch bei Lastspitzen können sie entscheidend sein, um die Netzstabilität zu sichern, betonte Lenck. 2021 stammten gut 15 Prozent der insgesamt erzeugten Elektrizität aus der Gasverbrennung – nun soll wegen der unsicheren russischen Lieferungen vorhandenes Gas aber mehr zum Heizen reserviert werden.

Was bedroht die deutsche Stromversorgung noch?

Einer der größten Risikofaktoren ist ausgerechnet das Nachbarland Frankreich. Dort steht ein großer Teil der Kernkraftwerke gerade nach Entdeckung kleiner Risse im Notkühlsystem oder wegen Wartungsarbeiten still. Gelinge es nicht, genügend dieser Atomkraftwerke rechtzeitig wieder ans Netz zu bringen, könne dies aufgrund der europäischen Vernetzung zur Herausforderung für die deutschen Versorger werden, warnten Lenck und Maurer. Besonders kritisch könne es in einem kalten Winter werden, weil in Frankreich viel mit Strom geheizt werde.

Gleichzeitig will Deutschland seine drei letzten verbliebenen Atomkraftwerke Ende des Jahres abschalten. Ideen der Union, sie übergangsweise weiterlaufen zu lassen, wurden bislang von der Bundesregierung auch mit dem Hinweis auf technische Schwierigkeiten und selbst von den Energieunternehmen abgelehnt. DGB-Chefin Yasmin Fahimi meinte, es werde kein Stromproblem geben, und heizen würden die AKW nicht. Dagegen sagte der ehemalige Grüne und spätere SPD-Innenminister Otto Schily angesichts der Gasabhängigkeit Deutschlands, der Atomausstieg in Gänze sei „töricht“ gewesen.

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Das Wetter kann die Stromversorgung ebenfalls einschränken. Besonders kritisch kann eine „Dunkelflaute“ sein – mehrere Tage mit wenig Wind- und zugleich kaum Solarstrom. Passiere das in Deutschland und Frankreich gleichzeitig und komme dann noch eine Kältewelle, sei das bedenklich, so Federico.

Elektrische Heizgeräte werden derzeit wegen der drohenden Gaskrise viel verkauft. Kommen die jedoch im Winter massenhaft zum Einsatz, ist auch Deutschlands Stromversorgung in Gefahr.
Elektrische Heizgeräte werden derzeit wegen der drohenden Gaskrise viel verkauft. Kommen die jedoch im Winter massenhaft zum Einsatz, ist auch Deutschlands Stromversorgung in Gefahr. imago/Udo Kröner

Warum ist es wichtig, dass Verbraucher Strom sparen?

In den letzten Wochen hat die Nachfrage nach elektrischen Heizgeräten – vom Heizlüfter bis zur Konvektorheizung – deutlich zugenommen. Würde wirklich in großem Umfang damit geheizt, könnte das die Stromnetze in die Knie zwingen, warnte Maurer: „Das ist ein Szenario, das man fast um jeden Preis verhindern muss.“ Denn es würde die Möglichkeiten des Stromnetzes sowohl bei der Erzeugung als auch beim Transport überfordern.

Wie geht es mit den Strompreisen weiter?

Ein sparsamer Umgang mit Strom empfiehlt sich schon mit Blick auf den eigenen Geldbeutel. Wie die Gas- sind auch die Strompreise zuletzt drastisch gestiegen. Im Juni lagen sie laut den Vergleichsportalen Verivox und Check24 um rund 30 Prozent über dem Vorjahresmonat. Der Wegfall der EEG-Umlage verschaffe den Verbrauchern etwas Entlastung, betonte Verivox-Energieexperte Thorsten Storck – doch sei dies wohl nur eine Atempause. „Spätestens zum Jahreswechsel rechnen wir erneut mit flächendeckenden Strompreiserhöhungen für Millionen Haushalte.“

Jedoch spricht nach Einschätzung der Branchenkenner vieles dafür, dass der Anstieg nicht so dramatisch sein dürfte wie beim Gas. „Der Strompreis wird sicher auch steigen, aber nicht ganz so heftig“, so Florian Stark von Check24. Die Entwicklung an den Strombörsen sei weniger drastisch. Zudem machten Kosten für Beschaffung und Vertrieb bei Strom „nur“ 44 Prozent des Preises aus, bei Gas über 60 Prozent.