Adile Şimşek, die Witwe des ermordeten Enver Şimşek, legt zusammen mit ihrem Sohn Blumen an einer Gedenktafel für das erste NSU-Opfer ab.  Foto: Bodo Schackow/dpa-Zentralbild/dpa

Abdulkerim Şimşek ist innerlich aufgewühlt. Zum ersten Mal ist er an den Ort gekommen, an dem die rechtsextremen Mörder seines Vaters aufgewachsen sind und sich radikalisiert haben. 20 Jahre nach dem Tod von Enver Şimşek in Nürnberg legt der 33-Jährige am Rand der Plattenbausiedlung in Jena-Winzerla mit seiner Familie weiße Rosen an einer neuen Gedenktafel nieder. „Ich vermisse ihn noch immer sehr“, sagt Şimşek mit brüchiger Stimme über seinen Vater. Und er ist besorgt angesichts der Berichte über rechtsextreme Chatgruppen von Polizisten. „So etwas darf bei der Polizei, wo Betroffene rechtsextremer Gewalt Schutz suchen, einfach nicht passieren.“

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Zwei Jahrzehnte nach dem ersten Mord der Terrorzelle „Nationalsozialistischer Untergrund“ (NSU) hat die Stadt Jena am Samstag einen Platz nach dem Getöteten Enver Şimşek benannt. Das sei ein Wunsch aus der Bürgerschaft gewesen, betont Oberbürgermeister Thomas Nitzsche (FDP). Denn die Haupttäter stammen aus Jena, dort haben sie sich in den 1990er Jahren radikalisiert. Später sind sie in Sachsen untergetaucht und haben acht türkischstämmige und einen griechischstämmigen Kleinunternehmer sowie eine Polizistin ermordet. Auch an sie wird auf einer goldenen Tafel auf dem Enver-Şimşek-Platz erinnert.

In Jena, wo die Täter des NSU sich einst radikalisierten, wurde ein Platz nach ihrem ersten Opfer Enver Şimşek benannt.  Foto: Martin Schutt/dpa-Zentralbild/dpa

Doch auch nach dem aufwendigen NSU-Prozess in München und mehreren Untersuchungsausschüssen bleibt rechtsextreme Gewalt und Rassismus in Deutschland ein brandaktuelles Problem, wie mehrere Redner an diesem Tag betonen. „Todbringender Hass ist noch immer mitten unter uns“, schreibt Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier in einem Grußwort, das bei der Benennung des Platzes verlesen wird. Dabei verweist er auf die Anschläge von Hanau und Halle. „Es ist nicht so, dass wir aus dem NSU das gelernt hätten, was wir hätten lernen müssen“, betont auch Thüringens Ministerpräsident Bodo Ramelow (Linke).

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Ramelow, der an diesem sonnigen Tag einen schwarzen Mund-Nasen-Schutz mit der Aufschrift „Rassismus tötet“ trägt, schlägt den Bogen zu den jüngst aufgedeckten Chats von Polizisten in Nordrhein-Westfalen und Mecklenburg-Vorpommern. „Ich frage mich, wie Polizeikollegen so etwas schweigend hinnehmen können?“ Solche Vorfälle dürften nicht als Einzelfälle abgetan werden, betont er. Eine wissenschaftliche Analyse zu Rassismus bei der Polizei sei längst überfällig.

Semiya (l.) und Abdulkerim Şimşek (M.), Tochter und Sohn von Enver Şimşek, zusammen mit Thüringens Regierungschef Bodo Ramelow (Die Linke) am neuen Enver-Şimşek-Platz in Jena. Am 9. September 2000 war Enver Şimşek in Nürnberg niedergeschossen worden und starb zwei Tage später. Foto: Bodo Schackow/dpa-Zentralbild/dpa

Jena ist nicht die erste Stadt, in der eine Straße oder ein Platz nach einem der NSU-Mordopfer benannt wird. In Kassel etwa erinnert seit 2012 der Halitplatz an Halit Yozgat, der 2006 vom NSU ermordet wurde. In Hamburg wurde 2014 eine Straße nach Süleyman Taşköprü benannt unweit des Ortes, wo er 2001 im Lebensmittelgeschäft seines Vaters erschossen wurde. In Nürnberg, wo neben Şimşek auch Abdurrahim Özüdogru und Ismail Yaşar Opfer der NSU-Terroristen wurden, fordert ein Bündnis von Vereinen und Parteien die Straßen an den Tatorten nach ihnen zu benennen und dort Gedenktafeln aufzustellen.

„Wir müssen noch heute davon ausgehen, dass Mittäter frei herumlaufen.“

Dass die Initiative zu dem Enver-Şimşek-Platz in Jena aus der Bürgerschaft selbst kam, gebe ihm und seiner Familie sehr viel Kraft, bekennt Abdulkerim Şimşek. Doch er sieht nach wie vor sehr viel Nachholbedarf im Kampf gegen Rassismus und rechtsextremen Einstellungen in Deutschland. „Der Staat ist weiterhin auf dem rechten Auge blind“, sagte er. Die Urteile im Münchner NSU-Prozess seien zu milde gewesen und schreckten rechte Gewalttäter nicht ab. Zudem seien bis heute nicht alle Hintergründe zur Terrorserie und ihrer Unterstützer aufgeklärt, erklärt der 33-Jährige. „Wir müssen noch heute davon ausgehen, dass Mittäter frei herumlaufen.“