Finnlands Ministerpräsidentin Sanna Marin und Präsident Sauli Niinistö haben den Kurs Nato eingeschlagen.
Finnlands Ministerpräsidentin Sanna Marin und Präsident Sauli Niinistö haben den Kurs Nato eingeschlagen. dpa/Lehtikuva/Markku Ulander

Finnlands Präsident Sauli Niinistö und Ministerpräsidentin Sanna Marin haben sich dafür ausgesprochen, dass ihr Land nach jahrzehntelanger Neutralität in die Nato eintritt. Jetzt wird erwartet, dass in den nächsten Tagen ein entsprechender Aufnahmeantrag bei dem Verteidigungsbündnis eingeht. Anlass des Beitrittswunschs ist der russische Angriff auf die Ukraine.

Finnland hat so seine Erfahrungen mit dem großen Nachbarn: 1939 griff die Sowjetunion an und entriss den Finnen 1940 den Landstrich Karelien. An der Seite Deutschlands versuchten die Finnen bis 1944, das im „Winterkrieg“ verlorene Gebiet zurückzuholen, was am Ende scheiterte. Man verlor noch mehr. Danach manövrierte Finnland neutral durch die Geschichte, immer bedacht, die UdSSR beziehungsweise Russland nicht zu reizen. Doch jetzt, nach dem russischen Angriff auf die Ukraine, will der EU-Staat Finnland auch der Nato beitreten, und eine Drei-Viertel-Mehrheit der Finnen ist laut Umfragen dafür.

Wie Nato-Kandidat Finnland der Sowjetisierung entging

Der Beitritts-Antrag würde die Ost-West-Balance des Landes deutlich verschieben. „Es ist eine komplizierte Geschichte“, sagt Henrik Meinander. Der Historiker der Uni Helsinki erforschte, wie Finnland im Gegensatz zu den baltischen Staaten einer „Sowjetisierung“  entgehen konnte.

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Finnland war lange Zeit Teil des Königreichs Schweden. Dieses Königreich wurde 1808 von Russland angegriffen, worauf die Finnen für mehr als 100 Jahre unter dessen Herrschaft fielen. Als russisches Großfürstentum schaffte es Finnland jedoch, weitgehend autonom zu bleiben.  Im Zuge der Oktoberrevolution 1917 erklärte sich Finnland dann für unabhängig.

Sowjetunion überfiel Finnland

Das finnisch-russische Verhältnis blieb dennoch kompliziert. Nach einer vorgetäuschten finnischen Provokation  verübte die Sowjetunion 1939 seinen vorerst letzten militärischen Angriff auf Finnland. Ähnlich schlecht geführt wie die russische Armee jetzt in der Ukraine, erlitt die Rote Armee schwerste Verluste und brauchte ein halbes Jahr, um zu siegen.

Im „Fortsetzungskrieg“ ging das Finnland eine zwiespältige Waffenbrüderschaft mit Nazideutschland ein, schloss dann aber einen Friedensvertrag mit Moskau, in dessen Zuge es Gebiete abtreten musste. Der Historiker Meinander: „Finnland wurde verstümmelt und verwundet, blieb aber unabhängig.“

Die Finnen fügten der Roten Armee im sogenannten Winterkrieg 1939/40 schwerste Verluste zu
Die Finnen fügten der Roten Armee im sogenannten Winterkrieg 1939/40 schwerste Verluste zu dpa

Mit der Sowjetunion wurde 1948 ein Freundschaftsabkommen geschlossen, das Finnland verpflichtete, dem großen Nachbarn im Falle eines deutschen Angriffs beizustehen. Gleichzeitig bauten die Finnen wachsende Handelsbeziehungen mit dem Westen auf. Auch wenn Finnland militärisch bündnisfrei blieb, orientierte es sich später immer weiter Richtung Westen: Deutschlands Wiedervereinigung taugte als Begründung, das Freundschaftsabkommen mit der Sowjetunion aufzukündigen, 1995 wurde Finnland in die EU aufgenommen.

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Der Historiker stellt fest, dass das Verhältnis zur Sowjetunion und dann zu Russland mehr von Pragmatismus als von Angst geprägt gewesen sei, mit dem Ziel: „Die gesamte finnische Identität baut auf der Idee auf, dass wir verhindern wollen, dass Finnland Teil Russlands wird. Es ist entscheidend, dass wir nicht russisch werden wollen.“

Meinanders Kollege Kimmo Rentola findet, dass sich mit Kremlchef Wladimir Putin das ehemals gute Verhältnis zwischen Russland und Finnland langsam immer weiter verschlechtert. Rentola rechnet damit, dass ein Beitritt Finnlands zur Nato  Spannungen erzeugen würde, letztlich aber eine Folge von Putins eigenem Vorgehen wäre: „Tatsächlich hat Putin quasi selbst entschieden, dass Finnland der Nato beitreten wird.“

Große Mehrheit der Menschen in Finnland will in die Nato

Vor dem russischen Einmarsch in die Ukraine habe sich nie eine Mehrheit unter den Finnen für eine Nato-Mitgliedschaft ausgesprochen. „Der 24. Februar hat das komplett verändert.“ Paradox dabei ist, dass Putin Länder wie Finnland und Schweden, wo die Mehrheit dafür knapp ist, eigentlich unbedingt von genau einem abhalten wollte: einem Beitritt zur Nato. Die finnische Entscheidung wird sich voraussichtlich auch auf Schwedens Haltung auswirken.