21. Dezember 1972:  Der Staatssekretär im Bundeskanzleramt, Egon Bahr (SPD, vorne am Tisch), und sein  Verhandlungspartner Michael Kohl, DDR-Staatssekretär für westdeutsche Fragen, nach der Unterzeichnung des Grundlagenvertrages im Ostberliner Ministerratsgebäude.
21. Dezember 1972:  Der Staatssekretär im Bundeskanzleramt, Egon Bahr (SPD, vorne am Tisch), und sein  Verhandlungspartner Michael Kohl, DDR-Staatssekretär für westdeutsche Fragen, nach der Unterzeichnung des Grundlagenvertrages im Ostberliner Ministerratsgebäude. dpa/Chris Hoffmann

Der Name war monströs: „Vertrag über die Grundlagen der Beziehungen zwischen der Bundesrepublik Deutschland und der Deutschen Demokratischen Republik“. Und doch steckte im „Grundlagenvertrag“ zwischen Bundesrepublik und DDR Zunder, mindestens aber Hoffnung, als er vor 50 Jahren am 21. Dezember 1972, unterzeichnet wurde.

Hoffnung zum Beispiel bei Rainer Eppelmann. Der steckte 1972 in der DDR mitten im Theologiestudium. Acht Monate Militärgefängnis hatte der Oppositionelle, spätere Bürgerrechtler und gegen Ende der DDR „Abrüstungsminister“ schon hinter sich, weil er als Bausoldat ein Gelöbnis verweigert hatte. Mit seinen 29 Jahren stellte sich der junge Familienvater auf zähe Jahre im ungeliebten SED-Staat ein.  

Rainer Eppelmann berichtet über seine Gedanken im Jahr 1972, als der deutsch-deutsche Grundlagenvertrag unterzeichnet wurde.
Rainer Eppelmann berichtet über seine Gedanken im Jahr 1972, als der deutsch-deutsche Grundlagenvertrag unterzeichnet wurde. dpa/Annette Riedl

Ganz ähnlich ging es Gregor Gysi, obwohl er in der DDR weit weniger aneckte. Als Mitglied der Staatspartei SED machte Gysi eine juristische Blitzkarriere und arbeitete im Dezember 1972 schon ein Jahr als Anwalt. Doch der damals 24-Jährige hatte dasselbe Gefühl des Aufbruchs. „Ich war sehr aufgeregt, ehrlich gesagt“, erinnert sich der heutige Linken-Politiker.

Auf politischer Ebene waren die Erwartungen gedämpft. Der West-Unterhändler Egon Bahr gab nach seiner Unterschrift zu Protokoll (die Ost-Unterschrift kam vom Diplomaten Michael Kohl): „Bisher hatten wir keine Beziehungen, jetzt werden wir schlechte haben – und das ist der Fortschritt.“

Das Abkommen war ein Eckstein von Bundeskanzler Willy Brandts  Ostpolitik nach dem Prinzip „Wandel durch Annäherung“ und ein Drahtseilakt, denn die Opposition in Bonn tobte. Für den damals neuen SED-Chef Erich Honecker war der Vertrag dagegen ein Triumph – und dann doch der Beginn eines langen Weges in den Zerfall der DDR 1989 und ihr Ende ein Jahr später.

Machtprobe in Bonn, die Stasi half Brandt

Brandt, zunächst Regierender Bürgermeister in West-Berlin, wollte vor allem Erleichterungen für Bürger in Ost und West, die seit dem Mauerbau 1961 kaum mehr zueinander kamen. Ab 1966 als Außenminister und ab 1969 als Kanzler begann der SPD-Politiker deshalb seine „neue Ostpolitik“.

1970 kamen zunächst der Moskauer Vertrag mit der Sowjetunion und der Warschauer Vertrag mit Polen. Damit erkannte Bonn die Realitäten nach dem Zweiten Weltkrieg an, so auch die polnische Westgrenze an Oder und Neiße. 

Der CDU-Vorsitzende Rainer Barzel gratuliert Willy Brandt, den er als Bundeskanzler ablösen wollte, nach dem gescheiterten Misstrauensvotum im Bonner Bundestag.
Der CDU-Vorsitzende Rainer Barzel gratuliert Willy Brandt, den er als Bundeskanzler ablösen wollte, nach dem gescheiterten Misstrauensvotum im Bonner Bundestag. dpa

Die Ratifizierung dieser Verträge wurde im Frühjahr 1972 zur Machtprobe mit der CDU/CSU, die die Verträge ablehnte und versuchte, Brandt mit einem konstruktiven Misstrauensvotum zu stürzen. Der SPD-Kanzler überstand die Abstimmung, weil die Stasi zwei Unionsabgeordnete geschmiert hatte, wie später herauskam. Ihre Stimmen fehlten der Union, um Willy Brandt durch Rainer Barzel ablösen zu können. Im November gewann die SPD mit dem Koalitionspartner FDP vorgezogene Neuwahlen.

Damit war der Weg frei für das Abkommen mit der DDR. Es sollte „gutnachbarliche Beziehungen zueinander auf der Grundlage der Gleichberechtigung“ bringen. Klingt heute banal, war jedoch für die Bundesrepublik ein großer Schritt. Bis 1969 hatte offiziell die Hallstein-Doktrin gegolten: Bonn sah sich als Alleinvertretung für alle Deutschen. Wenn andere Staaten die DDR anerkannten, wurde das in Bonn als unfreundlicher Akt gesehen. Einen Abbruch der diplomatischen Beziehungen hatte es deshalb gegenüber Jugoslawien und Kuba gegeben.

Diplomatische und sprachliche Verrenkungen

Kritiker führten gegen den Grundlagenvertrag ins Feld, die DDR werde aufgewertet und die deutsche Teilung zementiert. Die Formulierung des Abkommens glich deshalb verbaler Verrenkung. Die Bundesregierung akzeptierte zwar de facto die DDR als Staat, aber nicht als Ausland. Deshalb wurde der Austausch von Diplomaten in „Ständigen Vertretungen“ vereinbart, nicht in Botschaften. Und die Ständige Vertretung der Bundesrepublik in Ost-Berlin  war dann „bei“ und nicht „in“ der DDR, weil auch die „Hauptstadt“ eigentlich dem Viermächtestatus unterlag.

Auch von einer eigenen DDR-Staatsbürgerschaft wollte die Bundesregierung nichts wissen. In einem „Brief zur deutschen Einheit“ stellte sie klar, dass der Vertrag nicht dem Ziel der Wiedervereinigung widerspreche.

Trotz dieser rhetorischen und rechtlichen Pirouetten war die Existenz der beiden deutschen Staaten nun quasi amtlich. Am 18. September 1973, nach einer Verfassungsklage Bayerns und der Ratifizierung des Abkommens,  wurden sowohl die Bundesrepublik als auch die DDR als eigene Mitgliedsstaaten in die Vereinten Nationen aufgenommen. Für Honecker und die SED-Führung ein großer symbolischer Erfolg.

DDR wollte nicht mehr „Schmuddelkind“ sein

Viele hätten sich gefreut, dass „wir nicht das Schmuddelkind irgendwo in der Ecke sind“, sagt Rainer Eppelmann. „Sondern wir sind gleichberechtigt, mit der Hoffnung, auch das wird dazu beitragen, dass Handel und Wandel intensiver wird und wir davon ein Stück weit was mitkriegen.“ Auch jene, die mit dem Regime haderten, griffen nach dem Strohhalm. „Das gegenwärtige Leben empfanden ja viele als so schlecht, dass sie Hoffnung haben mussten“, sagt Eppelmann (79), später eine der treibenden Kräfte im Umbruch 1989/1990 und heute Vorsitzender der Bundesstiftung Aufarbeitung.

Honecker, der erst 1971 Walter Ulbricht als DDR-Führungsfigur abgelöst hatte, und nährte Hoffnungen auf eine andere Politik mit mehr Konsumgütern, besserer Wohnungen, mehr Freiheiten. Und genau das schien das deutsch-deutsche Abkommen anzubahnen. In den 1970er Jahren folgten Abkommen, etwa zur Regelung von Post- und Telefonkontakten oder über den Bau der Transitautobahnen.

Westfernsehen und Manuskriptboten

„Der Grundlagenvertrag hat die DDR verändert“, sagt Linken-Politiker Gysi. „Es gab einen Öffnungsprozess.“ Plötzlich kamen nicht nur westdeutsche Diplomaten ins Land, sondern auch Journalisten. Berichte aus der DDR kamen über das Westfernsehen zurück in den Osten.

Die Bekanntschaft zu Korrespondenten konnte auch ganz praktischen Nutzen haben, wie der ehemalige Dissident und Schriftsteller Lutz Rathenow berichtet. „Fast alle Manuskripte und Briefe in den Westen, Belegexemplare und Antwortschreiben aus dem Westen wären sonst so nie transportiert worden“, sagt Rathenow. „Ohne Grundlagenvertrag und einiger von den Unterzeichnern nicht so geplanter Nebenwirkungen wäre mein Leben ganz anders verlaufen.“ Es seien subversive Ost-West-Netzwerke entstanden.

Wichtiger noch waren vielleicht das Reisen und der Austausch im Alltag, die ja Brandts eigentliches Ziel waren. Nach dem Grundlagenvertrag durften nicht nur Rentner, sondern jährlich auch einige Tausend jüngere Menschen aus der DDR zu „dringenden Familienangelegenheiten“ nach Westdeutschland fahren, wie der Historiker Sascha-Ilko Kowalczuk in einem Vortrag in Erinnerung rief. Von West nach Ost gab es nach seinen Zahlen jährlich fünf bis acht Millionen Privatreisen.

Mit einem Mal viel Westen im Osten

„Der Westen war im Osten omnipräsent“, erklärte Kowalczuk. Gemeint sind die Westmedien, die Westprodukte, die West-Mark, und natürlich West-Berlin mittendrin. „Fast alles schien erstrebenswert, was nach Bundesrepublik roch, so aussah oder so schmeckte.“ Die D-Mark sei inoffiziell zur zweiten Währung in der DDR geworden. „Hatte man Westgeld, war praktisch alles zu haben.“

Der Grundlagenvertrag reichte also tief in den Alltag hinein, er brachte Wandel, vielleicht auch Annäherung - aber bahnte das den Weg zur Deutschen Einheit? Vielleicht indirekt. Eppelmann sagt, die Hoffnung in der DDR sei ziemlich schnell verschwunden. „Es wurde hinterher wieder schlimmer.“ Auch das sieht Gysi ähnlich: „Das war eine kurze Blüte.“

Beide nennen als Wendepunkt die Ausbürgerung des Liedermachers Wolf Biermann 1976. Danach gingen Künstler wie Manfred Krug oder Nina Hagen in den Westen. Wer blieb, der fand oft nur Stagnation.  Je länger das Provisorium der Zweistaatlichkeit währte, desto unwahrscheinlicher schien sein Ende. Bis Eppelmann und andere 1989 Anlauf nahmen und das DDR-Mauerregime sein Ende fand.