Reste der Berliner Mauer stehen im Juni 1990 zwischen den Berliner Bezirken Mitte und Kreuzberg. Foto: Imago Images/Peter Homann

Menschenmassen, Party, Feuerwerk: Am 3. Oktober 1990 feierten Ossis und Wessis in Berlin die deutsche Einheit. Doch knapp 30 Jahre später lösen die Erinnerungen an damals nicht mehr bei jedem große Gefühle aus. Viele Bürger der alten Bundesrepublik sagen heute, dass sie keinen persönlichen Bezug zu den Ereignissen entwickelt hätten.   

Ost und West bleiben verschieden. Das gilt auch, wenn es um den Blick auf die Geschichte der Wiedervereinigung geht. Dies ist das Ergebnis einer neuen Studie der Bertelsmann-Stiftung in Gütersloh, für die knapp 1600 Bürger befragt wurden. Während der Umbruch von 1989/90 für viele Ostdeutsche mit tiefgreifenden Veränderungen in ihrem eigenen Leben verbunden ist, haben viele Westdeutsche eine größere innere Distanz zu den Ereignissen.     

Geglückte Revolution oder Scheitern der DDR?

„Die deutsche Einheit ist im Osten die Geschichte der friedlichen Revolution und der Montagsdemonstrationen, durch die schließlich die Wende herbeigeführt wurde“, sagt Bertelsmann-Experte Kai Unzicker. Die westdeutsche Interpretation der Geschehnisse handle hingegen „vom Scheitern der DDR an ihren wirtschaftlichen und politischen Unzulänglichkeiten, woraus zwangsläufig die Wiedervereinigung folgen musste“, so Unzicker.

Insgesamt ist die Wiedervereinigung für 90 Prozent der Deutschen ein Ereignis, das großen oder sogar sehr großen Einfluss auf das Land hatte. Der Anteil derer, für die es einen großen oder sehr großen Einfluss auf das eigene Leben hatte, ist laut Studie im Osten mit 74 Prozent aber deutlich größer als im Westen. Dort sind es nur 61 Prozent. Bei den Menschen im Osten überwiegt zudem noch immer das Gefühl, dass mit der Wiedervereinigung viele Dinge verlorengingen, die in der DDR gut funktionierten. 84 Prozent sind laut Bertelsmann-Studie dieser Meinung.

Feiernde Männer mit NVA-Mützen umarmen sich am 3. Oktober 1990, dem Tag der Wiedervereinigung. Foto: Imago Images/Werner Schulze

Die Frage, ob es einen Unterschied macht, aus Ost- oder Westdeutschland zu kommen, verneinen 55 Prozent der Westdeutschen, aber nur 38 Prozent der Ostdeutschen. 83 Prozent der Ex-DDR-Bürger geben an, nach der Wiedervereinigung 1990 unfair behandelt worden zu sein. Mehr als die Hälfte fühlt sich immer noch wie ein Bürger zweiter Klasse beurteilt, während nur 21 Prozent der Westdeutschen dies von den Ostdeutschen sagen.

Erzwungene Anpassung an das West-System

„Die Befragten im Osten empfinden es vielfach so, dass damals keine neue gemeinsame Gesellschaft entstanden sei. Vielmehr sei ihnen mit der Einheit nur das westdeutsche System übergestülpt worden, an das sie sich anpassen mussten“, sagt Jana Faus vom Berliner Forschungsinstitut Pollytix, das die Studie für Bertelsmann durchführte.

Von den älteren Ostdeutschen über 55 Jahren sind 85 Prozent der Meinung, dass sie mehr Anerkennung für die friedliche Revolution verdienen. Umgekehrt reklamieren die älteren Westdeutschen mehr Anerkennung für die Finanzierung der Einheit. Gleichwohl fanden die Studien-Macher auch viel Verbindendes zwischen Ost- und Westdeutschen. Expertin Jana Faus sagt: „Sprache, Geschichte, Leistung und Solidarität sind – etwas zugespitzt – die vier Elemente, die für alle unsere Studienteilnehmer den Kern des heutigen Deutschseins ausmachen.“ (mit AFP, dpa)