RKI-Chef Lothar Wieler und Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU). Foto: dpa/Kay Nietfeld

„Uns stehen harte Wochen bevor.“ Wie düster die Corona-Aussichten für unser Land sind, spiegelte sich gestern im Gesicht von Lothar Wieler wider. Eindringlich warnte der RKI-Chef die Politik und die Deutschen. Es gebe „deutliche Signale“, dass die dritte Corona-Welle „noch schlimmer werden kann als die ersten beiden Wellen.“ Wir müssten uns darauf einstellen, dass die Zahl der Infizierten stark steige, dass Kliniken überlastet werden und „viele Menschen auch sterben“. Darin sei sich die Wissenschaft einig.

Lesen Sie auch: Trügerische Sicherheit! Schnelltests erkennen im Schnitt NUR 58 PROZENT der Infizierten ohne Symptome >>

„Wir müssen Ansteckungen verhindern. Jetzt sofort und mit allen Mitteln, die uns zur Verfügung stehen“, so Wieler. „Wenn wir nicht sofort massiv gegensteuern, werden die Folgen gravierend sein“, betonte auch Gesundheitsminister Jens Spahn. Er forderte die Bevölkerung auf, Kontakte zu reduzieren und die Regeln zur Pandemie-Eindämmung einzuhalten und warnte vor einer baldigen Überlastung der Kliniken. „Wenn das ungebremst weitergeht, laufen wir Gefahr, dass unser Gesundheitssystem im Laufe des Aprils an seine Belastungsgrenze kommt.“

Spahn appellierte an die Länder, die vereinbarte „Notbremse“ bei hohem Infektionsgeschehen konsequent anzuwenden. Damit kritisierte er unter anderen auch Berlins Regierenden Michael Müller, der sich zuletzt geweigert hatte, die Öffnungsschritte der letzten Wochen zurückzunehmen – trotz steigender Zahlen über 100. 

Bitte verreisen Sie nicht

Für die Osterzeit empfahl Wieler nur Treffen im engsten Familienkreis - und sonst mit Maske am besten draußen. „Bitte verreisen Sie möglichst nicht, weder im Inland noch ins Ausland.“

Zuvor hatte Charité-Virologe Christian Drosten bereits „schlimme Befürchtungen“ geäußert. Er halte im „im schlimmsten Fall Fallzahlen von 100.000 pro Tag“ für möglich. Zwar seien das dann hauptsächlich jüngere Leute mit weniger schweren Verläufen. Die Intensivstationen würden sich jedoch trotzdem schnell füllen.

Auch Lothar Wieler hält dieses Szenario für „vorstellbar“ – und forderte deshalb „einen Lockdown, der seinen Namen auch verdient“.

Ausgangssperre das beste Mittel?

SPD- Gesundheitsexperte Karl Lauterbach ist überzeugt, dass eine zweiwöchige Ausgangssperre das beste Mittel wäre. „Ausgangssperren haben einen extrem schlechten Ruf, aber sie wirken“, sagte er mit Blick auf Portugal, Großbritannien und mehrere Regionen in Frankreich. „In den nächsten Monaten werden wir mit der britischen Corona-Variante die 40- bis 70-Jährigen haben, die schwer erkranken.“ Lauterbach glaubt, dass „50.000 neue Infektionen am Tag kommen werden.“ Bisher handele die Regierung nach der Maxime: etwas machen, was dem Bürger nicht wehtut, aber auch keinen Erfolg haben wird.

Der SPD-Politiker will eine andere Strategie: „Zwei Wochen lang die Lockerungen weglassen, auch keine Projekte wie in Berlin und Rostock“, sagte der Epidemiologe. „Wir sind hier ja nicht bei Jugend forscht.“ Sobald das exponentielle Wachstum der Corona-Neuinfektionen gestoppt ist, könnten Versuche wie zum Beispiel im Saarland starten.