Eine Frau steht während einer Demonstration nach dem Tod der 22-jährigen Mahsa Amini vor einem brennenden Autoreifen und zeigt das Victory-Zeichen.
Eine Frau steht während einer Demonstration nach dem Tod der 22-jährigen Mahsa Amini vor einem brennenden Autoreifen und zeigt das Victory-Zeichen. dpa

Als die junge iranische Kurdin Jina Mahsa Amini vor gut drei Monaten in einem Krankenhaus im Sterben liegt, haben viele Menschen im Iran bereits einen Verdacht. Ein Foto, das die 22-Jährige mit Beatmungsschlauch und geschlossenen Augen auf einer Intensivstation in der Hauptstadt Teheran zeigt, verbreitet sich rasant.

Viele Menschen gehen bereits davon aus, dass Amini nach ihrer Festnahme durch die Sittenwächter Gewalt erlitten haben muss. Die berüchtigte Moralpolizei hatte die Studentin nur drei Tage zuvor wegen eines schlecht sitzenden Kopftuchs mitgenommen.

Die junge Frau stirbt und am Tag nach ihrem Tod entladen sich Wut und Trauer bei der Beerdigung in ihrer Heimatstadt Saghes. Ausgehend von ihrer Heimat Kurdistan verbreiten sich Proteste wie ein Lauffeuer im ganzen Land. Richtet sich der Unmut zu Beginn noch gegen die islamischen Kleidungsvorschriften, entwickeln sich die Demonstrationen zu einem Belastungstest für das gesamte politische System der Islamischen Republik. Die Führung in Teheran befindet sich seitdem in der schwersten politischen Krise seit Jahrzehnten, mit ungewissem Ausgang.

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Auch in Washington wird an Jina Mahsa Amini erinnert.
Auch in Washington wird an Jina Mahsa Amini erinnert. IMAGO/NurPhoto

Gewalt war zunächst auch offiziell die Todesursache

Doch wie kam es dazu? Fatemeh Shams, Assistenzprofessorin an der University of Pennsylvania für Persische Literatur, sieht hinter den Demonstrationen großen Unmut. Aminis Festnahme und ihr Tod hätten ein Gefühl von Betroffenheit in der Gesellschaft ausgelöst. Viele hätten gedacht, es hätte sie selbst, ihre Schwester oder Freundin treffen können. „Ich denke, der wichtigste Grund für diesen Aufstand ist, dass Jinas Körper zum Ausdruck der verschiedenen Ebenen staatlicher Unterdrückung und der Diskriminierung von Frauen wurde“, sagt Shams.

Lange bemüht sich der Staat mit lückenhaften Erklärungen um eine offizielle Version, warum die junge Frau gestorben ist. Dabei hatte das Krankenhaus schon wenige Tage nach ihrer Verhaftung Gewalt als Todesursache angeführt, die Mitteilung später jedoch gelöscht. Eine Obduktion fand nie statt.

Die Journalistinnen, die ihren Fall bekannt machten, sitzen bis heute als „Staatsfeinde“ im berüchtigten Ewin-Gefängnis. Auch auf die Proteste reagiert der Sicherheitsapparat mit äußerster Brutalität. Immer wieder machen führende Politiker das Ausland für die Unruhen verantwortlich.

Expertin Fatemeh Shams von der University of Pennsylvania.
Expertin Fatemeh Shams von der University of Pennsylvania. dpa/Dirk Skiba

„Kontakt zu den wirklichen Menschen verloren“

Für Shams ist das staatliche Vorgehen Ausdruck eines tief gespaltenen Landes. „Ich glaube nicht, dass sie wussten, wie sehr sie den Kontakt zur wirklichen Gesellschaft, zu den wirklichen Menschen, zur neuen Generation verloren haben“, sagt Shams, die Ablehnung und Wut auch in konservativen Schichten beobachtet. „Ich denke, dass die Regierung ihre Legitimität und Beliebtheit bei einem großen Teil der traditionell religiösen Menschen auch deshalb verloren hat, weil sie die Religion missbraucht, um unschuldige Menschen, insbesondere Kinder und junge Mädchen, zu unterdrücken, zu kontrollieren, zu vergewaltigen und zu töten.“

„Frau, Leben, Freiheit“ rufen die Anhänger der Proteste im Iran und Unterstützer der Bewegung im Ausland. „Die ersten, die diesen Slogan tatsächlich skandierten, waren die Frauen, die an der Beerdigung von Jina teilnahmen“, sagt die Expertin.

Auch die jahrzehntealten kurdischen Wurzeln der Parole, die im Zuge der Proteste ins Persische übersetzt wurden, seien lange übersehen worden. Daher sei es wichtig, diese Bewegung auch „als Teil des größeren kurdischen Kampfes in der Region zu verstehen“, erklärt Shams.

Solidarität mit dem Iran in aller Welt. Auch bei der Fußball-WM.
Solidarität mit dem Iran in aller Welt. Auch bei der Fußball-WM. AFP/Giuseppe Cacace

Worte der Versöhnung sind nicht zu hören

Mehr als 40 Jahre nach der Islamischen Revolution verteidigt die politische Führung in Teheran ihren eisernen Kurs. Worte der Versöhnung sind nicht zu hören, während der internationale Druck wegen des gewaltsamen Vorgehens auf Teheran steigt. Das Land befindet sich nach der Exekution von zwei Demonstranten im Schock, mindestens zwei Dutzend weitere Inhaftierte sitzen nach Prozessen im Schnellverfahren im Todestrakt. Auch die Berichterstattung internationaler Medien ist der Führung ein Dorn im Auge. Instagram und Whatsapp wurden im Zuge der Proteste gesperrt.

Vor allem die Unzufriedenheit und Ablehnung der jungen Generation hätten den Staatsapparat überrumpelt, meinen Beobachter. „Durch das Internet und Satellitenempfang wissen sie sehr gut, wie ein normales Leben ohne dieses Regime aussieht. Diese Erkenntnis hat eine soziale Revolution ausgelöst: Sie haben begonnen, sich ein Leben ohne die Islamische Republik vorzustellen“, erklärt Shams. „Wir sehen auch einen Generationswechsel, der Schulkinder und Schülerinnen an die Spitze der Proteste gebracht hat, was ein völliges Novum ist.“

Hoffnungen der Protestbewegung auf einen schnellen Systemwechsel sieht sie jedoch kritisch. „Wenn sie die Menschen dieses Mal völlig zum Schweigen bringen und die Welt das durchgehen lässt, würde das die Zivilgesellschaft in ihren Grundfesten erschüttern, weil die Menschen im Grunde nichts mehr zu verlieren hatten.“