Der Windpark Butendiek, rund 30 Kilometer vor Sylt in der Nordsee. Foto: dpa/Daniel Reinhardt

Einsam steht die 125 Meter hohe Windkraftanlage im Rostocker Breitling, einer Verbreiterung der Warnow vor ihrer Mündung in die Ostsee. Seit 15 Jahren drehen sich die Rotoren der ersten deutschen Offshore-Windkraftanlage mit einer Leistung von 2,5 Megawatt. Am 15. Februar 2006 wurde sie in Betrieb genommen.

Seitdem hat sich viel getan bei der Windenergie auf See – in Partystimmung ist die Branche aber nicht. Nach Branchenangaben waren Ende 2020 rund 1501 Offshore-Windenergieanlagen mit einer Leistung von 7770 Megawatt in Betrieb – im europäischen Vergleich belegt Deutschland damit den zweiten Platz hinter Großbritannien. Der Anteil der Offshore-Windenergie an der Bruttostromerzeugung liegt nach Angaben des Energieverbandes BDEW bei rund 5 Prozent. 

Der Geschäftsführer des Bundesverbands der Offshore-Windparkbetreiber, Stefan Thimm, findet, dass die Anlagen als verlässlicher und preisgünstiger Stromlieferant nicht mehr wegzudenken seien. „Umso bedauerlicher ist die momentane Situation der Branche in Deutschland. Wir befinden uns aktuell in einer Ausbaulücke.“ Grund sei eine Reduktion der Ausbauziele im Jahr 2014.

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Davon war 2005 vor Rostock noch keine Rede, als die Fundamentarbeiten in nur zwei Meter Wassertiefe begannen. Material und Arbeiter mussten mit Schiffen zur Baustelle transportiert werden. Nie zuvor war in Deutschland eine Windkraftanlage unter solchen Umständen errichtet worden.

Bisher mussten keine Hauptkomponenten getauscht werden, sagt der Chef des Betreibers Wind-Projekt in Rostock, Carlo Schmidt. Für Anlagen dieser Leistungsklasse sei dies außergewöhnlich. „Die Erwartungen wurden voll erfüllt.“

Das würde die Windenergiebranche auch gerne über die Bundesregierung sagen. Zwar wurden in der kurz vor Jahresende beschlossenen Novelle des Erneuerbare-Energien-Gesetzes (EEG) die Ausbauziele auch bei der Windenergie auf See erhöht, und zwar um 5 auf 20 Gigawatt für das Jahr 2030 sowie 40 Gigawatt für 2040. Aufgrund der langen Vorlaufzeiten bei der Netz- und Parkplanung sollen die zusätzlichen Parks laut Thimm aber erst in den Jahren 2029 und 2030 ans Netz gehen.

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Die schwarz-rote Koalition will im ersten Quartal darüber verhandeln, wie die Ausbauziele bei den erneuerbaren Energien weiter erhöht werden können, Hintergrund sind verschärfte EU-Klimaziele. Thimm fordert, es müssten zusätzliche Potenziale vor allem im Küstenmeer gesucht werden, um die Auswirkungen der Ausbaulücke aufzufangen. Konflikte um die Nutzung der Flächen auf See durch Schifffahrt, Marine und Naturschutz müssten pragmatisch gelöst werden.

Das erste deutsche Offshore-Windrad vor Rostock. Foto: dpa-Zentralbild/Bernd Wüstneck

Für Mecklenburg-Vorpommern und andere Küstenländer hat sich die Offshore-Windbranche zu einen erheblichen Wirtschaftsfaktor entwickelt. „Auch den Häfen im Land kommt als Basisstationen für die Errichtung der Offshore-Anlagen verstärkt eine zentrale Rolle zu“, sagte Mecklenburg-Vorpommerns Infrastrukturminister Christian Pegel (SPD).

Das Land hat sich trotz seiner im Vergleich zu Nordsee-Anrainerländern geringen Küstenmeerfläche ambitionierte Ziele gesetzt. Im Landesraumentwicklungsprogramm sind etwa 170 Quadratkilometer vorgesehen, um bis 2025 vor der Küste zwei Gigawatt Strom zu erzeugen.